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Zur Situation des
Verbandes der Politiklehrer
Verbandsarbeit als
Interessenvertretung sowohl der beruflichen Interessen der Politiklehrer
[und ihrer Ausbilder in den Universitäten und Studienseminaren] als auch
der gesellschaftlichen Interessen, die sich in der politischen Bildung
artikulieren lassen, der die Politiklehrer professionell verbunden sind,
verlangt demokratischen Rückhalt durch die vertretene Mitgliedschaft,
konkrete Ansprechpartner oder -gegner, die nicht in die luftleeren Höhen
einer „politischen Kultur“, die es zu beeinflussen gelte, abgehoben
erscheinen, und inhaltliche, eventuell auch differenzierte oder
kontroverse, zumindest aber artikulierte Zielvorstellungen, die im Sinne
einer veröffentlichten Meinung kommunikationsfähig gemacht und für den
Diskurs verfügbar gehalten werden müssen.
Von anderen
gesellschaftlichen Trägern der Politischen Bildung, wie z.B. der Deutschen
Vereinigung für politische Bildung unterscheidet sich die Verbandsarbeit
nicht durch notwendigen inhaltlichen Dissenz [die vielen
Doppelmitgliedschaften auch im Vorstand des Verbandes der Politiklehrer e.
V. beweisen das], sondern dadurch, daß die unmittelbare berufliche
Existenz des Politiklehrers zum Ausgangspunkt der Interessendefinition
gemacht wird, was zunächst mehr einer gewerkschaftlichen, denn einer
gesamtgesellschaftlichen Perspektive des professionellen Interesses und
der beruflichen Situation entspricht. In dieser doppelten
Standortbestimmung besteht jedoch auch die Notwendigkeit, sich einer
nahtlosen Unterordnung gewerkschaftlicher Interessenvertretung zu
entziehen und die besondere inhaltlich-berufliche Dialektik der Existenz
als Politiklehrer als Chance einer eigenständigen politischen Artikulation
zu verstehen. Solange diese Unabhängigkeit nach beiden Seiten hin bei
gleichzeitiger weitreichender Zielkongruenz mit der Gewerkschaft GEW und
der Deutschen Vereinigung für politische Bildung personell getragen wird
und zu eigenständiger Problemdefinition führt, sollte an der
vereinsrechtlichen Unabhängigkeit des Verbandes der Politiklehrer e.V.
festgehalten werden.
Konsequenzen für
eine Überprüfung der Verbandsarbeit
Die Betreuung und
Werbung von Mitgliedern ist derzeit ein großes Problem für den Verband der
Politiklehrer, wie wohl für jeden pädagogischen Berufsverband. Das liegt
nicht nur an innerverbandlichen Strukturproblemen [über die ebenfalls
gesprochen werden muß], sondern vor allem daran, daß bundesweit kaum neue
Politiklehrer eingestellt werden. Eine gewisse Chance auf mittlere Sicht
-wenn erst aktuelle gesellschaftliche Animositäten überwunden sein
werrden- besteht in der anstehenden Strukturreform des Bildungswesens in
den neuen Bundesländern. Es zeigt sich aber deutlich auch in der
Geschichte unseres Verbandes, daß die Bereitschaft zur Organisation in
einem Berufsverband sinkt, wenn die berufliche Situation an der Schule
gesichert erscheint. Das bedeutet, der Präsenz in den Hochschulen und
Studienseminaren eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden und die
persönlichen Kontakte in diesem Bereich besonders zu pflegen, was sich
auch in der Zusammensetzung des Vorstandes ausdrücken sollte.
Präsenz im
Hochschulbereich, Ansprache von Hochschullehrern wie Studenten bedeutet
aber nicht, die prinzipielle Orientierung der Verbandsarbeit an der
Schulpraxis aufzugeben. Doch ist nur zu deutlich, daß die [langsam
vergreisende] Schule einen erschreckenden Defizit an rationaler
Handlungsreflexion und Rezeption wissenschaftlicher Innovationen aufweist.
So muß die verstärkte Verbandspräsenz im universitären Bereich vor allem
im Sinne des inhaltlichen Diskurses über aktuelle politologische und
politikdidaktische Problemfelder verstanden werden, so daß Verbandsarbeit
auch das Ziel einer erneuerten Kommunikation zwischen „Theorie und Praxis“
(um dieses veraltete Schlagwort doch noch einmal zu gebrauchen) umfaßt.
