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politik unterricht aktuell, Heft 1 / 1992 [überarbeiteter Text 2011]

Curriculumrevision


Jürgen Wolf / Gerhard Voigt

Curriculumrevision

Beginn der Curricularen Arbeit für das Fach Politik

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Im Januar 1992 beginnt die Arbeitsgruppe „Curriculum 2000“ ihre Überlegungen für Innovationen und Perspektiven des Faches Politik (Gemeinschaftskunde/Sozialkunde/Gesellschaftslehre). Eine fruchtbare Vorarbeit leistete, wie wir im vergangenen Jahr schon angekündigt hatten, unter Teilnahme einer Reihe von Verbandsmitgliedern unter der Leitung unseres Vorstandskollegen Jürgen Wolf ein Lehrerfortbildungskurs des «nli» (Nov. 91 in Hermannsburg). Dabei wurden die curricularen Ansätze der neu eingerichteten Rahmenrichtlinienkommission Gemeinschaftskunde in Niedersachsen - eine Folge des Regierungswechsels in diesem Bundesland - einer kritischen Sichtung unterworfen. Darüber wird der Arbeitsgruppe „Curriculum 2000“ noch genauer berichtet werden. Aber nicht nur kritische Auseinandersetzung war Ziel dieses Seminars sondern der Versuch, selbst kritisch-innovative Konzepte zu entwerfen und in den Bereich der aktuellen „Schlüsselprobleme“ (über die kürzlich KLAFKI geschrieben hat) einzubinden. Das ist überhaupt der derzeit dominante RRL-Ansatz: wen von inhaltlichen Themenfestschreibungen und hin zu relevanten und aktuellen gesellschaftlichen „Schlüsselproblemen“, die einer permanenten kritischen Revision zu unterwerfen sind und denen sich die Unterrichtsinhalte und Ziele zuzuordnen haben. Der Umgang mit den gesellschaftlichen Schlüsselproblemen ist Lernziel jedes Unterrichtes. Eine niedersächsische Grundsatzkommission, die sich mit den pädagogisch-gesellschaftlichen Folgen der europäischen Integration für die Schulen und die Lebensperspektiven der jungen Generation zu beschäftigen hatte (die sogenannte „Euro-Kommission“), hat als zentrales Ergebnis einen solchen (parallel zu KLAFKI zu lesenden) Katalog von „Schlüsselproblemen“ zur curricularen Grundlage der Rahmenrichtlinienarbeit für alle Schulfächer bestimmt.

Aber nur das Fach Politik wird auf den ersten Blick diese „Schlüsselprobleme“ direkt als „Unterrichtsthemen“ missverstehen können; davor ist zu warnen: Inhalte und Themen konkretisieren sich zusammen mit der Lerngruppe aus der aktuellen Lernsituation heraus! Die Anforderungen an den Lehrer werden sicherlich höher werden und damit die Anforderungen an Lehreraus- und -fortbildung. Der zu erwartende Widerstand gegen diese „Zumutung“ wird nicht zu unterschätzen sein. In einem kritischen Ausblick zum genannten Lehrerfortbildungskurs wird darauf noch hingewiesen werden. Doch sollen die Arbeitsergebnisse dieses Kurses - wie später die Arbeitsergebnisse der Arbeitsgruppe „Curriculum 2000“ - unseren Mitgliedern zur Diskussion vorgelegt werden in der Hoffnung auf eine intensive und kontroverse Auseinandersetzung über die Grundlagen unseres Berufes. Nur dadurch entstehen abgesicherte Ergebnisse, die über den Verband hinaus Wirksamkeit erlangen können.

Im Folgenden werden die Ergebnispapiere in leicht gekürzter und sprachlich geglätteter Form (dies in der Verantwortung der Redaktion von PUA) als Arbeitsmaterialien für die interne Verbandsarbeit vorgelegt:

Bericht vom LFB-Kurs von Jürgen Wolf

Kritische Annotationen von Gerhard Voigt

Arbeitsgruppenberichte zu den Schlüsselproblemen:

  • Soziale Ungleichheit [beigefügt: Zwei Entwürfe für Reader zum Thema Soziale Ungleichheit]

  • Frieden

  • Umwelt

  • Medien

  • Technik

  • Geschlechterrolle etc.

