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politik unterricht aktuell 1/1988
 
"Interkulturelle Erziehung"

   

Ein Rahmen für die Richtlinien

Zum Entwurf zur Reform der gymnasialen Oberstufe des Niedersächsischen Kultusministers

Verbandshistorisches Dokument von 1988

 

Dokument Information

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Gutachten Erdkunde
Gutachten Sozialkunde

Allgemeine Einleitung

Der VERBAND DER POLITIKLEHRER hat sich wie andere Verbände und Institutionen auch mit den Vorstellungen des niedersächsischen Kultusministers zur Veränderung der zum Abitur führenden gymnasialen Oberstufe (Kursstufe) befaßt und ist dabei zu einem eindeutig ablehnenden Urteil gelangt. Auch wenn die Tendenz der Veränderungen, die unserer Meinung nach zu unrecht als „Reform“ bezeichnet werden und eher als „Restauration“ vergangener Vorstellungen von Schule und Bildung anzusehen sind, von anderen Bundesländern ebenfalls vertreten wird, so daß tatsächlich eine Art von „Bundeseinheitlichkeit“ - erklärtes Ziel der KMK - erreicht wird, so ist dies noch lange kein Grund, die gefährlichen gesellschaftspolitischen Weichenstellungen, die aus dieser Restauration abzulesen sind, einfach hinzunehmen. Der VERBAND DER POLITIKLEHRER kommt in Betrachtung der derzeitigen Schulpolitik zu dem eindeutigen Schluß, daß, nicht nur in Niedersachsen, von den derzeit regierenden Parteien und Koalitionen eine Wende zum Besseren, das heißt auch: zu den Zielen der politischen Bildung hin, nicht zu erwarten ist. Es ist Zeit für eine Ablösung der derzeitigen Kultuspolitik in parteipolitischer wie in personeller Hinsicht. In diesem Sinne konnte es auch nicht das Ziel des VERBANDES DER POLITIKLEHRER sein, angeblich „konstruktive“ Verbesserungsvorschläge und Detailkorrekturen an der ministeriellen Vorlage zu erarbeiten. Dazu ist die gesamte Zielvorstellung, die hinter dem Entwurf steht, zu verwerflich und wird vom VERBAND DER POLITIKLEHRER grundsätzlich abgelehnt. In diesem Sinne haben wir uns mit einer Stellungnahme an den Kultusminister zu Wort gemeldet. Den Wortlaut dieses Gutachtens drucken wir im Folgenden ab.

Stellungnahme zu dem Entwurf zur Reform der gymnasialen Oberstufe des Niedersächsischen Kultusministers

I.

Der Verband der Politiklehrer weicht in der Beurteilung der Notwendigkeit der geplanten Veränderung der gymnasialen Oberstufe und der daraus resultierenden Veränderung der Abituranforderungen grundsätzlich von der des Niedersächsischen Kultusministers und der KMK ab. Insbesondere weist er die vor der Presse vom Kultusminister geäußerte Begründung, daß die Reform in Niedersachsen durch Leistungs- und Anforderungsdefizite gerade in diesem Bundesland besonders notwendig wäre, als sachunkundige und diskriminierende Unterstellung zurück und weist auf den Widerspruch hin, daß zur gleichen Zeit den derzeitigen Rahmenrichtlinienkommissionen für die gymnasiale Mittelstufe die Weisung zu einer Begrenzung der Stoffülle gegeben wird. Da der Verband der Politiklehrer diese grundsätzlichen Beurteilungsunterschiede nicht ausgeräumt sieht, ist er nicht in der Lage, durch Einzelkritik des Entwurfes allein mit dem Ziel, ihn funktionstüchtiger zu machen, an einer abgelehnten Bildungskonzeption mitzuwirken.

II.

