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Vorbemerkung 2004
Bei dem in diesem Heft von
»politik
unterricht aktuell«
dokumentierten Lehrerfortbildungskurs zum Thema
»Schlüsselprobleme« und »Curriculumrevision« wurde ein
Kursentwurf Leistungskurs Soziologie/Politik zum Thema »Soziale
Ungleichheit« vorgestellt, der von den beiden Kursleitern Jürgen Wolf und
Gerhard Voigt 1977/78 für die Reformkommission für die Sekundarstufe II
(gymnasiale Oberstufe) in Niedersachsen im gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeld entwickelt worden war. Nach dem Regierungswechsel 1977 in
Niedersachsen wurde der Kurs nicht mehr in den letzten Band der
»Handreichungen« aufgenommen, aber von der GEW Niedersachsen 1978
veröffentlicht:
-
Wolf,
Jürgen / Voigt, Gerhard, 1978: Soziale Ungleichheit. Leistungskurs
Soziologie. [Nichtveröffentlichter Handreichungskurs].
Materialdienst 1/78. GEW Niedersachsen, Hannover.
Das
zu Grunde liegende Konzept einer Schlüsselproblemorientierung wurde Anfang
der neunziger Jahre von der niedersächsischen Bildungspolitik wieder
aufgegriffen und in den neu entwickelten Rahmenrichtlinien Politik
verbindlich festgeschrieben, was einen erheblichen didaktischen
Fortschritt darstellte. (Vgl. dazu die informellen Arbeiten des
Emder Arbeitskreises,
die aus dieser Reformarbeit hervorgegangen sind und als
Internet-Publikationen vorliegen.)
Zentrales Schlüsselproblem, im gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeld Leitlinie zentraler Unterrichtsorientierungen, ist die
»Soziale Ungleichheit« als Verbindung struktureller,
interaktionistischer und ethischer Realitätsdimensionen
(Gerechtigkeitspostulat, Machtprozesse, Symbolische Interaktion und
Politische Kultur).
Anfang des neuen Jahrhunderts findet nun ein
»bildungspolitischer Roll-Back« statt, der gerade diese
Fragestellungen und Problemsichten zu Gunsten einer staatsaffirmativen
Pädagogik ausklammern und aus den öffentlichen Diskursen herausdrängen
will. Die Diskussion um die Ergebnisse der
PISA-Studien ist ein
Vehikel, Schulreform und emanzipative Pädagogik zurück zu drehen, was
letztlich 1977/78 trotz entsprechender Versuche der CDU-Landesregierung
nicht gelungen war.
Um
den Diskurs über das Schlüsselproblem
»Soziale Ungleichheit« wieder zu aktualisieren und ins
Bewusstsein zurück zu rufen, veröffentlichen wir, geleitet durch die
Heftpublikation in
»politik
unterricht aktuell«
Heft 2/1992
eine um Teile des Vorwortes des genannten Kursentwurfes erweiterte
Darstellung, wie der Politik-Unterricht mit dem Thema wie dem
Schlüsselproblem »politik
unterricht aktuell«
umgehen kann. Der letzte Teil erscheint in einer revidierten Fassung von
1996 aus einem für die Unterrichtspraxis überarbeiteten Reader, der
Oberstufen-Lerngruppen an die Hand gegeben wurde. Der Text wurde zudem
noch einmal kritisch durchgesehen, doch war festzustellen, dass die
Grundkonzeption auch heute noch Bestand hat, auch wenn heute weitere
aktuelle Literatur einbezogen werden könnte. Doch wurde auf eine
grundlegende Überarbeitung verzichtet, um die Kontinuität der didaktischen
Paradigmen zu dokumentieren.
I. Konzeption eines
Readers zu den „Sozialen Ungleichheiten“
1. Zum Aufbau
Der Reader besteht aus zwei
themengleichen Teilen. Im ersten Teil findet sich ein eher systematischer
Aufriss, der orientierendes Lernen erlauben soll. – Im zweiten Teil
befinden sich Texte und Materialien, die eher auf entdeckendes Lernen
ausgerichtet sind oder eine besondere Schwerpunktbildung erlauben sollen.
– Der erste Teil setzt das Selbststudium der Schüler voraus, was die
unterrichtliche Umsetzung der Texte dennoch erlaubt.
Besonders nahe gelegt wird eine
Art „doppeltes Verfahren“: Der Schüler erarbeitet sich die Problematik aus
dem systematischen Teil, im Unterricht werden aber Materialien aus dem
zweiten Teil behandelt. Das ergibt zum einen eine Reorganisation des
Gelernten und eine Kontrolle über den eigenen Lernerfolg (man kann das
Wissen anwenden), zum anderen
können verengte Fragestellungen in
einen erweiterten Kontext eingebettet werden.