Abschlussreflexion von Gerhard Voigt

Bericht vom Lehrerfortbildungs-Kurs des «nli» 914682:

„Veränderte Aufgaben für den Gemeinschaftskundeunterricht“

1. Didaktisch-methodische Reflexion des Kurses

Der Kurs hatte in seiner Anlage folgenden Hintergrund: Er sollte die ersten Denkansätze für eine Neukonzeption der Rahmenrichtlinien im Fache Gemeinschaftskunde zur Diskussion stellen. Die Diskussion sollte Aufschlüsse darüber bringen, ob der Neuansatz

  • grundsätzlich überzeugt,

  • besondere Probleme der Vermittlung stellt,

  • gegebenenfalls. aufgegeben oder, wahrscheinlicher, teilweise revidiert werden muss

  • oder in bestimmter Richtung noch weiterentwickelt werden muss.

Damit die Teilnehmer nicht nur als Zuarbeiter für die Richtlinienkommission sich missbraucht fühlen konnten, war noch vermittels eines Readers die Diskussion des Schlüsselproblems soziale Ungleichheiten besonders ausgewiesen; an diesem Problem sollten fachdidaktische Fragen und Vermittlungsprobleme (insbes. Unterrichtsmedien) erörtert werden. Darüber hinaus sollte ein fachwissenschaftlich orientiertes Referat am Freitag Anregungen geben, neue Denkansätze weiterzuverfolgen.

Der Kurs hat die Erwartungen völlig erfüllt, und es zeigte sich, dass die zentrale Lehrerfortbildung sehr sinnvoll für ein derartiges Vorhaben genutzt werden kann. Allerdings kommt dem Unternehmen eine starke Erwartungshaltung unter den Lehrern entgegen, da die Einsicht weit verbreitet ist, dass Neuanfänge gesucht werden müssen. Das zeigte sich auch daran, dass es im Vorfeld keine Probleme gab, die Teilnehmerzahlen zusammenzubringen trotz der eher ungünstigen Art der Ankündigung.

Es wurden drei Kataloge sogenannter Schlüsselprobleme vorgestellt. Die didaktischen Implikationen von Schlüsselproblemen wurden im Referat erläutert.

Es stellte sich schnell heraus, dass der Schlüsselkatalog der Richtlinienkommission abgelehnt wurde, während der Katalog der sog. „Europa-Kommission“ als brauchbar empfunden wurde. Der Kurs erwies, dass dieser Katalog in didaktische und fachliche Grundsatzprobleme hineinführt und zu eigenständigen didaktischen Entscheidungen anregt, während dies von dem erweiterten Katalog der Rahmenrichtlinienkommission nicht erwartet werden kann.

Hier liegt die Gefahr allzu nahe, dass die Schlüsselprobleme wie die herkömmlichen Themen aufbereitet werden.

Die Gruppenergebnisse sind im Anhang dokumentiert. Sie zeigen allerdings auch, dass jedes der Schlüsselprobleme erhebliche fachliche Anforderungen stellt, denen sich die Teilnehmer auf Anhieb nicht gewachsen fühlten. So stellt sich insgesamt das Konzepte-Lernen als Problem dar. Auf diesem Gebiet wird es in den kommenden Jahren verstärkter Fortbildung bedürfen.

Zusammen mit den Schlüsselproblemen wurde ein Raster zur Entschlüsselung der Probleme vorgestellt und in den Gruppen ausprobiert. Es stellte sich heraus, dass die Begrifflichkeit des Rasters auf Anhieb zur Arbeit befähigt, dass aber der Aufbau des Rasters so nicht bleiben kann und erheblich vereinfacht werden muss. Ein aus dem Kurs hervorgegangener Vorschlag ist im Anhang dokumentiert.

Als Exkurs am Ende dieses Berichts sind erste Überlegungen in Folge der Diskussion dokumentiert. Die Besprechung des Readers (vgl. Anhang) musste kurz gehalten werden. Bei dieser Besprechung ging es um zwei Aspekte: Das mit den Schlüsselproblemen verbundene entdeckende Lernen macht es notwendig Lehrgänge orientierenden Charakters einzuschieben. Dazu sollte dieser Reader ein Modell darstellen. Zum anderen sollte am Beispiel des Readers diskutiert werden, welche Gestaltungsmöglichkeiten jenseits der Einführung von Lehrbüchern noch offen bleiben nach Einführung der Lernmittelfreiheit, die sich für Fächer wie Gemeinschaftskunde als außerordentlich entwicklungshemmend auswirkt. Die Teilnehmer waren sich einig, dass hier das Gesetz über Erlass nachgebessert werden sollte.

