Da das „dreigliedrige
Schulwesen“ auf mittlere Sicht wohl nicht generell durch integrierte
Gesamtschulen abgelöst werden kann, sollten vielfältige integrierende
Schulsysteme auf der Grundlage der differenzierten örtlichen Bedingungen
geschaffen werden. In der Diskussion um die organisatorische Anbindung der
Orientierungsstufe sollte „der Spieß umgedreht werden“, und eine Anbindung an
die Grundschule gefordert werden - mit Ausnahme der Gesamtschulen mit
integrierter Orientierungsstufe. Dabei können Grundelemente der
Orientierungsstufe, die einst die Einführung mit begründet haben, durchaus
beibehalten werden, so daß ein Stufencharakter erhalten bleibt:
* Primat der
Orientierungsfunktion, d.h. der Orientierung der Schüler über seine eigenen
Lernfähigkeiten im Sinne einer positiv fördernden Motivie rung, Orientierung
der Eltern über curriculare Möglichkeiten und Förder chancen für ihre Kinder,
Orientierung der Schule über individuelle und kollektive Lernbedürfnisse, um
diese zur Grundlage der Strukturierung und Evaluierung der Lernangebote in den
weiterführenden Schulen zu machen.
* Einbeziehung von
Lehrern aller bisherigen Schulformen im Fachunterricht der
Orientierungsstufen.
* Binnendifferenzierung
in flexiblen Leistungs- und Neigungsprofilen.
Orientierungsstufenunterricht richtet sich also nicht nach den Anforderungen
des Sekundarbereichs, sondern gibt die Orientierungsdaten zur curricularen
Gestaltung des weiterführenden Schulwesens. Die soziale Integration und
schulische Kontinuität durch ein ausgeprägtes Klassenlehrer- und
TeamKleingruppen-System steht im Vordergrund der Bildungsziele in der
„Basisschule“.
Hauptschule und
Realschule werden organisatorisch zusammengeführt, auch wenn eine
erstrebenswerte Integration der gymnasialen Bildung am konkreten Standort
(noch) nicht möglich erscheint. Die traditionellen Unterschiede bleiben wenn
es sinnvoll erscheint als positive Binnendifferenzierung erhalten. Das 10.
Schuljahr ist generell Abschlußklasse. Es folgt i.d.R. das BGJ, alternativ
dazu weiterführende schulische Berufsausbildung oder der Übergang in die
gymnasiale Oberstufe.
Die Beschränkungen für
die Errichtung weiterer Gesamtschulen wird aufgehoben. Gesamtschulen werden im
Schulgesetz als Regelschulen verankert. Überall, wo die örtlichen Bedingungen
es erlauben und eine Grundakzeptanz zu erreichen ist - die zum Erhalt der
örtlichen Schule bei sinkenden Schülerzahlen wachsen wird -, werden
Gesamtschulen entweder neu errichtet oder durch organisatorische
Zusammenfassung vorhandener Schulen geschaffen. Bei geringen Schülerzahlen
kann zur Wahrung des Elternwillens von erheblichen Minderheiten auf
integrierende Zwischenformen wie Schulzentrum und KGS zurückgegriffen werden.
Sekundar-Gesamtschulen werden dort errichtet, wo keine ausreichende Versorgung
mit weiterführenden Schulangeboten möglich ist. Die schrittweise Integration
des berufsbildenden Schulwesens ist möglich.
Generell ist das Angebot
des weiterführenden Schulwesens den örtlichen Bedingungen und Bedürfnissen
anzupassen. Schematische Lösungen sollten vermieden werden. Die Möglichkeiten
von Schulversuchen sollten sowohl in Hinblick auf die Schulorganisation, die
innere Schulverfassung als auch in Hinblick auf die Unterrichtsangebote
erweitert werden. Die Schulverwaltung tritt dabei beratend und fördernd auf.
Schulreformkommissionen als zentrale
oder regionale
permanente Einrichtungen mit besonderer Beteiligung betroffener Lehrkräfte
(ggf. aber auch Eltern und Schüler) sollen diese Versuche dokumentieren,
beratend begleiten, innovativ anregen und in Zusammenarbeit mit den örtlichen
Hochschulen überprüfen.
Die
Entscheidungsspielräume der einzelnen Schulen sind wesentlich zu erhöhen;
dabei ist die Kompetenz der Konferenz zu stärken. Die dienstrechtliche
Struktur aller Schulen ist zu vereinheitlichen. Die Eingriffs- und
Kontrollbefugnis der Mittelinstanz ist kritisch zu überprüfen, auf
Rechtsschutzbelange von Schülern, Eltern und Lehrern zu beschränken und
grundsätzlich zu reorganisieren. Hierarchische Strukturen der Verwaltung sind
zugunsten von Mitbestimmungsrechten abzubauen. Gremienkontrolle geht vor
Verwaltungsvollzug.
