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politik unterricht aktuellHeft 1-1991

Rekonstruiert / restauriert Juli 2011


Gerhard Voigt

Der Golfkrieg: Die deutsche und die europäische Verantwortung

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Zwei Weltkriege und eine unübersehbare Anzahl regionaler Kriege, Bürgerkriege und bewaffneter Konflikte haben uns gelehrt, daß zwar viele Politiker noch immer den Krieg als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln verstehen, daß wir uns aber mit diesem Wertneutralismus nicht zufrieden geben dürfen.

Das menschliche Leid und die weltweite Bedrohung der Menschheit und ihrer lebensnotwendigen Umwelt durch Kriege zwingen zu einer Beurteilung mit ethischen Maßstäben, bei denen Leidens- und Gefahrensvermeidung vor der Erfüllung politischer und staatlicher Ziele rangieren müssen. Aktive Friedenspolitik ist nicht nur staatliches Appeasement, sondern politischer Gestaltungswillen bezogen auf die regionalen, sozialen und ökonomischen Konfliktursachen.

Zwei Weltkriege müssen Deutschland gelehrt haben, daß Verantwortung nicht nur Unterlassen von Kriegen bedeutet, sondern politische Veränderung und Aufhebung von Strukturen, die Kriegsursachen werden können oder Kriegsführung ermöglichen. Folgende politische Felder sind aktiv zu bestellen:

  • weltweit für strukturelle Nichtangriffsfähigkeit eintreten und selbst mit gutem Beispiel voran gehen: Umrüstung zur reinen Defensivarmee, umfassendes Recht auf individuelle Entscheidung darüber, inwieweit Dienste an und im Umfeld von Waffen für den Einzelnen moralisch vertretbar erscheinen;

  • weltweit für strukturelle Nichtwaffenexportfähigkeit eintreten und selbst mit gutem Beispiel voran gehen: Generelle Waffenexportverbote für Offensivwaffen, Umstellung der Waffenproduktion auf zivile Produkte;

  • weltweit Verantwortung für die Behebung und Bekämpfung sozialer und ökonomischer Krisen eintreten: durch Nothilfe, durch Strukturhilfe, durch Veränderung der Wirtschaftsbeziehungen und durch großzügige Aufnahme Notleidender und verfolgter Menschen; durch politisch aktiven Druck auf unsere Verbündeten und Nachbarn (EG, USA) zur Anerkenntnis einer gemeinsamen sozialen Verantwortung gelangen;

  • weltweit moralisches und humanitäres Versagen von Regierungen auch gegenüber ihren eigenen Bevölkerungen zur Sprache bringen, öffentlich machen und mit angemessenen Sanktionen belegen.

Die als Schlagwort schon lange angestrebte Weltinnenpolitik kann sich nicht mehr am Postulat der Nichteinmischung orientieren sondern am Postulat der Verantwortungsgesellschaft. Nur frühzeitige Einmischung verhindert spätere Kriege! Einmischung bedeutet aber nicht Besserwisserei, kulturelle Überheblichkeit oder Ignoranz gegenüber den gesellschaftlich-historischen Ursachen regionaler Konflikte und Probleme. Einmischung muß sich am Postulat interkulturellen Verständnisses und multikulturellen Handelns orientieren. Dazu sind Bewußtseinsvoraussetzungen in den eigenen Ländern zu schaffen.

Soweit zur allgemeinen europäischen - und amerikanischen - Verantwortung als Konsequenz der Erfahrungen aus den europäischen Kriegen dieses Jahrhunderts. Doch geht diese Verantwortung auch aus ethisch-moralischer Sicht heraus noch weiter. Haben sich die westeuropäischen Staaten zu einer recht stabilen Friedensgemeinschaft zusammen gefunden und schicken sich die osteuropäischen Staaten an, verbunden noch mit kaum wägbaren Konflikt- und Versagenspotentialen, die der Umbruch aus dem politischen Versagen der bisherigen Regierungen heraus mit sich bringt, dieser Friedensgemeinschaft beizutreten - wobei bestimmte in der Zukunft brisant werdenden Konfliktbereiche noch längst nicht adäquat eingeschlossen sind: so die Frage der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Verantwortung -, so haben sie doch ihre politische Verantwortung und ihren Ausgleichswillen allein auf den europäisch-atlantischen Raum, in letzter Zeit vielleicht noch tendenziell erweitert um Japan, gerichtet: Ordnungspolitik unter der Voraussetzung der Industriestaatlichkeit.