Das Referat von Prof. Dr. Ziebura am Ende des Kurses war nach Meinung der Teilnehmer am Ende richtig angesetzt, weil es - aufgrund seiner breiten Anlage - die fachlichen Analysen, die im Zusammenhang mit der Diskussion der Schlüsselprobleme erstellt wurden, bestärken oder relativieren konnte.

Diese Beobachtung zeigt zweierlei:

  • Es nicht günstig, derart gehaltvolle Referate als „Vorgabe“ an den Anfang eines solchen Kurses zu stellen, weil dies leicht die Initiative der Teilnehmer erdrücken kann.

  • Die Schlüsselprobleme - in der Fassung der „Euro-Kommission“ führen zu grundlegenden Analysen und fachlichen Problemstellungen, sind also auch für die Teilnehmer derartiger Kurse geeignet. Anders gesprochen: Es scheint sich wirklich um Schlüsselprobleme zu handeln, die das Denken auf den Weg bringen. [...]

„Konzepte-Lernen als Problem?“

  • Ist es unbedingt an Texte gebunden? Wie kommt man zu den Konzepten?

  • Was ist überhaupt ein Konzept?

  • „Was ist politische Bildung?“

Zusammenhang mit Biographieproblem: gewinne ich neue Sicherheiten und verliere ich Ängste? Allerdings: langfristig hilft nur Überwindung von Realitätsferne und Stärkung in die Kraft des eigenen Denkens; reicht die gewohnte Ideologiekritik? Stärkung des Moralempfindens; Wahrhaftigkeit;

„Worin besteht die politische Bildung?“

Es handelt sich nicht um politisches Handlungswissen im engeren Sinne. Sondern darum, dass der Schüler sich zunehmend mehr als Citoyen wahrnimmt, jener Kreis von Menschen, die sich ohne erkennbares äußerliches Gratifikationsmotiv um die Angelegenheiten der Allgemeinheit kümmern.

Im Sinne des Konzepte-Lernens zielt politische Bildung auf eine Anreicherung der Denkmöglichkeiten und ihre Umstrukturierung ab. Über Erlebnisse der kognitiven Dissonanz will sie Reflexionsprozesse in Gang setzen. Die Stärkung der eigenen moralischen Ausgangsposition, das Verlangen nach argumentativer Darstellung von Positionen und das Dringen auf Wahrhaftigkeit als die Grundlage jeglicher politischen Rede, die Herstellung eines sozialen Klimas der Berechtigung von Selbstzweifeln, das Verlangen nach realitätsangemessenen Denkweisen sind Ergebnisse der politischen Bildung.

Die Kenntnis der beherrschenden Gegenwartsprobleme, die Beherrschung der wesentlichen Problemdefinitionen, das Handhaben von Handlungsformen, Probleme politischer Bearbeitung zugänglich zu machen sind die Qualifikation im engeren Sinne.

Zu dieser politischen Bildung führen hin:

  • Die exemplarische Untersuchung von Schlüsselproblemen

  • Der Erwerb von instrumentellen politischen Handlungsformen.

  • Die Konkretisierung der für das eigene Handeln erwachsenen Konsequenzen ...und gegebenenfalls. die Umsetzung in konkretes Handeln

  • Die Integration der gewonnenen Erkenntnis in das eigene Weltbild [...]

„Frage der Moralisierung?“

Trägt der Maßstab bei Klafki (Verallgemeinerungsfähigkeit)?

  • Ansatz einer Didaktisierung:

  • Handeln aus Böswilligkeit

  • Handeln aus Dummheit

  • Handeln unter dem stummen Zwang der Verhältnisse

  • „Schüler-Lehrer-Verhältnis“?

Zweifel an der These, dass Schüler den Lehrern voraus sind. Schüler reproduzieren oft nur Gehörtes und geben es als eigene Meinung aus. Wie sinnvoll ist der Weg über das Auslösen von kongestiven Dissonanzen.

„Methodenproblem“?