Schritte zur stärkeren
Berufsorientierung der weiterführenen Schulen auch im Gymnasialbereich sind
vorzubereiten. Dabei kann eine „Polytechnische Stufe“ in Klasse 9/10 zum einen
als Abschluß des allgemeinbildenden Schulwesens im Übergang zur
Berufsausbildung (BGJ) dienen - im Vordergrund steht dabei der Praxisbezug.
Zum anderen wird die (berufs- und bildungsgang-)orientierende Funktion dieser
Stufe auch für den „traditionellen Gymnasiasten“ im Übergang zur Sek.II
realisiert und verstärkt, was seine Selbständigkeit und Wahlkompetenz erhöht.
Die „Gelenkfunktion“ der Klassenstufe 9/10 im Individualcurriculum ist bisher
noch nicht hinreichend berücksichtigt worden. Die unterrichtlichen
Schwierigkeiten in dieser Altersstufe in allen Schulformen sollten tiefere
Eingriffe in das Unterrichtsangebot rechtfertigen und auch die Eliminierung
traditioneller Bildungsstoffe in diesem Zeitraum möglich machen. Einige
Vorstellungen zur Binnenorganisation einer „Polytechnischen Stufe“ sollen im
Folgenden zur Diskussion gestellt werden:
1. Das stufengerechte
Unterrichtsangebot umfaßt alle Schultypen; die Dif ferenzierungen ergeben sich
aus der unterschiedlichen Gewichtung der Praxis-, Orientierungs- und
Fortbildungsanteile.
2. Drei grundsätzlich zu
unterscheidende Unterrichtstypen stehen neben einander:
Projekte.
Zentrale Lernfelder werden nicht mehr auf Fachcurricula sondern auf Lebens-
und Erfahrungssituationen bezogen und mit problem bezogenen Anteilen in
selbständigen Arbeitsformen interdisziplinär, ggf. in team-teaching oder in
anderen Kooperationsformen, angeboten. Diese Projekte werden entweder in
geringer Zahl nebeneinander mit vierteljähr lichem Wechsel oder vollständig
epochal angeboten, um eine optimale Ar beitskontinuität zu erreichen. Zehn
Wochenstunden Projektunterricht un terstreichen die Bedeutung dieses
Unterrichtsblockes.
ATW (Arbeit, Technik,
Wirtschaft),
z.B. mit Angeboten wie: Betriebspraktikum; Elektrizitäts
/Elektronik-Praktikum; Handwerkliche Fertigung; Formgebung und Funktion;
Arbeitnehmer und Verbraucher: Rollen in der Industriegesellschaft;
Ökologie-Praktikum [mit einem hohen Maß an außerschulischer Erkundung und an
praktischer Arbeit prägen dieses Arbeitsfeld].
KS (künstlerische und
soziale Praxis),
z.B. mit Angeboten wie: Sozialpraktikum (u.U. mit Erste-Hilfe-Kurs o.ä.);
küstlerische Projekte (Musik, Tanz, Theater, Gestaltung); Hunger und Überfluß
(vgl. Film „Septemberweizen“); Nachbarschaft und Kommunalpolitik;
Kommunikation und Selbstfindung [in allen diesen KS-Projekten wird versucht,
unter starker Berücksichtigung der labilen emotionalen Befindlichkeit dieser
Altersstufe zur Selbstfindung in der konkreten gesellschaftlichen Situation
aufzuzeigen; Grundeinsichten der politischen Bildung werden dabei im
Praxisbezug vermittelt]. -
Es ist offen sichtlich
und soll hier nicht im einzelnen belegt werden, daß die meisten traditionellen
Schulfächer hier gefordert sind, den fachlichen Hintergrund der Projekte zu
strukturieren (in ATW z.B. in starkem Maße auch die Naturwissenschaften), daß
aber neue Fachqualifikationen auf Lehrerseite entwickelt werden müssen (ange
wandte Wissenschaften, Kommunikationswissenschaften, technologische
Qualifikationen: ob hier nicht auch für die allgemeinbildenden Schulen eine
engere Kooperation mit dem berufsbildenden Schulwesen sinnvoll wäre?).
Basisunterricht und
Fremdsprachenkurse.