Der Verband der Politiklehrer sieht, in Beobachtung der Diskussionen in der KMK und in Begleitung der Reformbestrebungen durch die verantwortlichen Kultuspolitiker, einen tiefgreifenden Paradigmenwandel im Bildungsbegriff und in der Beschreibung der Bildungsziele der Schule. Der Verband der Politiklehrer sieht keine Notwendigkeit, diesen Paradigmenwandel mitzuvollziehen, ihn gar zu unterstützen, sondern er sieht daraus resultierende Gefahren für die politische Leistungsfähigkeit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, die vor allem durch die eingeleiteten Prozesse der Entpolitisierung und der Entfremdung der Schüler von den Zielen der politischen Bildung und des sozialen Lernens begründet sind. Der Verband der Politiklehrer unterstellt hier keine Intention, weist aber umso ernsthafter auf die Gefahren hin, die in der pädagogischen und fachdidaktischen Literatur ihren Niederschlag gefunden haben.

III.

Der Verband der Politiklehrer beobachtet mit Sorge, daß in zunehmendem Maße ein unreflektierter, sich vor allem an Lerninhalten orientierender Grundbildungsbegriff ausbreitet, der weder fachwissenschaftlich begründbar noch politisch konsensfähig ist und zu erheblicher Unruhe in den Schulen führen wird. Der Verband der Politiklehrer sieht diese Entwicklung gerade in seinem Fachbereich dominieren, besonders, wenn durch die deutliche Zurückdrängung des Faches Gemeinschaftskunde in der Oberstufe hier ein fachdidaktisch reduziertes Reliktfach übrig bleibt, das den ohnehin kläglichen Ansätzen in den Stundentafeln der gymnasialen Mittelstufe keine notwendige aufbauende Verbreiterung im Sinne einer umfassenden politischen Bildung mehr hinzufügen kann. Die begriffliche Trennung von Kenntnissen über die Politik und die Gesellschaft und Politischer Bildung bleibt dadurch unberücksichtigt, wodurch das Fach Sozialkunde / Gemeinschafts- kunde eine wesentliche Zieldimension verliert, die sich in einer deutlichen Verarmung des Bildungsbegriffes der Schule ausdrücken wird.

IV.

Im Gegensatz zu einer politischen Bildung im weiteren Sinne kann der Verband der Politiklehrer keinen begründbaren Sinn in dem Konstrukt einer Historischen Bildung sehen. So wichtig auch der Politiklehrer historische Kenntnisse und Interpretationen nimmt, so wenig kann er im Fach Geschichte eine schülerbezogene Verhaltensdimension „geschichtlich gebildeter Bürger“ sehen, die der Zielsetzung der Politischen Bildung vergleichbar wäre und die derzeitige Priorität des Faches Geschichte begründen könnte. Wir halten diese Ungleichbehandlung der Fächer für eine Fehlentscheidung, die nur ideologisch zu begründen ist.

V.

Der Verband der Politiklehrer bedauert es, daß durch die Ungleichbehandlung der Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes ein schädliches Konkurrenzprinzip auch in die Schulen herein getragen wird, an Stelle einer Konzeption, die die fächerverbindenden Aspekte betont und im Sinne einer echten Fach- und Kurswahl dem Schüler eigene Schwerpunktsetzungen ermöglicht. Die Schule als Lernfeld des Schülers wird deutlich verarmen und weniger denn je den steigenden gesellschaftlichen Anforderungen an die Ausbildung und Allgemeinbildung gerecht werden können.

VI.

Der Verband der Politiklehrer hofft, daß die hier nur in aller Kürze angedeuteten Gefahren und Befürchtungen durch eine verantwortliche und inhaltlich pluralistische Rahmenrichtlinienarbeit in den gesellschafts- wissenschaftlichen Fächern entschärft werden und daß das weitere Vorgehen des Kultusministers zeigen mag, daß er nicht von den notwendigen Zielen der Politischen Bildung als Grundlage demokratischen und staatsbürgerlich verantwortlichen Verhaltens der nächsten Generation abrückt. Hier sichern wir ihm unsere konstruktive Hilfe und Unterstützung zu.

Hannover, 14.12.1987

 

 

pua 1/1988

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Verantwortlich: Gerhard Voigt, bismarckschule.voigt@gmx.de

im Auftrag des Verbandes der Politiklehrer, e.V., Hannover

eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetseite Erstelldatum und Fassung der Datei: 5. Mai 2003 auf der Grundlage von Texten von 1988.  - Letzte Überarbeitung: 7.8.2004

 

 

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Web-Fassung: 10.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de>