Grundsätzlicher Zweifel, ob das kognitive Lernen ausreicht? Hier auch Zusatzfrage: Gibt es besondere Methoden, die zwingend zur Problemorientierung gehören und zugleich eine andere Qualität des Lernens hervorbringen?

  • Z.B. Umwelt: wie kann der existenzielle Bezug besprechbar gemacht werden?

  • Fächer übergreifende Arbeitsweise: eigentlich legt Klafki die Einigung auf die Schlüsselprobleme über die Fächer hinweg nahe; die schulischen Aufgaben werden danach auf die einzelnen Fächer verteilt. [...]

„Medienkritik“?

Das Verhältnis zur Realität; Beschäftigung mit den „Zeichen“ ist wichtiger als die Kausalketten im Hinblick auf die Realität. Medienkritik ist durchgängige Problemdimension bei allen Schlüsselproblemen; es bleibt aber ein unerledigter Rest, der es rechtfertigt, den Medien ein eigenes Schlüsselproblem zuzuweisen.

2. Verlauf des Kurses

Der geplante Ablauf erwies sich als sinnvoll und wurde eingehalten.

Allerdings dauerte die Gruppenarbeit länger als geplant. Dies kam auch dadurch, dass der Kurs verspätet beginnen musste.

Das Arbeitsklima war gut; zum Teil verwendeten die Teilnehmer die Abendstunden zur Arbeit. [...]

[Jürgen Wolf]

3. Kritische Nachgedanken zum LFB-Kurs in Hermannsburg

Die Weiterarbeit in der Arbeitsgruppe „Curriculum 2000“ des Verbandes der Politiklehrer muss sich ihrer Perspektiven und Rahmenbedingungen klar werden. Zunächst geht die Arbeit von dem Innovationsimpuls aus, der durch die Neubearbeitung der RRL Gemeinschaftskunde in Niedersachsen erfolgt.

Doch sollten die Arbeitsergebnisse über die engere niedersächsische Situation hinausweisen. Es scheint daher nach dem Bericht von Jürgen Wolf zum Lehrerfortbildungskurs, der für uns der „Startschuss“ zur eigenen curricularen Initiative sein soll, sinnvoll, weiterführende Perspektiven und kritische Sichtweisen zumindest stichwortartig aufzuzeigen.

Zum abgelaufenen LFB-Seminar möchte ich noch ein paar Gedanken nachtragen. Es war für mich vor allem erstaunlich, auf welches Maß an Grundkonsens wir bei den Teilnehmern gestoßen sind. Das macht mich eher skeptisch, wenn ich an die Umsetzbarkeit der Ergebnisse in der übrigen Lehrerschaft denke (allein die Diskussion in meiner Schule über die „alternative Stundentafel“ zeigt, dass nicht die geringste Chance besteht, festgeschliffene Fachperspektiven auch nur ansatzweise in Bewegung zu bringen), kommt es mir fast so vor, dass alle für fachliche Innovationen aufgeschlossene niedersächsischen Lehrer in Hermannsburg gewesen sind! Wir sollten uns daher nicht über die bevorstehenden Schwierigkeiten täuschen lassen. Und, möchte ich hinzufügen: ohne das Konstruieren massiver Zwangslagen in den Gymnasien bewegt sich nichts.

Die Ergebnisse sind interessant und lohnen die Weiterarbeit. Mir macht zum Verlauf des Seminars noch die diskutiven Rückkoppelungsdefiziten Beurteilungsprobleme. Hier sollte noch einmal Kursorganisatorisch nachgedacht werden, eventuell in einer verstärkten „teamer“-Struktur.

Für nachfolgende LFB-Seminare meine ich, einige inhaltliche Perspektiven als vordringlich (auch in Hinblick auf die fachliche Legitimation der Entwürfe) benennen zu können:

Das Moral-Ethik-Problem, das nicht-hinterfragbar Erscheinende in den didaktischen Grundsatzentscheidungen (mit den ambivalenten affektiven Folgen für den Didaktiker) müsste sicherlich noch intensiver diskutiert und auf die sozialpsychologische, sozialethische und sozialhistorische Dimension bezogen werden (Einbeziehung von Elias, Ziehe [vgl. FR 15.11.91], Goffman u.a.).