Der zweite Teil ist im
Selbststudium nicht zugänglich, sondern setzt voraus, dass der Lehrer die
Zugänge eröffnet.
Es wird als selbstverständlich
angenommen, dass andere Materialien und Verfahren den Unterricht ergänzen
oder sogar beherrschen. Der Reader ist sozusagen das Rückgrat oder der
Leitfaden des Unterrichts.
2. Übergreifende Einbettung
des Readers
Er bezieht sich auf folgende
Schlüsselprobleme:
2.1 Katalog der RRL-Kommission in
Gemeinschaftskunde:
2. Umwelt und Wirtschaft
3. Politische Beteiligung und Fremdbestimmung
6a Risikohaftigkeit der Lebensplanung
6b Lebensformen, Selbstfindung und die Erwartungen
der Gesellschaft
7 Globale Ordnung in einer Welt von Ungleichheiten
9a Arbeit und Beschäftigung in der sozialen
Marktwirtschaft
2.2 Im Hinblick auf den Katalog der
Euro-Kommission steht im Vordergrund:
2. Die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit:
Hierzu gehören die Hinterlassenschaften der alten Ungleichheit und der
Aufbau neuer Ungleichheiten im Übergang zur multikulturellen Gesellschaft.
– Allerdings zeigen sich Lücken beim Übergang zur multikulturellen
Gesellschaft.
2.3 Stellung zum exemplarischen
Lernen
Bei der Behandlung von
Schlüsselproblemen kann der Reader am ehesten in der Phase der
vertiefenden Grundlagenbetrachtung Hilfestellung leisten.
Er enthält so gut wie keine Hilfen
für orientierendes Lernen.
Auf seiner Grundlage lässt sich
freilich ein „Kurs“ im konventionellen Sinne leicht erstellen.
3. Zum Aufbau und zu den
fachlichen Konzepten
3.1 Zum allgemeinen Aufbau
Der Reader schreitet fort vom
Besonderen zum Allgemeinen. Die enger gefassten Themen sind abgestimmt auf
die allgemeinen Kapitel, so dass sich beide wechselseitig ergänzen.
3.2 Zum Gedankengang
3.2.1 Auswahlproblem
Die herkömmliche Schichtsoziologie
wird als unergiebig abgelehnt. Es wird aber daran festgehalten, dass die
Wandlungen in der Arbeitswelt die Grundlage für den sozialen Wandel
bilden. In diesem Sinne ist die Webersche Klassenanalyse leitend.
In den Vordergrund werden solche
Prozesse gestellt, die nachvollziehen lassen sollen, wie soziale
Ungleichheiten hergestellt werden. Das „Gemachtsein“ soll zu der
Überlegung führen, ob es nicht auch andere Gestaltungsmöglichkeiten geben
könnte. Der Reader enthält keine politische Prophezeiung, sondern geht
davon aus, dass die Reproduktion unserer Gesellschaft in keiner Weise in
Frage gestellt ist.
Die Verbindung zwischen
ökologischer Diskussion und soziologischer Analyse der Ungleichheit wird
über ein ökonomisches Konzept gesucht. Im Mittelpunkt steht das Kappsche
Konzept der „sozialen Kosten der Marktwirtschaft“; dies enthält die
Empfehlung, einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Analyse den Vorrang zu geben.
– An sich auch ergiebige genuin
soziologische Betrachtungen
sind daher in den Hintergrund gestellt.
3.2.1 Die tragenden Konzepte
Folgende Konzepte tragen die
Ausführungen und ziehen sich explizit oder implizit durch alle Kapitel
hindurch:
-
das
Zentrum-Peripherie-Modell, das auch innergesellschaftlich und hier
wieder auch sektoral und regionale angewendet wird
-
die Auffassung des
Arbeitsmarktes als einer interessengebundenen Verdränungsstruktur – die
Korporatismus-Analyse
-
die Hypothese der
wachsenden Gesellschaftsspaltung
-
die Fortschreibung der
fordistischen Gesellschaft
-
die Hypothese des
wachsenden Realitätsverlustes
Daneben wird an verschiedenen
Stellen die Auseinandersetzung mit anderen geläufigen Konzepten oder
Wahrnehmungsgewohnheiten versucht.