Völlig ausgeschlossen bleibt die bewußte Übernahme für die weltpolitische Verantwortung, vor allem was die unseligen Hinterlassenschaften des Kolonialismus und, wie wir heute hinzufügen müssen, der daraus abgeleiteten bipolaren Hegemonialteilung der Welt in der Zeit des kalten Krieges. Von den dadurch geprägten Strukturen profitieren derzeit die Ökonomien der Industrieländer immer noch, die ungleiche Arbeitsteilung und die politische Erpreßbarkeit der Länder der Dritten Welt durch die Industrieländer sind die gravierendste Hypothek für eine zukünftige friedliche und gerechtere Weltordnung.

Die ethische Beurteilung dieser Situation verlangt ein Umdenken, das in Teilen der Bevölkerung - man denke an spontane Nothilfeaktionen wie an das massive Empfinden des Unrechtes, das die kriegerische Zuspitzung der Situation im Nahen Osten evoziert - in konstruktiver Weise angelegt und vorbereitet ist. Doch steht diese Beurteilung der Weltpolitik noch im krassen Widerspruch zu definierten wirtschaftlichen und hegemonialpolitischen Interessen, von denen die Regierungen der westlichen Industrieländer abhängig sind.

Hier ist aufzuzeigen, daß neben der ethischen Beurteilung und Verwerfung des traditionellen Verhältnisses der Industriestaaten zur Dritten Welt – Kernbereich für eine veränderte Entwicklung der Weltpolitik – auch ein deutliches materielles Interesse daran besteht, zumindest mittel- bis langfristig die immer brisanter werdenden regionalen Konflikte nicht als Ursache des Unfriedens und der Kriegsgefahr zu begreifen, sonder als Folge kurzsichtiger politischer Prioritätensetzungen und mangelnder politischer Problemlösungskompetenz der Industrieländer.

Der Krieg im Nahen Osten ist nur sehr vordergründig das Ergebnis der terroristischen Staatsgewalt und der außenpolitischen Aggressionen des Iraq – der damit durchaus in einer unrühmlichen Reihe allein machtorientierter Diktaturen in anderen Ländern der Welt steht –, er ist vielmehr das Ergebnis des generellen Versagens der Politik seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die westlichen Vormächte erkennen können und erkennen müssen, daß die allein vom ökonomisch-politischen Eigeninteresse geleitete Nahostpolitik nicht in der Lage war, geeignete politische Strukturen in den seit der Sultanatszeit von dependenten politischen Strukturdeformationen geprägten Regionen zu entwickeln, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Minderheitenpartizipation und panarabischer Solidarität aufzubauen und eine Wirtschaftsstruktur zu entwickeln, die die krassen sozialen Diskrepanzen überwinden könnte. Im Gegenteil, Konfliktpotentiale wurden durch das Prinzip des „herrsche und teile“ verschärft und aktualisiert, politische Partizipation verhindert und ökonomische Privilegien nach hegemonialpolitischer Opportunität verteilt.

Der Verantwortung der westlichen Industriestaaten unterliegt es, konstruktiv daran mitzuwirken, das verhängnisvolle Erbe des westlichen Gestaltungsanspruches aufzuarbeiten und neue staatlich-gesellschaftliche Lösungen möglich zu machen. Das geht nun sicher nicht durch (tagespolitisch wechselnde) Freund-Feind-Verhältnisse, die sich in erster Linie in Waffenhilfe und Aufrüstung ausdrücken. Die Militärkomplizenschaft mit den Regimen des Nahen Ostens ist das unentschuldbare Verbrechen Europas und Amerikas; wenn wir feststellen, daß dies zumeist im Rahmen des kalten Krieges und des Ost-West-Konfliktes geschah, müssen wir diesen Vorwurf auf die Strategen dieser Auseinandersetzung und der Abschreckungspolitiker ausdehnen.

Politisch hat die Abschreckungspolitik zwischen West und Ost einen Frieden auf tönernen Füßen für Europa gesichert, indem die akuten Auseinandersetzungen in die Regionen der Dritten Welt exportiert worden sind. Im Nahen Osten sterben Menschen jetzt nicht nur durch amerikanische und europäische Waffen, sondern auch anstelle der Amerikaner und Europäer für die Versäumnisse ihrer eigenen Politik. Aus dieser Verantwortung können sich die Industriestaaten nicht herausstehlen, vor allem, wenn offensichtlich der heutige Golfkrieg nur der Beginn einer langen Folge regionaler Verzweiflungskriege sein wird, die in vielen Teilen der Dritten Welt schon begonnen haben und die die Industrieländer langsam aber sicher aushöhlen und militärisch, wirtschaftlich und ökologisch zum Zerfall bringen werden.