Die Ambivalenz von „Schlüsselproblemen“ und „Situationswahrnehmungen“ müsste klarer herausgearbeitet werden. Der „Symbolcharakter“ gesellschaftlichen/politischen Verhaltens wurde schon kurz angesprochen, scheint mir aber ein zentrales Problem auch der Definition der Schlüsselprobleme selbst zu sein (Sarcinelli); hier ist der Literaturverweis auf Krippendorf hilfreich, durch den der verdrängte militaristische Kern unseres Staats- und Nationsbegriffes aufgedeckt wird. Dies scheint insbesondere in unserer „Einheitseuphorie“ wichtig zu sein!

Das Schlüsselproblem „Soziale Ungleichheit“ ist in seiner Dimension „Wertsterotypen, Diskriminierungen, Herrschaftserhalt“ wohl nur schlüssig aufzubereiten, wenn die intergenerationelle Enkulturation/Akkulturation thematisiert wird. Hier ergibt sich das pädagogische Problem: Aus der Schülersituation heraus auf gesellschaftlich relevante und wahrgenommene Probleme zu gelangen!

Methodenprobleme sind in Hermannsburg zu sehr vernachlässigt worden. Das wurde ja auch aus Teilnehmerkreisen heraus moniert. Ich meine zwar nicht, dass die Methode zum Selbstzweck werden sollte, erst recht aber nicht zur manipulativen „Erziehungsmethode zum Opportunismus“. Da Methode in der Schule auch immer Methode der Macht und Methode der Institution, Einübung von Ritualen ist, sollte sie selbst politikdidaktisch in der Schule thematisierbar sein und in dieser Weise in unsere curricularen Überlegungen Eingang finden. Ich wehre mich dagegen, in der Schule in erster Linie eine zweckrationale Veranstaltung zu sehen (auch wenn ich einer solchen Utopie als Ziel anhängen würde, sehe ich keinen sinnvollen Weg zu diesem Ziel); Schule ist ein gesellschaftliches Oktroy und Schritt im Prozess der Zivilisation; sie ist damit unausweichlich Herrschaftsinstrument. Ein anarchistischer Ansatz, der den Optimismus von Illich nicht teilt, die Entschulung der Gesellschaft erreichen zu können, muss die Schule von innen heraus ad absurdum führen und auf Konterkarieren von schein-sinnvollen pädagogischen Zielen mehr Wert legen als auf eine Perfektionierung der pädagogischen Legitimation. Private Subversivität verändert zwar die Gesellschaft nicht (im Sinne der Narrenfreiheit kann sie diese sogar stabilisieren), aber sie kann, nach Gronemeyer, die Tradition der „Ketzer und Dissidenten“ weiterführen helfen und sinnstiftend gegen die globale „pax oeconomica“ Gegenbewegungen am Leben halten. Auch dies sollte thematisiert werden, wenngleich ein Niederschlag in den RRL hier wohl ein fast schon komisches Paradoxon wäre...

In den folgenden Abschnitten werden, z.T. in leicht gekürzter und sprachlich geglätteter Form die Ergebnispapiere der Arbeitsgruppen des Lehrerfortbildungsseminahres in Hermannsburg abgedruckt.

Die Arbeitsgruppenberichte sind keine von irgendeiner Institution oder einem offiziellen Gremium autorisierte oder geprüfte Texte sondern allein Diskussionsvorlagen für den weiteren curricularen Prozess

Arbeitsgruppenbericht:

Schlüsselproblem: Soziale Ungleichheiten

1. Didaktische Vorgaben

1.1 Situation des Jugendlichen

Soziale Ungleichheiten sind als Phänomen bekannt; sie werden vermutlich weder auf gesellschaftliche Strukturen zurückgeführt, noch – bezogen auf den persönlichen Lebensentwurf – als wesentlich eingeordnet.

Soziale Ungleichheit im Sinne sozialer Ungerechtigkeit wird als Problem von Randgruppen definiert, konkrete Konfrontationen sind je nach Region sehr unterschiedlich.

Davon abgetrennt werden soziale Ungleichheiten gesehen, deren Auswüchse, z.B. Hungersnöte in der Sahelzone, mit mehr oder weniger Engagement bekämpft werden.