3.2.2 Der thematische Aufbau um einzelnen
Den Ausgangspunkt sollte die
Überlegung bilden, inwiefern wir alle nicht Objekte systemischer Steuerung
geworden sind, wobei dieser Vorgang einhergeht mit einem immer stärkeren
Individualismus als Lebenskonzept. Es ist also zu überlegen, wie diese
beiden Prozesse – Vorandringen der systemischen Steuerung und Raubbau an
der Lebenswelt einerseits, immer stärkerer Glaube an das Individuum
andererseits – zusammengehören. Hierfür gibt es zwei Hypothesen: a) Der
Individualismus ist das falsche Bewusstsein, das die eigentlichen Vorgänge
verschleiert; b) Die Gleichzeitigkeit der beiden Vorgänge birgt eine List
der Vernunft, die zu Hoffnungen Anlass gibt (der wachsende Individualismus
konterkariert immer wieder die Versuche einer Verstärkung der systemischen
Steuerung).
Ein anderer Aspekt derselben
Thematik ist es, dass die Menschen zunehmend in zwei Welten leben: Zum
einen in der großen Welt der Steuerungsprozesse in unseren Börsen und
Konzernleitungen und zum anderen in der Welt der Fuzzies, der Objekte. Das
Interessante ist, dass die Welt der Großen an einem wachsenden
Informationsverlust leidet.
Der politische Kern dieser
Betrachtungen ist die Weltmarktorientierung, der bedenkenlos die humanen
und natürlichen Ressourcen aller Länder geopfert werden. Dem steht eine
regionale Orientierung am Gebrauchswert von Arbeit gegenüber. Insofern ist
die Welt der Wirtschaftens und der Arbeit immer wieder in das Zentrum der
Analyse zu stellen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage, welchen
Platz sich die Bundesrepublik in der Welt sucht und welche Ressourcen
diese Gesellschaft einsetzt zur Absicherung ihrer Weltgeltung.
Es gehört sich, dass im Verlaufe
solcher Betrachtungen wenigstens einmal die theoretischen Prämissen
thematisiert werden. Dies geschieht in der Abgrenzung der Weberschen
Klassenanalyse von der gebräuchlicheren marxistischen und in der
Abgrenzung von der Analyse der sozialen Schichtung. Die webersche Analyse
führt erneut zu dem Gesichtspunkt, daß die Vorgänge am Arbeitsmarkt
zentrale Bedeutung haben, wenn Weber festlegt, dass es die
Vermarktungschancen des Einzelnen sind, die über seine soziale Stellung
bestimmen.
Im weiteren Verlauf werden soziale
Brennpunkte zusammengestellt, die exemparische Zugriffe erlauben, weil sie
überdeutlich die Mechanismen bloßlegen, die diese Gesellschaft
beherrschen. Diese sind:
-
Die Armut als Beispiel für
die Festschreibung von Biographien und die Ausdehnung dieses Schicksals
auf die Kinder.
-
Das Einkommen und die
generelle Verteilung als Einblick in die Machtverhältnisse unserer
Gesellschaft.
-
Die Entwicklung der
ehemaligen DDR als Peripherisierungsprozess.
-
Die Entwicklung einer
ökologisch orientierten VGR als Beispiel für alternatives Denken, das
erneute Hoffnung auf Gestaltung der Zukunft wecken kann.
In den Zusatzmaterialien sind noch
einige wichtige Themen versteckt:
-
Das Rentenproblem als
Beispiel für Raubbau an der Zukunft
-
Die Entwicklung der
Familienformen und die demographische Entwicklung als Nachweis, wie
ökonomisch determiniertes Denken die aller privatesten Bereiche
überwuchert.
-
Der Korporatismus als
Nachweis für die wachsende Menschenferne des politischen Systems.
Und wo bleibt nun das
Positive?
-
Die Betrachtung der
sozioökonomischen Indikatoren ist eine Aufforderung zum Vertrauen, dass
wir auch auf konventionellem wissenschaftlichem Wege weiterkommen
werden.
-
Die im Fordismus liegenden
Versprechen verweisen auf noch nicht eingelöste Hoffnungen. – Die
Feststellung der vorherrschenden Irrationalität stärkt den Willen, etwas
Neues haben zu wollen.
3.2.3 Grundlage und Ausblick
Der Reader vertraut darauf, dass
die Auseinandersetzung mit den tragenden Konzepten auf bessere Wege führt.
Es ist richtig, dass sie nicht nahegelegt werden, sondern der Phantasie
überlassen bleiben.