Der Verband muß dabei
seine möglichen Veranstaltungsformen überprüfen zu zu stärker betonten
Kooperationen gelangen. Kooperationspartner bei
Fortbildungsveranstaltungen, Seminaren und Publikationen sind sowohl
Universitätsinstitute aus dem Bereich der Pädagogik, Politologie und
Politikdidaktik, die Landeszentrale für Politische Bildung und auf längere
Sicht wohl auch die Bundeszentrale für politische Bildung, bei einer
positiven politischen Entwicklung in Niedersachsen auch das "nli" in
Hildesheim, das auch für regionale Fortbildungsveranstaltungen eingespannt
werden könnte, wie auch die schon oben genannten Verbände.
Diese Kooperation
macht auch eine größere örtliche Flexibilität möglich und notwendig, was
die traditionell begründete Schwerpunktbildung in Hannover auflösen könnte
und sollte. Wie der Verband darauf organisatorisch reagieren sollte, sei
der zukünftigen Diskussion anheim gestellt.
Notwendig ist auf
jeden Fall jetzt schon eine Vorstandsstruktur, die durch ihre personelle
Zusammensetzung eine größere Dezentralisierung gewährleistet und den
zentralen geschäftsführenden Vorstand inhaltlich „herabstuft“.
Notwendig ist eine
publizistische Präsenz, die über die regelmäßige Veröffentlichung des
Verbandsblattes "Politik Unterricht Aktuell" hinausgeht und sich vor
Verlags- und Organisationskooperationen nicht scheut. Erste
Vorüberlegungen in diese Richtung wurden im vergangenen Winter ja schon in
Hinblick auf die Veröffentlichung der Ergebnisse des Loccum-Seminars über
Ausländerpädagogik/Interkulturelle Erziehung angestellt, die hoffentlich
bald erfolgen kann. Dies könnte ein praktischer Testfall dafür sein, ob
wir mit solchen Veröffentlichungen längerfristig und unregelmäßig auch
inhaltliche Publikationsreihen betreuen und herausgeben können. Schön wäre
auch eine professionellere Vierteljahrsschrift anstelle der bisherigen
Mitteilungen; doch können wir diese finanziell wohl kaum alleine tragen.
Besonders interessant wäre es, wenn sich hier eine Kooperation mit dem
Landesverband Niedersachsen der Deutschen Vereinigung für politische
Bildung anbahnen ließe.
Eine veränderte
Vorstandsstruktur
Die strukturelle
Konzeption und die personelle Zusammensetzung des Vorstandes sind
ausschlaggebend für die Arbeitsfähigkeit eines Verbandes. Traditionelle
Vorstandstätigkeit -Organisation, Geschäftsführung, Redaktion von
Rundbriefen und Mitteilungen- ist ein recht frustrierendes Geschäft, für
das sich heute kaum noch Bewerber vor allem aus der Lehrerschaft finden.
Sicherlich wäre ein großer, regelmäßig tagender, initiativer und
motivierter geschäftsführender Vorstand ein erfreulicher Garant für eine
aktive und progressive Verbandstätigkeit. Da ein solcher aber nicht in
Sicht ist [man frage bei anderen Berufsverbänden nach: dort ist die Lage
nicht anders!], muß eine andere arbeitsfähige Strukturform gefunden
werden.
Die Notwendigkeit der
„Herabstufung“ der Bedeutung des geschäftsführenden Vorstandes ist schon
erläutert worden. Durch eine einfache Ausweitung und Regionalisierung ist
dies derzeit, wie gesagt, nicht zu erreichen. Es bietet sich hier daher
ein alternatives Vorstandskonzept an, das anderweitig mit Erfolg erprobt,
auch uns neue Perspektiven eröffnet: das „Beiratsmodell“.
Gewählte
Beiratsmitglieder sind nicht eingebunden in die Routine einer regelmäßigen
Vorstandstätigkeit und nicht mit geschäftsführenden Aufgaben belastet. Das
bedeutet, daß natürlich, auch im Sinne unserer Satzung, ein
verantwortlicher geschäftsführender Vorstand weiter existieren muß, der
sich um die Beitragskassierung, die aktuelle Korrespondenz, die formelle
Vertretung des Verbandes und die Übernahme der Herausgeberverantwortung
für Stellungnahmen und Veröffentlichungen des Verbandes übernehmen muß.
Drei Mitglieder sollte dieser geschäftsführende Vorstand somit zumindest
haben.
Was aber ist nun die
Aufgabe von Beiratsmitgliedern? Gewählt mit dem Ziel, die personelle und
inhaltliche Breite der Verbandsarbeit für den Verband zu nutzen und in der
Öffentlichkeit zu repräsentieren, erwartet der Verband von seinen
Beiratsmitgliedern vor allem, inhaltliche Anstöße zu geben und die
Verbandsarbeit durch die gegebene eigene Kompetenz kritisch zu begleiten.