In größeren Teilen wird soziale Ungleichheit als Problem den Schülern eines Gymnasiums nur medial vermittelt gegenübertreten, d.h. die Realität für die Schüler ist häufig das Zeichen, nicht das Bezeichnete. In diesem Zusammenhang ist die Fiktion von Chancengleichheit nutzbar zur Legitimation von Ungleichheiten. Darin ist die Ursache für die Akzeptanz der Haltung zu finden, allen Übeln zum Trotz könne man, wenn man nur tüchtig genug ist, sich selbst in die Gruppe der Privilegierten hinüberretten, selbst wenn man von den Voraussetzungen her nicht auf Rosen gebettet ist.

1.2 Intentionen

Fachdidaktische Erfordernisse:

Aufbau eines strukturellen Orientierungswissens: Ungleichheiten erkennen, Verarbeitungs- bzw. Erlebensformen untersuchen und auf strukturelle Ursachen beziehen;

Aufgaben politischen Handlungswissens:

Stärkung der Selbstreflexion: eigene Einstellungen zu sozialem Frieden und Aufhebung bzw. Verringerung struktureller Gewalt reflektieren, Ursachen von Apathie und Gleichgültigkeit bei sich selber entdecken; eigene Handlungsmöglichkeiten bei internationalen Beziehungen erkennen und auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen;

politische Bildung: eigene demokratische Ansprüche entwickeln gegenüber Massenmedien und der Problemdefinition der politischen Führungen; über Möglichkeiten der Durchsetzung reflektieren.

2. Verständnis des Problems

2.1 Problemaufriss

Das Problem sozialer Ungleichheiten verschärft sich, die Möglichkeiten politischer Einflussnahme auf die Quellen verringern sich. Die Verschleierung der Ungleichheit als grundlegendes Prinzip unserer Gesellschaft, die Verschärfung der Ausgliederung von Randgruppen (Alte, Sozialhilfeempfänger) und deren Reaktion (Stadtteilaufstände in den USA) und die zunehmende Diskrepanz zwischen den Wirtschaftszentren und den Peripherien in der Welt sind letztlich Konsequenzen eines weltweit durchgesetzten Kapitalverwertungsinteresses, ökonomisch begründe in der Arbeitsteilung als notwendige Voraussetzung eines ständigen Wachstums. Der Einbindung in die so geprägten internationalen Strukturen kann sich offenbar heute keine Gesellschaft entziehen. sie wird wirksam in der Form internationaler Konkurrenz.

Insbesondere durch die internationalen Strukturen und Entscheidungsverläufe wird die Kontrolle nationaler, demokratisch legitimierter politischer Institutionen entzogen. Das führt zu einer Machtverschiebung, in der das Hauptproblem gesehen wird. Die Folgen der Universalität des ökonomischen Prinzips werden allerdings in die Verantwortlichkeit der Politik gestellt, was diese vermutlich in erneute Abhängigkeiten bringt.

Zu Analysezwecken lassen sich die innergesellschaftliche und die globale Ungleichheit zunächst trennen.

Innergesellschaftliche Ungleichheit:

Akzeptiert man die These, die Aufspaltung der Welt habe ihren Ausgang bei der Arbeit, lässt sich als strukturelles Problem bestimmen: Aufgrund des Verlustes der Integrationskraft der Gesellschaft, ausgelöst durch eine Segmentierung in der Arbeitswelt (Rationalisierungsfolgen) tendiert unsere Gesellschaft zur Spaltung.

Zwei Probleme stellen sich; Lösungen liegen wohl noch nicht vor:

  • sind Erfassungsmerkmale oder Modellewichtiger:

  • Das Erleben und die Verarbeitung von Ungleichheiten verlaufen in Bahnen, die die Solidarität der Beteiligten verhindert.

Globale Ungleichheit [...]

Dass die oben vorgenommene Trennung nur vorläufig sein kann, mögen zwei Aspekte zeigen:

Einerseits treten innergesellschaftliche Probleme zurück, betrachtet man das Ausmaß und die Folgen der globalen Ungleichheit, z.B. kriegerische Auseinandersetzungen (Bezug zu anderen Schlüsselproblemen).

Andererseits verursacht die internationale Ungleichheit innergesellschaftliche Probleme. Die Migrations-Wellen werden einen Übergang zu einer multikulturellen Gesellschaft dringlich machen, sie fördern andererseits die Bildung sich von einem allgemeinen Konsens bewusst abgrenzender Gruppen, die sich z.T. dagegenstellen.