Es wäre reizvoll, vor dem
Hintergrund dieses Readers eine Zukunftswerkstatt zu veranstalten, in der
die Schüler nach alternativen Möglichkeiten suchen. Solche und ähnliche
Einlösungen der gewonnenen Erkenntnisse muss freilich der Lehrer finden,
sie können nicht in einer Materialsammlung angelegt sein. Viele der
genannten Themen erschließen sich besser über die direkte Erfahrung und
entsprechende Vorgehensweise. Der Reader bietet dann Hilfe zur Ordnung der
Beobachtungen.
Jürgen Wolf
II. Alternativen zum
Vorgehen in einem Unterrichtszusammenhang „Soziale Ungleichheit“
1. Zum veränderten
Ansatz; Kriterien zur Auswahl von Materialien
Ausgangspunkt der Behandlung von
Themen im Bereich der „Sozialen Ungleichheit“ ist die Einsicht, dass
soziale Ungleichheit zunächst einmal ein wahrgenommenes Problem ist.
Inhalt und Vermittlung der Wahrnehmung bestimmt die Verhaltensweise des
Einzelnen, seine Einstellungsoptionen und politischen Handlungspotentiale.
Soziale Ungleichheit ist gleichermaßen ein materielles wie ein
Vermittlungs- und Wahrnehmungsproblem. Die Situationsdefinition „Soziale
Ungleichheit“ impliziert ein bestimmtes Gesellschaftsbild und die daraus
abzuleitenden Handlungsspielräume.
Die Materialien sind so zu
verstehen, dass sie sowohl notwendige Sachinformationen liefern als auch
in gewichteter Auswahl Konzepte zur Aufschließung der gesellschaftlichen
Realität der sozialen Ungleichheit bereit stellen. Sie ergeben für sich
genommen noch kein Kursmodell, das eine konkrete Themenstellung, eine
didaktisch-methodische Planung und eine Entfaltung der Schlüsselprobleme
voraussetzt. Ein Beispiel dafür findet sich in stark vereinfachter Form
auf der letzten Seite. Die didaktische Struktur bezieht entsprechend dem
Aufschlüsselungsraster der Schlüsselprobleme „Konzepte-Lernen“,
Fallbeispiele und (der politischen Bildung eigene) Zugriffe auf soziale
Realität aufeinander.
2. Übergreifende
Einbettung des alternativen Materialangebotes
Der alternative Entwurf einer
Materialzusammenstellung bezieht sich auf folgende Schlüsselprobleme der
RRL-Kommission:
1. Gewalt und Frieden
3. Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit
6b. Lebensformen, Selbstfindung und die Erwartungen
der Gesellschaft
13. Politische Realität und mediale Vermittlung – mit
den Schwerpunkten auf 13. und 3.
Die Gewaltproblematik ist auf
die Schwerpunkt-Schlüsselprobleme verlagert. – In Hinblick auf die
Formulierungen der „Eurokommission“ steht der Bezug auf das
Schlüsselproblem 4 im Vordergrund.
3. Zum
Auswahlproblem
Die herangezogenen Texte sollen
zwar die tragenden Konzepte vermitteln, doch erscheint mir der Zugang über
Auszüge aus den „klassischen“ Werken nicht immer sinnvoll (Ausnahmen im
Folgenden u.a. bei Elias oder Galtung); oft ist die
Erarbeitungsperspektive aus einem peripheren Erkenntnisinteresse heraus
pädagogisch anregender und durch vielfältige Außenbezüge sinnvoller als
der Rückgriff auf die zentralen theoretischen Texte selbst (das steht im
Widerspruch zur gleichermaßen berechtigten Forderung nach einem möglichst
hohen Abstraktionsgrad, um die allgemeine Anwendbarkeit und einen
vielfältigen Transfer zu sichern). Beispiele: der „symbolische
Interaktionismus“ läßt sich in den Darstellungen im Kontext der
Akkulturationspädagogik bei Brumlik oder Treuheit recht
leicht verstehen, in seinen Konsequenzen begreifen und sinnfältig
erinnern. Der Symbolcharakter der Umwelt wird von einem kritischen
Stadtplaner und Stadtsoziologen plastischer und realistischer erkannt und
dargestellt als in der soziologischen Theorie.
In einem Zwischenteil wird der
Konzeptvergleich ausdrücklich thematisiert, indem in Kürze auch veraltete
Konzepte vorgestellt werden, wenn sie
-
zum Verständnis der
gültigen Gegenpositionen notwendig oder
-
wenn sie im allgemeinen
(veröffentlichten) Bewußtsein präsent und damit politisch wirkungsvoll
geblieben sind und zum Gesellschaftswahrnehmung des Schülers beitragen
(z.B. die Schichttheorie, die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft).