Art und Umfang dieser Aktivitäten ist dabei weitgehend dem Einzelnen
Beiratsmitglied überlassen. Einzelne Treffen sollten sicherlich vereinbart
werden; ansonsten ist unsere Telekommunikation ja so fortgeschritten, daß
ein inhaltlicher Kontakt unaufwendig und doch regelmäßig erfolgen kann.
Bei inhaltlichen
Veranstaltungen wird der Verband die jeweils besonders betroffenen
Beiratsmitglieder als Gesprächspartner oder als Initiatoren bitten, der
Verbandsarbeit inhaltliches Gewicht und Kompetenz zu verleihen. Auch durch
Beiratsmitglieder angeregte und vermittelte Kooperationen im oben
genannten Sinne könnten von einem traditionell geführten Vorstand in der
erwarteten positiven Form wohl kaum initiiert werden.
Beiratsmitglieder,
deren Zahl prinzipiell nicht beschränkt ist, sollten den Bereich der
Universitäten, der Studienseminare und der mit der politischen Bildung
direkt oder indirekt befaßten gesellschaftlichen Institutionen sowie
Bildungspolitik und Schulverwaltung repräsentieren.
Inhaltlich sollten
wenn möglich vor allem aktuelle und kontroverse politische Problemfelder
durch speziellere Fachkompetenzen der Beiratsmitglieder abgedeckt werden;
ich denke zunächst an die Bereiche Frauensituation,
Sozialpolitik/Arbeitslosigkeit/Lehrerarbeitslosigkeit,
Ausländer/Interkulturelle Erziehung, Innovationen in der Schule,
Umweltprobleme, Neonationalismus/Neonazismus/Zeitgeschichte, Dritte
Welt/Regionalkonflikte/Kriegsgefahren ...
Der interdisziplinäre
Anspruch dieser Gegenwarts- und Zukunftsprobleme läßt es geboten
erscheinen, politische Bildung, wie sie der Verband der Politiklehrer e.V.
versteht, nicht nur eng auf Methoden und Inhalte der Politologie zu
beziehen, auch wenn diese Kristallisationswissenschaft unseres
Selbstverständnisses ist, sondern Kontakt und Austausch, wo möglich und
sinnvoll auch Integration mit Nachbarfächern der
Gesellschaftswissenschaften im weiteren Sinne, zu denen ich hier
ausdrücklich auch Geographie und Geschichte zähle, zu suchen und zu
fördern. Da eine Kooperation mit den Lehrerverbänden der Erdkunde und
Geschichte durch deren konservative Anlehnung an den Philologenverband,
entgegen unserem eigenen Selbstverständnis, kaum möglich sein dürfte, wäre
es sicher sinnvoll, in einem neuen Beirat für den Verband der
Politiklehrer e.V. auch entsprechend offene und politisch arbeitende
Geographie- und Geschichtsdidaktiker aus dem Hochschulbereich um Teilnahme
und Mitarbeit zu bitten.
Verbandsarbeit und
Schulpolitik
Für die
Fortentwicklung der Politikdidaktik sehe ich in den interdisziplinär zu
fassenden gesellschaftlichen Problemfeldern Ansätze für eine neue
fachliche Strukturierung, die die alte Lernfeld- und Themenorientierung
der Rahmenrichtlinien ablösen kann. Dazu fehlt, auch in der Arbeit des
Verbandes bislang zu wenig repräsentiert, jedoch noch eine neue
lerntheoretische Fundierung, die die bisher recht leeren Schlagworte
„Schülerorientierung“, „Schul- und Lebensumwelt“, „Schulzeit und
Lebenszeit“ oder „Lebensperspektiven und Lebensentwürfe“ ernst nimmt und
mit didaktischen Konzepten zu füllen versucht. Der Verband hat vor einigen
Jahren in der Publikation des „Emder Arbeitskreises“ in einem von E.
Jander und mir verantworteten Aufsatz versucht, diese Themen in den
Mittelpunkt einer noch recht vorläufig wirkenden Reflexion zu stellen;
doch war die (nicht erfolgte) Resonanz darauf doch etwas enttäuschend.