2.2 Erlebte Dimensionen des Problems

I. Fernbereich:

  • global, Wirtschaft auf internationaler Ebene und mediale Präsentation, Logik im Handeln der Herrschenden

  • strukturelle Voraussetzungen für sozialen Frieden bzw. soziale Gerechtigkeit: Demokratie (nicht nur beschränkt auf den Bereich der Politik), Wohlstand, Bildung; Analyse von Prozessen, die den Aufbau dieser Voraussetzungen stören.

II. Nahbereich, eigene Erfahrung:

  • innergesellschaftliche Formen von struktureller direkter Gewalt

  • Darstellung in den Massenmedien

  • Ungleichheit als Bestandteil des Alltagsdenkens

  • Entwicklung von Lebensentwürfen bei Ausklammerung rationaler Einschätzung ..sozialer Risiken

  • Anpassung an als unaufhebbar geltende „Sachzwänge“

III. Selbstreflexion

  • Analyse der Bereitschaft, soziale Ungleichheit bzw. Ungerechtigkeit zu akzeptieren

  • Analyse der Bereitschaft, sich „der Konkurrenz zu stellen“ in der Ausnutzung des Bildungsvorsprunges

  • Reflexion der Folgen politischer Apathie

IV: Wertung, Weltbild

  • aktuelles Verständnis von Art. 1 bis 3 GG [...] [a-g]

Der Reader zu den „Sozialen Ungleichheiten“

Die curriculare Planung wird sich nur dann in den Schulen innovativ umsetzen lassen, wenn entsprechende Unterrichtsmaterialien greifbar sind. Die großen Schulbuchverlage nehmen oftmals stärkeren inhaltlichen Einfluss auf den konkreten Unterricht als die gültigen Rahmenrichtlinien eines einzelnen Bundeslandes. Gegen den (ökonomisch begreiflichen) Anspruch, Unterrichtswerke „auf kleinstem gemeinsamen Nenner“ für möglichst viele Bundesländer herzustellen, behindert gerade ein adäquates Arbeiten in der Politischen Bildung, die sich schnell und sensibel auf veränderte gesellschaftliche und politische Problemlagen einstellen muss und die konkrete schulische Situation einzubeziehen hat. In Niedersachsen wird diesem Problem Rechnung getragen, indem anstelle eingeführter Schulbücher unter gewissen Voraussetzungen auch „Reader“ im Rahmen der neuen Lehrmittelfreiheit erstellt und benutzt werden können. Die Schwierigkeiten, diese in den Schulen selbst zu erstellen und entsprechend den urheberrechtlichen Regelungen rechtlich einwandfrei zu publizieren legt eine „Zwischenlösung“ nahe: in kleineren regionalen Arbeitsgruppen und Druckereien halbprofessionelle Reader in preiswerter Fertigung zu erstellen und in einem nachfrageorientierten Vertriebsweg den Schulen anzubieten. Ein Pilotprojekt dieser Art zum Schlüsselproblem „Soziale Ungleichheit“ (in einer Kooperation von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt in Magdeburg publiziert) wurde vom Kollegen Wolf, der dieses initiiert und herausgeberisch betreut hat, auf der LFB in Hermannsburg vorgestellt und zum Einsatz in der Schule angeboten (in beliebiger Stückzahl ab sofort für ca. 7.-- DM pro Stück + Versandkosten zu erhalten; Bestellungen u.a. über den Verband der Politiklehrer e.V. [nicht mehr verfügbar, d. Hrsg.]). Anschließend wird eine Alternativkonzeption ebenfalls zum Schlüsselproblem „Soziale Ungleichheit“ mit einer stärkeren Ausrichtung auf den Zugang über die Politische Kultur und sie sozialpsychologische Rezeption der Sozialen Ungleichheit vorgestellt; dieser Reader ist in Vorbereitung und wird in Kürze in gleicher Weise erhältlich sein. Jürgen Wolf stellt im folgenden Text seinen „Reader“ vor:

[Voigt]

Zum Kurskonzept Soziale Ungleichheit vgl. Konzeption eines Readers zu den „Sozialen Ungleichheiten“

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell 1992

Heft 1: Curriculumrevision

Heft 2: Polen

Hannover, Januar und Juni 1992. A 5, gefaltet (ohne ISBN). Printausgabe vergriffen.

Internetausgabe: 16.01.2004  - Letzte Überarbeitung: 16.01.2004 / 09.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

 

 

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