Hier liegt ein didaktischer
Angelpunkt zwischen dem „Konzepte-Lernen“ und der inhaltlichen
Auseinandersetzung mit herrschenden Ideologien, von dem aus
Gültigkeitkriterien abgeleitet werden können.
Tragende Konzepte sind in unserem
Materialvorschlag (neben dem auch hier wieder anzuwendenden
Zentrum-Peripherie-Modell:
Diese Konzepte sind aufzugliedern
in einzelne Theoreme bzw. Zugänge zum Konzept, was z.T. auch eine
Einschränkung des möglichen Vermittlungsumfanges bedeutet. Hier wäre der
Unterschied zwischen einem Konzept, einem Theorem und einer Theorie zu
reflektieren.
Die Fortsetzung dieser
Konzeptfolge ist zwar offen, doch liegt ein Übergang zu folgenden
Konzepten nahe, die jedoch sinnvoller weise einem weiteren Kurs bzw.
Unterrichtsthema zuzuordnen sind:
Jürgen Wolf / Gerhard Voigt
III. Zur Konzeption
des Readers – Eine Einführung
1. Kriterien zur Auswahl von
Materialien
Ausgangspunkt der Behandlung von
Themen im Bereich der „Sozialen Ungleichheit“ ist die Einsicht, daß
soziale Ungleichheit zunächst einmal ein wahrgenommenes Problem ist.
Inhalt und Vermittlung der Wahrnehmung bestimmt die Verhaltensweise des
Einzelnen, seine Einstellungsoptionen und politischen
Handlungspotentiale. Soziale Ungleichheit ist gleichermaßen ein
materielles wie ein Vermittlungs- und Wahrnehmungsproblem. Die
Situationsdefinition „Soziale Ungleichheit“ impliziert ein bestimmtes
Gesellschaftsbild und die daraus abzuleitenden Handlungsspielräume.
Die Materialien sind so zu
verstehen, daß sie sowohl notwendige Sachinformationen liefern als
auch in gewichteter Auswahl Konzepte zur Aufschließung der
gesellschaftlichen Realität der sozialen Ungleichheit bereit stellen.
2. Rahmenthemen und
Schlüsselprobleme
Schlüsselprobleme sind Erfahrungs-
und Realitätsbereiche, die das Leben und die Zukunftsplanung des einzelnen
wesentlich bestimmen und die Grundlage für politisches Handeln sind. Sie
sind nicht Teil eines bestimmten Faches sondern müssen interdisziplinär
bedacht werden. Die Materialzusammenstellung bezieht sich in ihrer
Konzeption im Wesentlichen auf folgende Schlüsselprobleme, denen eine
zentrale Bedeutung für die Gestaltung der Zukunft zukommen:
-
Gewalt und Frieden
-
Soziale Ungleichheit
und soziale Gerechtigkeit
-
Lebensformen,
Selbstfindung und die Erwartungen der Gesellschaft
-
Politische Realität
und mediale Vermittlung
3. Zum Auswahlproblem
Die Auswahl der Materialien
orientiert sich daran, die heute aktuellen und gültigen „tragenden
Konzepte“ der Fachwissenschaft zu vermitteln, die zu kennen erst ein
kritisches Verstehen der komplexen sozialen Realität ermöglicht.
Tragende Konzepte sind in unserem Materialvorschlag:
Die Fortsetzung dieser
Konzeptfolge ist zwar offen, doch liegt ein Übergang zu folgenden
Konzepten nahe, die jedoch sinnvollerweise einem weiteren Kurs bzw.