Dieser Unterricht läuft das Schuljahr über in traditioneller Form durch,
reduziert sich aber in der Stundezahl auf das unbedingt Erforderliche. Die mit
je drei Wochen stunden ausgestatteten Fremdsprachen konzentrieren sich auf die
anwen dungsbezogene Beherrschung der Sprache und schließen mit besonderen
Stufenzertifikaten an Stelle der bisherigen Semesterzensuren. Die Anzahl der
durchzuführenden Fremdsprachen soll sich zwar im Prinzip an den bis herigen
Regelungen in Hinblick auf die angestrebten Abschlüsse orien tieren,
abweichende Individualcurricula sollten auf der Basis eines durchgängigen „Credits-Systems“
leichter möglich sein, um z.B. tief greifende Motivationseinbrüche flexibel
überbrücken zu können. Diese Stufenzertifikate oder „Credits“, die ggf. auch
extern erworben werden können (Ausland, Sprachschulen, Volkshochschulen)
treten in den Fremd sprachenauflagen an die Stelle der herkömmlichen
Belegverpflichtungen.
Weiterer Basisunterricht
wird mit zwei Wochenstunden im Bereich Religion / Werte und Normen/Ethik /
Philosophie belegt. Dazu kommen Klassen lehrer- und Betreuungsstunden zur
Schullaufbahnberatung und persönlichen Begleitung der Schülerperson. Unter
Umständen kann dies mit einem Teil aspekt der Politischen Bildung verknüpft
werden (Sozialberatung, Gesund heitserziehung, Drogenaufklärung etc.).
Sport/Leibeserziehung
wird
ebenfalls diesem Unterrichtstyp zugeordnet. Auch hier steht der Erwerb von
Leistungsscheinen (z.B. Schwimmzertifi kate, Bundesjugendspiele, bis hin zu
Trainer-Scheinen) im Vordergrund. Allgemeine, versetzungsrelevante
Sportzensuren werden nicht erteilt. Für daran interessierte Schüler kann an
Stelle des leistungsorientierten Sportes auch ein Angebot eines eher
spielerischen Bewegungsunterrichtes (Mannschaftsspiele, freie Gymnastik, Tanz,
Wandern etc.) treten.
Training.
Leistungsdefizite sollen in dieser Stufe gezielt in differen zierten
Kursangeboten und Förderunterricht behoben werden. Je nach der
Leistungssituation der Schüler sollen Trainingskurse angeboten werden für
Rechnen, Rechtschreibung, deutsche Sprachbeherrschung, Deutsch für Ausländer,
Rethorik, Informatik. Individuelle Förderprogramme bei spezi fischen
Lernbehinderungen gehören in diesen Bereich. Ist das Stundenkon tingent durch
diese Grundtrainingsangebote, die mit Erfolgszertifikaten abgeschlossen werden
können, nicht ausgeschöpft, so können wahlfreie Ergänzungsangebote
wahrgenommen werden: Fremdsprachenqualifikation (Kor respondenz, technische
Sprachen), Schreibmaschine und EDV, kaufmänni sches Rechnen, technisches
Zeichnen und andere berufsbezogene Lernmög lichkeiten. Dies soll grundsätzlich
auch im gymnasialen Bereich möglich sein. Die individuellen Wahlprofile
ersetzen schließlich die schema tische Trennung nach Schulformen.
„WEG“:
Wissenschaftsorientierte Ergänzungsangebote im Gymnasialbereich, die stärker
hochschulorientiert sind. Hier können die traditionellen Schulfächer in
begrenzten Kursangeboten schon in Hinblick auf die Sek.II vor bereitet und
auch gezielt Defizite im Grundbildungsbereich aufgearbeitet werden. Die
besondere Begabtenför derung findet in diesem Bereich statt. In jedem Halbjahr
findet eine intensive fachliche Beratung jedes Schü lers statt, in deren
Rahmen ein individuelles „Trainingsprogramm“ zusammengestellt wird. Die
Erfolge im „Trainingsblock“ geben sichere Hinweise auf die weitere
Schullaufbahnqualifikation. Eine abschließende Beur teilung dieser
Qualifikation ist in einem vom Klassenlehrer auf der Grundlage der
Versetzungskonferenzbe schlüsse zusammengestellten Gutachten am Ende der
Klasse 10 als Teil des Sek.I-Abschlusses vorzulegen.
