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Gutachten Erdkunde
Gutachten Sozialkunde
Allgemeine Einleitung
Der VERBAND DER POLITIKLEHRER hat sich wie andere
Verbände und Institutionen auch mit den Vorstellungen des niedersächsischen
Kultusministers zur Veränderung der zum Abitur führenden gymnasialen Oberstufe
(Kursstufe) befaßt und ist dabei zu einem eindeutig ablehnenden Urteil gelangt.
Auch wenn die Tendenz der Veränderungen, die unserer Meinung nach zu unrecht als
„Reform“ bezeichnet werden und eher als „Restauration“ vergangener Vorstellungen
von Schule und Bildung anzusehen sind, von anderen Bundesländern ebenfalls
vertreten wird, so daß tatsächlich eine Art von „Bundeseinheitlichkeit“ -
erklärtes Ziel der KMK - erreicht wird, so ist dies noch lange kein Grund, die
gefährlichen gesellschaftspolitischen Weichenstellungen, die aus dieser
Restauration abzulesen sind, einfach hinzunehmen. Der VERBAND DER POLITIKLEHRER
kommt in Betrachtung der derzeitigen Schulpolitik zu dem eindeutigen Schluß, daß,
nicht nur in Niedersachsen, von den derzeit regierenden Parteien und Koalitionen
eine Wende zum Besseren, das heißt auch: zu den Zielen der politischen Bildung
hin, nicht zu erwarten ist. Es ist Zeit für eine Ablösung der derzeitigen
Kultuspolitik in parteipolitischer wie in personeller Hinsicht. In diesem Sinne
konnte es auch nicht das Ziel des VERBANDES DER POLITIKLEHRER sein, angeblich
„konstruktive“ Verbesserungsvorschläge und Detailkorrekturen an der
ministeriellen Vorlage zu erarbeiten. Dazu ist die gesamte Zielvorstellung, die
hinter dem Entwurf steht, zu verwerflich und wird vom VERBAND DER POLITIKLEHRER
grundsätzlich abgelehnt. In diesem Sinne haben wir uns mit einer Stellungnahme
an den Kultusminister zu Wort gemeldet. Den Wortlaut dieses Gutachtens drucken
wir im Folgenden ab.
Stellungnahme zu dem Entwurf
zur Reform der gymnasialen Oberstufe des Niedersächsischen Kultusministers
I.
Der Verband der Politiklehrer weicht in der
Beurteilung der Notwendigkeit der geplanten Veränderung der gymnasialen
Oberstufe und der daraus resultierenden Veränderung der Abituranforderungen
grundsätzlich von der des Niedersächsischen Kultusministers und der KMK ab.
Insbesondere weist er die vor der Presse vom Kultusminister geäußerte
Begründung, daß die Reform in Niedersachsen durch Leistungs- und
Anforderungsdefizite gerade in diesem Bundesland besonders notwendig wäre, als
sachunkundige und diskriminierende Unterstellung zurück und weist auf den
Widerspruch hin, daß zur gleichen Zeit den derzeitigen
Rahmenrichtlinienkommissionen für die gymnasiale Mittelstufe die Weisung zu
einer Begrenzung der Stoffülle gegeben wird. Da der Verband der Politiklehrer
diese grundsätzlichen Beurteilungsunterschiede nicht ausgeräumt sieht, ist er
nicht in der Lage, durch Einzelkritik des Entwurfes allein mit dem Ziel, ihn
funktionstüchtiger zu machen, an einer abgelehnten Bildungskonzeption
mitzuwirken.
II.