Unterrichtsthema zuzuordnen sind:
4. Vorschlag für eine daraus
entwickelte Kursstruktur:
„Soziale Ungleichheit als Bestandteil der
Politischen Kultur“
|
Textarbeit |
|
Fallbeispiele |
|
Planspiele |
|
Konzepte |
|
Auseinandersetzung
mit der veröffentlichen Meinung |
|
kommunikative
Situationen |
|
|
|
|
|
|
|
FERNBEREICH |
|
NAHBEREICH |
|
SELBSTREFLEXION |
|
[vgl. Übersicht zu
den tragenden Konzepten] |
|
Handlungszentrierter Unterricht
besondere
Vermittlungsformen der politischen Bildung |
|
self-fulfilling
prophecy
[LIEBOW] |
»»»»» |
Wie wird aus einer
Arbeitslosigkeit ein Arbeitsloser? |
»»»»» |
Gespräche,
Befragungen, Videofilm über einen Rundgang |
|
|
|
lokale Berichte über
Arbeitslose, Obdachlose, Ausgegrenzte] |
««««« |
durch die Stadt |
|
Sozialstruktur
[BOLTE et al.] |
»»»»» |
Interpretationen der
sozialen Realität (Schicht, Herrschaft...) |
»»»»» |
Nachspielen von
Kishon’s „Und Moses sprach zu Goldstein“ |
|
Dissonanzerfahrung
[DURTH] |
««««« |
Interpretation der
urbanen Umwelt |
|
|
|
Orientierungsfähigkeit, Ordnungssicherheit
[POPITZ] |
»»»»» |
Jugendgruppenbeispiel |
»»»»» |
Rollenspiel:
Ausgrenzung des Außenseiters? |
|
STRUKTURELL
AUSWERTUNGE |
|
VON DER
EIGENERFAHRUNG ZUR POLITISCH-STRUKTURELLEN EINORDNUNG |
|
SITUATION DES
JUGENDLICHEN |
|
Interpretation der
sozialen Realität [GOFFMAN, LUHMANN] |
««««« |
Beispiele im
Unterrichtsgespräch |
|
|
|
[ELIAS, GALTUNG] |
»»»»» |
Gewaltinternalisierung |
»»»»» |
Gewalt in der
Gesellschaft |
|
Prozeß der
Zivilisation |
|
|
|
Mediengewalt Umgang
mit Gewaltvisualisierungen |
|
Symbolische Kultur
|
««««« |
Symbole der Gewalt |
««««« |
Protokollierung,
Interpretation von Fernsehsendungen |
|
[SLOTERDIJK, POSTMAN] |
|
Symbolische
Darstellungsrituale / Medien |
|
|
|
Politische Kultur:
Gewalt [KRIPPENDORF, GRONEMEYER] |
»»»»» |
Militärstaat,
Nationalismus... |
»»»»» |
Lösung persönlicher
Konflikte? |
|
PROJEKTORIENTIERTES
ARBEITEN: |
|
Rollenspiel /
Planspiel / kritische Interpretation: Fernsehinterview, Wahlstatement,
Talk-show, politische Rede, Sprechen mit nicht gleichgestellten
(Ausländern): und die eigene Rede? |
|
Enkulturation / |
|
Metakommunikation |
|
[Anfertigung von
Tonband- und |
|
Akkulturation |
|
- die Sprache in der
Öffentlichkeit |
|
Videoaufzeichnung und
deren |
|
[TREUHEIT, BRUMLIK, |
|
- die private Sprache |
|
Protokollierung /
Auswertung] |
|
ASSMANN, ZIEHE] |
|
- die symbolische
Sprache |
|
|
Die Auswertung der Arbeitsergebnisse
[Wertungsmöglichkeiten, Systematisierungen, politische Bedeutung]
führt zu der zentralen Fragestellung der Politischen Bildung: Können
Konsequenzen gezogen werden? Ziel ist dabei ein gesellschaftlicher
Handlungsbezug, der jedoch in einer solchen Kurskonzeption nicht formell
vorgeplant werden kann, sondern sich aus dem Unterrichtsverlauf selbst
ergeben muß (Interessengebundenheit politischen Verhaltens). Der
Kurskonzeption liegt also ein offener Handlungsbezug zugrunde.
5. Die soziologische
Dimension
[wo-]
Aus soziologischer Sicht geht es
bei dem Thema »Soziale Ungleichheit« um das entscheidende
Problem der Soziologie schlechthin – nämlich um die „Hobbes’sche Frage“:
Was hält die Gesellschaft überhaupt zusammen? Oder: Wie werden
Menschen dazu gebracht, sich so zu verhalten, daß eine dauerhafte
Gesellschaft entsteht? Das Thema gewährt demgemäß Zugang zu
grundlegenden Theorien der Soziologie.
Die grundsätzlichen Positionen
in dieser Frage haben bereits Hobbes
und Rousseau bezogen. (Dazu
auch: Dahrendorf, 1968, S.
164.) Die Soziologie des 20.Jahrhunderts hat mit dem „Funktionalismus“
eine erste Antwort versucht, wobei Talcott
Parsons – der „Mentor des
Funktionalismus“ – von Rousseau’s
Vorstellungen eines allgemeinen Konsensus ausging.
Seit Mitte der sechziger Jahre
kann die funktionalistische Theorienbildung als überholt gelten zu
Gunsten eines Erklärungsansatzes aus den Begriffen „Macht“ und
„Herrschaft“ heraus, der auch über die Gedanken von
Marx zur sozialen
Ungleichheit hinausgeht. Die Stationen dieser Diskussion sind
nachgezeichnet worden von Wiehn
und, besonders in Hinblick auf das Verhältnis zum Marxismus, von
Bottomore.