3. Die Klassen 9
und 10 gelten als Einheit, zwischen denen keine Versetzung
stattfindet. Bei ungenügenden Leistungen für einen bestimmten angestreb ten
Abschlußtyp (z.B. Übergang in die gymnasiale Oberstufe) oder beim Wunsch,
gezielt Defizite aufzuarbeiten, bevor der Übergang in die Be rufsausbildung
stattfindet, kann der Schulbesuch in der „Polytechnischen Stufe“ um ein Jahr
verlängert werden, ohne daß dies im üblichen Sinne als „Sitzenbleiben“ gilt.
4. Der Übergang in
die gymnasiale Oberstufe erfolgt bei hinreichend quali fizierten
Leistungen in der Mehrzahl der Projekte, bei denen Wissenser werb,
formalisierte Leistungsüberprüfungen (Ergebnisvorlagen), Erwerb von
Arbeitsfähigkeiten (Methodenlernen) und Arbeitsintensität gleicher maßen in
die Beurteilung eingehen. Bestimmte Einzelqualifikationen kön nen darüber
hinaus verlangt werden, wie: Fertigkeiten in den grundlegen den
Kulturtechniken (die entweder mit dem Abschlußzeugnis der Klasse 8 oder dem
erfolgreichen Abschluß von Trainingskursen nachgewiesen werden) und
Fremdsprachenkenntnissen aus dem „FS“-Bereich, wobei bestimmte Defi zite durch
Aufbaukurse oder Fremdsprachenneuanfang in der Sek.II noch ausgeglichen werden
können. Neben dem Notenbild spielt das von den Fach lehrern in Zusammenarbeit
mit dem Klassenlehrer zu formulierende Leis tungsgutachten eine
entscheidungsstützende Rolle.
5.
Individualisierung der Lernmöglichkeiten in der „Polytechnischen
Stufe“ bedeutet keineswegs Verstärkung der Auslese sondern optimale Förderung
der Schüleranlagen und -fähigkeiten, um einen möglichst problemlosen Übergang
in die Berufsbildung bzw. die gymnasiale Oberstufe zu gewähr leisten. Durch
intensive persönliche Betreuung und Beratung ist zu sichern, daß der Schüler
diesen fördernden Charakter auch subjektiv wahrnimmt und dadurch zu einer für
ihn positiven und erfolgsversprechen den Laufbahnwahl motiviert wird. Die
übermäßige Intellektualisierung des Unterrichts in dieser Stufe muß auch im
Gymnasialbereich vermieden wer den; die praktische Selbsttätigkeit steht im
Vordergrund wie das eigen verantwortliche Aufarbeiten erkannter Defizite. Die
intensive Beteili gung der Schüler bzw. Schülervertretung an allen
Entscheidungen für diese Stufe (Projektangebote, Kurse, Stundenpläne,
Leistungsdefiniti onen) ist für den Stufenerfolg ausschlaggebend und führt zur
Erörterung der Schulverfassungsprobleme.
Gerhard Voigt
Leicht aktualisierte
Fassung eines Arbeitspapieres für den „Emder .Arbeitskreis“ aus dem Jahr 1985.
Vgl. zu den grundsätzlichen Fragen .auch die vom VERBAND DER POLITIKLEHRER
e.V., Hannover, vorgelegten .Reformüberlegungen aus dem Jahr 1988.
ÜBERSICHT:
STRUKTURREFORM DES ALLGEMEINBILDENDEN SCHULWESENS¤
Integrierte und
differenzierte Sekundarstufen-II-Ausbildungsgänge:
13 universitäres „Uni-Colleg“
< Uni-Zwischepüfung/Abitur
weiterführende
gymnasiale Oberstufe: < Abitur
GS - KGS -
Sekundar-Gesamt-Berufsschule: < Abitur/Berufsausbildung
12 Berufsausbildung -
Schule < Berufsvorbereitung
gymnasiale
Kursstufe : < Abiturvorbereitung
11 BGJ
< Orientierung
Einführungsstufe <
Orientierung
10 Beratung, Gutachten
„Polytechnische
Stufe“ [differenziert]
9
Befähigungszertifikate
8 Integrierende
Systeme, fachliche Grundbildung,
HS/RS/Gymnasium:
Leistungsdifferenzierung
7 Integrierte
Orientierungsstufe
6 [binnendifferenzierte]
Grundbildung, Allgemein-
5 wissen,
Orientierung
4 allgem.
Kulturtechniken
3 „Basisschule“:
* keine Versetzung
* spielerisches,
soziales Lernen
* keine Leistungs-
Früherziehung; sprachliche und künstlerische Grundbildung
2 Grundschule und
Orientierungsschule
* keine Noten
1 * motorische
Entwicklung