Interessant war es, daß gerade in diese Richtung zielende Überlegungen in
das Zentrum der Verbandstagung in Loccum zum Thema "Interkulturelle
Erziehung" rückten. Das bestätigt, daß hier durchaus noch
Diskursperspektiven bestehen und daß die Notwendigkeit eines solchen
Diskurses nur noch stärker betont werden muß. Die Einbeziehung der
Arbeitsschwerpunkte in den Universitäten über derartige zukünftige
Beiratsinitiativen wäre nur wünschenswert.
Immer noch bleibt dann
aber eine politische Handlungsbarriere durch die Schwierigkeiten,
innovative didaktische Konzepte in offizielle Schulpolitik umzusetzen. Daß
in den Jahren der konservativen Regierung in Niedersachsen ein solches
Vorhaben nicht zu verwirklichen war, ist nicht anders zu erwarten gewesen.
Doch habe ich den Eindruck, daß wir in unserer politischen und
didaktischen Perspektive auch nach dem Regierungswechsel schon wieder in
der Opposition sind.
Nun ist die
Oppositionsrolle auch eine Chance zur Selbstbestimmung und zur Freiheit.
Doch ist es problematisch, wenn hier Freiheit langsam zur Narrenfreiheit
verkommt [früher war der schöne Terminus von der repressiven Toleranz ja
mal geeignet, dies etwas deutlicher zu bestimmen, aber auch die kritische
Terminologie wird ja heute wieder anathematisiert]. Es wundert dies jedoch
weniger, wenn wir uns die generelle Schulpolitik der „A-Länder“ (SPD) in
der BRD der letzten Jahrzehnte einmal näher anschauen; mit unseren
innovativen Perspektiven ist auch dort keine Resonanz zu erwarten.
Eine neue
Publikation ist anzukündigen:
Der Verband der
Politiklehrer unterstützte eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Polen“,
deren Ergebnis nun in Heftform vorliegt und über den Verband zu beziehen
ist. Wir sehen dem Thema Polen wieder wachsende Aktualität und Brisanz
zuwachsen durch zunehmende Ausländerfeindlichkeit und Agitation der
Berufsvertriebenen. Doch sehen wir im Rahmen unserer langjährigen Kontakte
auch die Verpflichtung, den Umgestaltungsprozeß in Polen kooperativ und
solidarisch zu unterstützen. Es ist zwar anzuerkennen, daß die
nachbarschaftlichen Beziehungen heute, endlich, auch von der
Bundesregierung bejaht und vorangetrieben werden, doch bleibt ein
zwiespältiges Gefühl, zu sehen, daß die inhaltliche Ausgestaltung der
deutsch-polnischen Beziehungen zunehmend restaurativen und klerikalen
Kreisen anheim fällt.
Es ist unsere Aufgabe,
diese Aussöhnung, die untrennbar mit dem Namen Willy Brandt verbunden ist
und die maßgeblich von Sozialdemokraten und anderen Kräften der
politischen Linken gegen alle konservative Widerstände begründet und
gestaltet wurde, durch heutige öffentliche Aktivitäten am Leben zu
erhalten und in zukunftsweisender Form politisch zu füllen. Dazu gehört
auch die bewußte Vermittlung dieses Themas an die kommenden Generationen
in den Schulen und in den außerschulischen Bildungseinrichtungen. Über
konkrete Erfahrungen aus dieser Arbeit berichtet das Heft „Junge Deutsche
und Polen begegnen sich“, herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard
Voigt für den UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., und die Deutsch-Polnische Gesellschaft
Hannover e.V. [142 S., A5, DM 7.--].
Es ist unsere Hoffnung, mit diesen Berichten und Anregungen Mut zu machen,
selbst in der Gestaltung von Polenkontakten die Initiative zu ergreifen.
ARBEITSGRUPPEN IM
VERBAND
Im kommenden Schuljahr
sind zwei Themenbereiche aktuell und werden als Arbeitsgruppen, an denen
sowohl Verbandsmitglieder als auch interessierte weitere Kolleginnen und
Kollegen teilnehmen können, zur Mitarbeit angeboten werden:
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Interkulturelle
Erziehung. Aufarbeitung, Publikation und Fortschreibung der Ergebnisse
unseres bisherigen Arbeitsschwerpunktes, der Ende letzten Jahres im
Didaktikseminar „Ausländerpädagogik“ in Loccum konkretisiert wurde. Es
soll eine Zusammenarbeit mit anderen Organisationen gefunden werden.
-
Curriculum 2000.
Erarbeitung von Zielbestimmungen und Inhalten der politischen Bildung
und Vorlage eines Musterentwurfes für neue Rahmenrichtlinien für den
Politikunterricht.
Interessenten melden
sich bitte im Rahmen der Jahreshauptversammlung …
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