Interessant ist in diesem
Zusammenhang, daß auch die traditionell funktionalistische
amerikanische Soziologie diesen Ansatz revidiert und nach neuen
Frageansätzen sucht, wie z.B. Robert K.
Merton. Entwicklung und
Niedergang des amerikanischen Funktionalismus stellt Heinz
Hartmann in seinem Reader „Moderne
amerikanische Soziologie“ dar.
Aber auch ausgehend von
traditionell funktionalistischen Problemstellungen gelangt soziologische
Theorie in allerjüngster Zeit zu Ergebnissen, die sich denen der
genannten „Herrschaftstheorie“ weitgehend angenäher haben und in den
Werken der „Systemtheorie“ dargelegt werden. [Vgl. dazu die Ausführungen
von Niklas Luhmann.]
Besondere Bedeutung hat jetzt
nicht mehr nur die Frage nach Macht und Herrschaft schlechthin, sondern
nach den Bedingungen für die Durchsetzung und Aufrechterhaltung von
Herrschaft – oder umgekehrt: nach den Voraussetzungen für Aufhebung
von Herrschaftssystemen.
Dazu scheint eine kurze
Erläuterung notwendig: Der genannte theoretische Ansatz geht davon aus,
daß das Handeln des Menschen weitgehend abhängig ist von der –
gesellschaftlichen – Situation, in der es sich vollzieht. Da eine solche
Situation aber selten unmittelbar und quasi „objektiv“ erfahrbar ist,
sondern vielmehr unterschiedlich interpretiert werden kann, ist es
möglich, daß der eine der Beteiligten gegenüber den anderen Beteiligten in
einem Kommunikations- und Interaktionsverhältnis seine „Definition der
Situation“ durchsetzen kann. {„Wenn die Menschen Situationen als real
definieren, so sind auch die Folgen real.“
Thomas u.a., in
Steinert, a.a.O., S. 334.} Er gewinnt Einfluß auf das Verhalten des
anderen, indem die mit einer Situation verbundenen, unendlich vielen
Handlungsmöglichkeiten reduziert und die zulässigen und unzulässigen
Handlungsmöglichkeiten und Motive sowie das gemeinsame
Sinnverständnis des Handelns festgelegt werden. Es zeigt sich nun, daß
diese Fähigkeit zur Situationsdefinition keineswegs gleich verteilt
ist, sondern daß einige Partner immer wieder in der Lage sind, die
Handlungsmöglichkeiten einseitig festzulegen. Die Fähigkeit zur
Situationsdefinition wird so zum Instrument für die Durchsetzung eines
Herrschaftsverhältnisses und soziale Ungleichheit ist demzufolge das
Ergebnis eines solchen Definitionsprozesses.
6. Neue
Problemstrukturen
Die weitere
gesellschaftswissenschaftliche Diskussion im Übergang von den achtziger
und den neunziger Jahren knüpft an die Erfahrung an, die schon
Popitz in dem abgedruckten
Material als „absurde Situation“ gekennzeichnet hatte. Die stringenten
Kategorien des „Herrschaftsansatzes“ erscheinen angesichts „absurder
gesellschaftlicher Entwicklungen“ teilweise als zu formal, zu wenig
inhaltlich bestimmt: Wie sehen denn die gemeinsamen Sinnverständnisse
inhaltlich aus, wie werden die Situationen im Herrschaftsverband
inhaltlich definiert, sind nicht formal gleichwertige
Situationsdefinitionen in unterschiedlichen kulturewllen Kontext
unvereinbar, konflikterzeugend? Der scheinbare Rückfall in überwunden
geglaubte Sinnverständnisse, die auf Gewaltbereitschaft, Irrationalität,
Staatsraison, Primat militärischer Souveränität, religiösen
Ordnungsvorstellungen abheben, läßt eine theoretische Wendung in
historische, kultur- und sozialanthropologische Fragestellungen mit
stärker vergleichenden und auf längerfristige Prozeß- und
Kontinuitätsdichotomien zielende Forschungsperspektiven aktuell werden.
Die ethnographische Perspektive wurde vor allem in Frankreich gesucht (Lévy-Strauss,
Leiris) und wurde für die
kritische Dritte-Welt-Forschung wichtig. In Deutschland wird mit dem
Konzept der „Politischen Kultur“ Norbert
Elias „wiederentdeckt“ und
zum Ausgangspunkt historisch-kritischer sozialwissenschaftlicher Studien,
von denen wir in unserer Materialsammlung z.B.