Der Verband der Politiklehrer sieht, in Beobachtung
der Diskussionen in der KMK und in Begleitung der Reformbestrebungen durch die
verantwortlichen Kultuspolitiker, einen tiefgreifenden Paradigmenwandel im
Bildungsbegriff und in der Beschreibung der Bildungsziele der Schule. Der
Verband der Politiklehrer sieht keine Notwendigkeit, diesen Paradigmenwandel
mitzuvollziehen, ihn gar zu unterstützen, sondern er sieht daraus resultierende
Gefahren für die politische Leistungsfähigkeit der freiheitlichen demokratischen
Grundordnung, die vor allem durch die eingeleiteten Prozesse der
Entpolitisierung und der Entfremdung der Schüler von den Zielen der politischen
Bildung und des sozialen Lernens begründet sind. Der Verband der Politiklehrer
unterstellt hier keine Intention, weist aber umso ernsthafter auf die Gefahren
hin, die in der pädagogischen und fachdidaktischen Literatur ihren Niederschlag
gefunden haben.
III.
Der Verband der Politiklehrer beobachtet mit Sorge,
daß in zunehmendem Maße ein unreflektierter, sich vor allem an Lerninhalten
orientierender Grundbildungsbegriff ausbreitet, der weder fachwissenschaftlich
begründbar noch politisch konsensfähig ist und zu erheblicher Unruhe in den
Schulen führen wird. Der Verband der Politiklehrer sieht diese Entwicklung
gerade in seinem Fachbereich dominieren, besonders, wenn durch die deutliche
Zurückdrängung des Faches Gemeinschaftskunde in der Oberstufe hier ein
fachdidaktisch reduziertes Reliktfach übrig bleibt, das den ohnehin kläglichen
Ansätzen in den Stundentafeln der gymnasialen Mittelstufe keine notwendige
aufbauende Verbreiterung im Sinne einer umfassenden politischen Bildung mehr
hinzufügen kann. Die begriffliche Trennung von Kenntnissen über die Politik und
die Gesellschaft und Politischer Bildung bleibt dadurch unberücksichtigt,
wodurch das Fach Sozialkunde / Gemeinschafts- kunde eine wesentliche
Zieldimension verliert, die sich in einer deutlichen Verarmung des
Bildungsbegriffes der Schule ausdrücken wird.
IV.
Im Gegensatz zu einer politischen Bildung im
weiteren Sinne kann der Verband der Politiklehrer keinen begründbaren Sinn in
dem Konstrukt einer Historischen Bildung sehen. So wichtig auch der
Politiklehrer historische Kenntnisse und Interpretationen nimmt, so wenig kann
er im Fach Geschichte eine schülerbezogene Verhaltensdimension „geschichtlich
gebildeter Bürger“ sehen, die der Zielsetzung der Politischen Bildung
vergleichbar wäre und die derzeitige Priorität des Faches Geschichte begründen
könnte. Wir halten diese Ungleichbehandlung der Fächer für eine
Fehlentscheidung, die nur ideologisch zu begründen ist.
V.
Der Verband der Politiklehrer bedauert es, daß durch
die Ungleichbehandlung der Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeldes ein schädliches Konkurrenzprinzip auch in die Schulen herein
getragen wird, an Stelle einer Konzeption, die die fächerverbindenden Aspekte
betont und im Sinne einer echten Fach- und Kurswahl dem Schüler eigene
Schwerpunktsetzungen ermöglicht. Die Schule als Lernfeld des Schülers wird
deutlich verarmen und weniger denn je den steigenden gesellschaftlichen
Anforderungen an die Ausbildung und Allgemeinbildung gerecht werden können.
VI.
Der Verband der Politiklehrer hofft, daß die hier
nur in aller Kürze angedeuteten Gefahren und Befürchtungen durch eine
verantwortliche und inhaltlich pluralistische Rahmenrichtlinienarbeit in den
gesellschafts- wissenschaftlichen Fächern entschärft werden und daß das weitere
Vorgehen des Kultusministers zeigen mag, daß er nicht von den notwendigen Zielen
der Politischen Bildung als Grundlage demokratischen und staatsbürgerlich
verantwortlichen Verhaltens der nächsten Generation abrückt. Hier sichern wir
ihm unsere konstruktive Hilfe und Unterstützung zu.
Hannover, 14.12.1987
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