Doch diese Gefahr haben Europa und Amerika noch nicht erkannt, wo Willensbildung eigentlich nur noch im kurzfristigen Kampf um die Macht bei den jeweils nächsten Wahlen erfolgt. Deshalb wendet sich konsequente Friedenspolitik nicht in erster Linie an die Politiker, sondern an die Menschen, die die Politik zu tragen und zu legitimieren haben. Es ist Zeit, Demokratie als allgemeine Aufgabe zur Information und kompetenten Meinungsbildung zu verstehen. Der Schlüssel zur Veränderung liegt in der Innenpolitik, in der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik, in der Bildungspolitik.

Wie konventionell – und damit untauglich – der Golfkrieg seinen scheinbar unabwendbaren Verlauf genommen hat, zeigt die Analyse der Entscheidungen, die ihn ermöglicht haben. Sehr deutlich wird dabei, die Entwicklung der Sicherheitsratsresolutionen beweist dies, daß die USA von Anfang an keine politische Lösungsoption tatsächlich erwogen haben, daß, solange der Iraq nicht völlig den Forderungen entspricht, Krieg nicht letztes Mittel sondern das Mittel der Wahl war.

Eine an anderer Stelle durchzuführende Analyse der Voraussetzungen im Nahen Osten zeigt, daß diese Option völlig von falschen Voraussetzungen ausging, oder aber, daß die Motive der USA nicht in erster Linie auf eine konstruktive Lösung der Probleme des Nahen Ostens gerichtet waren und daher diese Voraussetzungen bewußt oder aus Ignoranz gar nicht in die Entscheidung einbezogen haben.

-       Falsch war, anzunehmen, daß ein Ultimatum den gewünschten politischen Erfolg beschleunigen konnte: das Gegenteil ist der Fall, der Krieg wurde unausweichlich.

-       Falsch war, anzunehmen, daß das unflexible Beharren auf Völkerrechtspositionen im Nahen Osten, wo das westliche Völkerrecht im Laufe der Zeitgeschichte nur als Repressionsinstrument wahrgenommen wurde, die Legitimität der iraqischen Regierung hätte erschüttern können: das Gegenteil ist der Fall, nur geduldiges langfristig angelegtes Verhandeln und Finassieren hätte überhaupt Wirkung zeigen können.

-       Falsch war, anzunehmen, daß kommentarloser politischer Druck auf den Iraq als Staat die Machtbasis Saddam Husseins hätte erschüttern können: das Gegenteil ist der Fall, die Kriegssituation war die einzige Chance der Herrschaftsclique in Iraq, ihrer nur noch auf Terror, Angst und Massenapathie gestützte Herrschaft noch einen Anschein von Massenloyalität zu geben; Destabilisierung und flexible Verhandlungs- und Bündnismarathons hätten diese Herrschaft weit mehr zermürbt und die innerarabische Anti-Iraq-Front auch innenpolitisch wirksam werden lassen.

-       Falsch war, anzunehmen, daß eine militärische (und eventuell auch physische) Niederlage der iraqischen Herrschaftsclique auch ihre politischeLegitimität zerstören würde: im Gegenteil, das offensichtliche Motiv des Märtyrertums und die Chance, durch ein tapferes (= blutiges) Hinauszögern der endgültigen Niederlage historische arabische Vorbilder wie Nasser (der in weitaus kürzerer Zeit allein schon gegen Israel eine Niederlage einstecken mußte) auf die historischen Ränge zu verweisen, eröffnet die Möglichkeit, daß Saddam Hussein (zumindest in seiner eigenen Phantasie) zu einer historischen Heldenfigur in der Reihe von Djingis Chan und Timur Leng oder Mehmet Fatih werden könnte - mit unüberschätzbarem Nutzen für das arabische Selbstgefühl.

-       Falsch war, anzunehmen, daß militärische Übermacht zum schnellen Sieg werden müßte: im Gegenteil, die drohende Niederlage provoziert gerade den heldenhaften Widerstandswillen - zum Teil auch bei der Bevölkerung.

-       Falsch ist, anzunehmen, daß mit der militärischen Niederlage des Iraq auch nur ein Strukturproblem des Nahen Ostens leichter zu lösen sei, als ohne diesen Krieg: es droht die gesellschaftliche Anomie, der langfristige Bürgerkrieg der vielen religiösen, sprachlichen und kulturellen Minderheiten im Zweistromland, also die Libanisierung des Nahen Ostens, bei der vielleicht nur noch ein gemeinsamer Wert ansprechbar bleibt und als Integrationsfaktor für alle Machtansprüche funktionalisierbar ist: der Antiamerikanismus, der gleichgesetzt wird mit wachsender Ablehnung Europas und Haß auf Israel.