Krippendorffs „Staat und
Krieg“ aufgreifen. Herrschaft, so zeigte es sich nun, ist stärker als
bisher angenommen, an symbolische Traditionen gebunden und in staatlichen
Institutionen verwurzelt. Die etatistische Vergesellschaftung
Westeuropas prägt immer noch Reichweite und Grenzen von Gruppenautonomien
und politischen Durchsetzungschancen, ist durch das von Westeuropa
geprägte Völkerrecht zum absolutierten Ordnungsmaßstab auch für
fremde Länder und Kulturen geworden – auch hier eine herrschaftserhaltene
Situationsdefinition, die internationale soziale Ungleichheit
verfestigt.
Jürgen Wolf / Gerhard Voigt
Für die Konzeption und Überarbeitung hauptsächlich
verwendete Literatur:
Bottomore,
T.B.: Die sozialen Klassen in der modernen Gesellschaft.
München 1967 (Nymphenburger. Sammlung Dialog Bd. 21)
Dahrendorf,
R.: Pfade aus Utopia. München 1967 (Pieper)
Dahrendorf,
R.: Die angewandte Aufklärung. Frankfurt 1968 (Fischer TB)
Elias,
N.: Über den Prozeß der Zivilisation [1936]. Frankfurt 199015 (stw
158)
Hartfiel,
G., Hg.: Die autoritäre Gesellschaft [= ›Kritik 1‹]. Opladen
19723 (Westdeutscher
Verlag)
Hartmann,
H., Hg.: Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur
soziologischen Theorie. München/Stuttgart 19732
(dtv 4131/Enke)
Hobbes,
Th.: Leviathan oder: Wesen, Form und Gewalt des kirchlichen und
bürgerlichen Staates [London 1651]. Reinbek 1965 (Rowohlts
Klassiker 187-9)
Krippendorff, E.: Staat und Krieg. Die
historische Logik politischer Unvernunft. Frankfurt am Main 1985
(es 1305)
Leiris,
M.: Die eigene und die fremde Kultur [1938-1968]. Frankfurt
1977 (Syndikat)
Lévi-Strauss,
C.: Traurige Tropen [1955]. Frankfurt 1977 (stw 240)
Luhmann,
N.: Macht. Stuttgart 1975 (Enke)
Luhmann,
N.: Soziale Differenzierung. Zur Geschichte einer Idee. Opladen
1985 (Westdeutscher Verlag)
Luhmann,
N.: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich
auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen 1986
(Westdeutscher Verlag)
Merton,
R.K.: Social Theory and Social Structure. Glencoe, Ill. 1957
(Free Press)
Parsons,
T.: The Social System. Glencoe, Ill. 1953 (Free Press)
Rousseau,
J.J.: Der Gesellschaftsvertrag oder: Die Grundsätze des
Staatsrechtes (‚Du Contrat Social ou Principes du Droit Politique‘,
1762). Stuttgart 1963 (Reclam UB 1769/70)
Steinert,
H., Hg.: Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven
Soziologie. Stuttgart 1973 (Klett)
Strzelewicz,
W.: Herrschaft ohne Zwang? Systeme und Interpretationen der
Autorität heute. In:
Hartfiel, 1972, a.a.O., S. 21 ff.
Wiehn,
E.: Theorien der sozialen Schichtung. München 1968 (Pieper)
Inhalt
I.
Konzeption eines Readers zu den „Sozialen Ungleichheiten“
1. Zum Aufbau
2. Übergreifende
Einbettung des Readers
2.3
Stellung zum exemplarischen Lernen
3. Zum
Aufbau und zu den fachlichen Konzepten
3.1 Zum
allgemeinen Aufbau
3.2 Zum
Gedankengang
II. Alternativen zum zum
Vorgehen in einem Unterrichtszusam-menhang „Soziale Ungleichheit“
1. Zum
veränderten Ansatz; Kriterien zur Auswahl von Materialien
2.
Übergreifende Einbettung des alternativen Materialange-botes
3.
Zum Auswahlproblem
III. Zur
Konzeption des Readers – Eine Einführung
1.
Kriterien zur Auswahl von Materialien
2.
Rahmenthemen und Schlüssel-probleme
3. Zum
Auswahlproblem
4.
Vorschlag für eine daraus entwickelte Kursstruktur
5. Die
soziologische Dimension
6.
Neue Problem-strukturen
Für die Konzeption und Überarbeitung
hauptsächlich verwendete Literatur
|