Alle diese Überlegungen lassen natürlich die Frage nach den amerikanischen Entscheidungsgrundlagen für diesen Krieg umso dringlicher werden, wenn man meint, daß der Vorwurf, amerikanische Politik sei schlicht inkompetent, desinformiert und dumm, zu kurz greift. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der auslösende Konflikt im Nahen Osten nicht das Hauptmotiv für die harte Reaktion der USA war, die den Sicherheitsrat ja geradezu erpreßte, die Kriegsoption in seine Resolutionen mit aufzunehmen – sehr mit Unwohlsein der meisten übrigen Sicherheitsratsmitglieder.

Zur Verantwortung für eine eigene sachgerechte Entscheidung zum Golfkonflikt gehört auch die Prüfung, ob die von den die Ereignisse vorantreibenden Akteuren angegebenen Handlungsbegründungen nicht nur im augenblicklichen Verständniskontext stichhaltig erscheinen, sondern ob sie auch die tatsächlich handlungsbestimmenden Motivationen sind. In jedem anderen Falle – nämlich der nachgeschobenen, verdeckenden oder rechtfertigenden Begründung – würden die ursprünglichen Handlungsmotive zum späteren Zeitpunkt oder unter anderen Umständen wieder zum Vorschein kommen, das Geschehen bestimmen und die aus dem aktuellen Verständnis heraus getroffenen Unterstützung obsolet werden lassen.

Und gerade hier sind ernsthafte Zweifel gegenüber den Argumenten und Begründungen beider Seiten angebracht. Relativ leicht läßt sich aus Herrschaftskontinuität und tatsächlichem Konfliktverhalten des Iraq heraus begründen, daß die – nachgeschobene – Begründung, aus islamischer Verantwortung heraus zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen zu haben, ebenso wenig begründet ist, wie sich eine tatsächlicher völkerrechtlicher „Anspruch“ Iraqs auf das Territorium Kuweits aus der Geschichte deutlicher denn als eine ambivalente historische Reminiszenz ableiten ließe. Den weitaus wichtigeren tatsächlichen politischen Problemen des Nahen Ostens – unangemessene territoriale Zuschnitte, soziale Krisen, gemeinsame historische Identität angesichts der staatlichen und politischen Zersplitterung – werden gerade durch die Annektionspolitik Iraqs verschärft und keineswegs einer Lösung näher gebracht. Doch diese Kritik an Iraq betrifft uns und unsere Überlegungen zur eigenen politische Verantwort weniger, da diese Argumente in unserem politischen Wirkungskreis kaum umstritten sind und wir ja auch nicht unter dem Druck stehen, das Verhalten Iraqs zu unterstützen und zu legitimieren – was im Sinne der Friedensbewegung nun sicherlich vermessen wäre! – oder gegenüber Iraq Bündnisverpflichtungen einlösen zu müssen.

Das gilt aber gerade gegenüber den USA. Umso gravierender sind die wohlbegründeten Zweifel daran zu gewichten, daß die völkerrechtliche Begründung (mit den Westalliierten als Vollstreckungsorgan einer „Weltpolizei“) tatsächlich handlungsbestimmend und kriegsauslösend war. Neben der sorgfältigen Sichtung der Berichterstattung der letzten Jahre über den Nahen Osten stützt auch das erstaunlich detaillierte Buch von SALINGER und LAURENT [Guerre du Golfe. Le Dossier Secret. Paris 1991] die Zweifel an dieser Prämisse. Heranzuziehen sind in diesem Zusammenhang auch NIRUMAND [Sturm im Golf. rororo, 1990] und die Aufsätze im Golf-Heft der Zeitschrift „Der Überblick“ (Dienste in Übersee der EKD, Stuttgart, IV/90).

Hier nun das Résumé‚ dieser Überlegungen und Zweifel:

  •         Die amerikanische und europäische Politik ist nicht konsistent und hatsich bis vor kurzem nicht primär am Völkerrecht sondern an der politischen Opportunität – meist im Rahmen der Vorstellungen vom Ost-West-Konflikt – orientiert (Iran-Iraq-Konflikt, Giftgaseinsatz des Iraq, Grenzrevisionsforderung des Iraq gegenüber Kuweits, der gegenüber USA und Großbritannien positive Signale übermittelten, Waffenlieferungen an Iraq; daneben auch eigene Interventions- und Okkupationspolitik der USA in anderen Regionen, z.B. [indirekt:]Nicaragua, [direkt:] Grenada und Panama etc.). Kann ein plötzliches Berufen auf das Völkerrecht überhaupt noch ernst genommen werden, wenn mit einiger Sicherheit behauptet werden kann, daß die gleiche Aggression des Iraq noch vor drei Jahren ohne gravierende Gegenmaßnahmen gelungen wäre? Glaubt man dem Dieb, der plötzlich im Namen des Eigentumsrechtes Enteignungsmaßnahmen durchsetzen will? Gute Begründungen dürfen nicht nur formal überzeugend sein, sondern müssen auch durch die Erfahrungen mit den Handlungsbeteiligtenglaubwürdig gemacht werden können - und das gelingt im Falle der USA(die Sicherheitsratresolutionen selbst jederzeit durch Veto zu Fall bringen kann und die mehrfach Urteile des internationalen Gerichtshofes in Den Haag als für sie nicht verbindlich zurückgewiesen hat) keineswegs.

  •         Die USA haben keine der angebotenen oder sich anbietenden deeskalierenden Strategien oder kriegsverhütende – sicherlich geduldheischendere undweniger ruhmreiche – politische Möglichkeit ernsthaft geprüft oder garerprobt. Die Zeit des Boykotts war eine Schamfrist, um den Sicherheitsrat zur Zustimmung zu Gewaltanwendung zu bewegen, niemals aber eine ernsthaft genutzte Zeit der politischen Einwirkung auf Iraq. Es ist sehrdeutlich, daß der Wille zum Krieg auf Seiten der USA von Anfang an vorhanden war, vielleicht sogar – da man den Iraq durch gezielt falscheSignale zur Annektion Kuweits in gewisser Weise geradezu ermutigt hatte – schon längst vor der Okkupation Kuweits. Die machtpolitische Neuordnung des Nahen Ostens sollte durch einen Sieg der USA und keinenfalls durch eine Verhandlungslösung unter Beteiligung der arabischen Staaten selbst durchgesetzt werden.

  •         Die UNO ist im Sicherheitsrat halbwegs gegen ihren eigenen Willen in daskriegerische Abenteuer hineingezogen worden; die nicht selbst im Konflikt aktiven Mitglieder des Sicherheitsrates haben, folgt man den Äußerungen in den Medien, auch keineswegs fest damit gerechnet, daß die Drohung mit kriegerischer Gewalt tatsächlich ein Freibrief für die USA undihre Verbündeten sei, den Krieg nach ihren Vorstellungen prompt und umfassend als ultima ratio der Konfliktlösung in die Praxis umzusetzen. Die USA haben dabei die Drohung mit ihrem Vetorecht im Sicherheitsratkonsequent dazu benutzt, jede mögliche weniger kriegsorientierte Fassung der letzten Resolutionstexte abzublocken und verhandlungsorientierte Alternativen erst gar nicht in die Diskussion gelangen zu lassen.

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes hat die USA nun demonstriert, daß sie sich als globale Hegemonialmacht versteht und die UNO und ihre Organe konsequent für ihre eigenen Interessen funktionalisieren will und kann. Das läßt nur noch sehr pessimistische Ausblicke auf die immer notwendiger werdende neue Weltfriedens- und Weltwirtschaftsordnung zu, bei der wohl nur noch die Alternative zu sehen ist zwischen einer unabsehbaren Folge regionaler Verzweiflungskriege und Sozialkatastrophen, einer Libanisierung der „Dritten Welt“ – deren Ende erst bei einem ökonomischen oder militärischen Ausbluten auch der Industrieländer abzusehen ist – oder einer auf ökonomischem Verzicht und politischer Zurückhaltung und Selbstbeschränkung der Industrieländer gründenden permanenten Verhandlungs- und Kompromißpolitik in globalen und regionalen Sicherheitsbündnissen. Unsere politische Verantwortung geht dahin, dafür zu sorgen, daß die Kriegsursachen schon weit vor der Eskalation der Konflikte politisch beseitigt werden. Vorstellungen von Sieg, Überlegenheit, Heldentum, nationaler Ehre oder Unantastbarkeit materiellen Besitzes sind das genaue Gegenteil eine verantwortungsvollen Politik. Es ist unsere Aufgabe, in Politik, Gesellschaft und in der Schule aktiv für eine neue, verantwortungsorientierte politische Wertordnung einzutreten, die Kriege unmöglich macht und Massenvernichtungsmittel ohne jede Relativierung ächtet.

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 1/1991
Hannover, 1996. 94 S., A 5, kart.,
Printausgabe vergriffen

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009) -  Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)
Internetausgabe /
 06.11.02 - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004 / 03.05.2010 / 30.06.2011

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

 

 

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