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politik unterricht aktuell, Heft 3/1988
"Kritik der aktuellen Bildungspolitik"

 


NEUE RAHMENRICHTLINIEN IN NIEDERSACHSEN:

STELLUNGNAHME ZUM ENTWURF DER RAHMENRICHTLINIEN FÜR DIE KLASSEN 9-10 DES GYMNASIUMS - hier: SOZIALKUNDE

Verbandshistorisches Dokument von 1988

 

Dokument Information

Editorische Notiz

 

Allgemeine Einleitung
Gutachten Erdkunde

Stellungnahme zur Rahemrichtlinienarbeit 1988

I.

Der jetzt vorgelegt Entwurf für Rahmenrichtlinien für die Klassen 9-10 des Gymnasiums für das Fach Sozialkunde ist eine Überarbeitung der bisherigen Rahmenrichtlinien für das Fach. Eine Überarbeitung forderte der VERBAND DER POLITIKLEHRER e.V. schon seit längerem, da er die Richtlinien für fachlich und didaktisch veraltet, konzeptionslos und den Zielen der politischen Bildung nicht entsprechend hält. So beurteilt er jetzt mit Interesse, wie die Chance einer Überarbeitung genutzt worden ist. Leider ist das Résumé ernüchternd: eine Chance wurde vertan, den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen und den neueren Einsichten der Jugendforschung gerecht zu werden. Es liegt jetzt ein Entwurf vor, der alte Konzepte - oder besser: Konzeptionslosigkeiten - fortschreibt und fachliche und fachdidaktische Entwicklungen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Beste, was man über diesen Entwurf sagen kann, ist, daß er für anspruchslose Unterrichtskonzepte geeignet und harmlos ist, wobei diese „Harmlosigkeit“, der Versuch, nicht mit „Reizthemen“ oder „besetzten Begriffen“ politisch anzustoßen, selbst natürlich faktisch ein Konzept der Entpolitisierung und - trotz aller „politischer“ Themen - der Entfremdung von der politischen Auseinandersetzung vertritt.

II.

Das erste, was auffällt, ist, daß Lernsituationen vorwiegend institutionell verstanden werden, wo den handelnden Personen und Gruppen von Anfang an fest umrissene Rollen (Bürger, Regierung, Familienmitglieder) zugewiesen werden. Ohne daß hier theoretische Konzepte stringent umgesetzt werden, wird doch deutlich, daß das hinter den RRL stehende Gesellschaftsbild stark von der - wissenschaftlich heute sehr infrage zu stellenden - Rollentheorie geprägt wird; doch wird darüber hinaus deutlich, daß das Erkenntnisinteresse garnicht in erster Linie der Gesellschaft, sondern, repräsentiert durch seine Institutionen, dem Staat gilt. Der Ansatz, den Staat nicht in erster Linie als Herrschaftsverband und Konfliktfeld institutionalisierter Interessen, sondern als ordnenden Rahmen für das Leben des Einzelnen zu verstehen, entspricht klassischen, idealistischen Staatsphilosophien, aber nicht einer moderner Gesellschaftswissenschaft. Hier wird ernst gemacht mit der populären Forderung nach Entwissenschaftlichung und Entintellektualisierung der Schule: von Wissenschaflichkeit wirklich keine Spur mehr. Mehr als Staatslegitimation wird wohl bei diesem Unterricht nicht herauskommen. [Das bedeutet natürlich nicht, daß der VERBAND DER POLITIKLEHRER e.V. Kenntnisse über den Staat und seine Funktion nicht für lernenswert hält, ganz im Gegenteil, doch er fordert, daß das Erlernen dieser Kenntnisse eingebunden wird in ein schülerbezogenes und gesellschaftswissenschaftlich vertretbares Erkenntnisinteresse.]

III.

Sechs Unterrichtseinheiten mit 48 Stunden Staatslehre, eine Unterrichtseinheit mit 7 Stunden Medienkunde (auch noch recht abgehoben vom Erfahrungshorizont des Schülers: Presserecht, offiziöse Medien der Erwachsenen etc.), eine Einheit Suchtgefahren (der Problemdruck verbietet ein Ignorieren dieses Themas; Aids wird sicher noch bald pflichtgemäß nachgeschoben), und schließ je einmal Familie, einmal Schule: die didaktischen Mißverhältnisse sind - trotz 35 Stunden Wahlthemen - eklatant. Sind die Reaktionen der Jugendlichen auf die Erwachsenenwelt nicht gerade eine Reaktion auf diese arrogante, staatsfixierte Interessenhaltung der Schule, der Sozialkunde, die nicht in der Lage sind, vom Schüler und seinen Problemen aus zu denken? [Das war, wir erinnern ausdrücklich daran, einmal Standardeinsicht der Politikdidaktik zu Begründung des Faches!] Es ist evident, daß, trotz einiger darüber hinausgehender allgemeiner Lernziele (die mit diesen RRL sicher nicht zu erreichen sind) nur die Wissensvermittlung angestrebt wird. Aus der Perspektive derer, die Schule politisch verantworten (und deren Lebenssphäre die Parteipolitik ist), ist es verständlich, daß sie Realität als staatliche oder parteipolitisch bestimmte Realität erleben. Doch kann dies nicht Maßstab der Pädagogik oder erst recht nicht der politischen Bildung sein, die den Schüler und seine Erlebnismöglichkeiten zum Ausgangspunkt nehmen muß. Wir kritisieren den pädagogischen Ansatz dieser Rahmenrichtlinien ganz grundsätzlich und können diesem Entwurf daher in dieser Form nicht zustimmen. Einige inhaltliche Konkretisierungen leiten wir aus dieser Stellungnahme ab:

IV.

Der didaktische, und nicht nur wie in den RRL zugestanden der methodische Ansatz muß der aktuellen Erfahrung und der Kontroverse entspringen (Ergebnisoffene Situationen, wie in den RRL angesprochen, sind in dieser Formulierung nur ein nicht tragfähiger Notbehelf der Umgehungsterminologie); Medienkritik muß ganz allgemein als Erfahrungs- und Wahrnehmungskritik auch gegenüber staatlichen und politischen Postulaten didaktisches Leitprinzip sein. Daraus lassen sich einige Lernfelder entwickeln, die nicht wie in den RRL institutionell verfestigt sind und gleichwohl gültige Einsichten über unsere Gesellschaft und den Staat vermitteln (wenn auch in einem anderen, schülernäheren Kontext als es sich die Rahmenrichtlinienautoren vorstellen können oder wollen): - Friedenspädagogische Ansätze thematisieren Konflikterfahrungen auf allen Wahrnehmungs- und Gesellschaftsebenen; sie zielen unmittelbar auf Befähigungen des Schülers ab, mit Konflikten umgehen zu können und Gewalt nicht nur zu tabuisieren sondern innerlich zu bewältigen. - Jugendkonflikte und Jugendkulturen nicht nur aus der Sicht der etablierten Generation heraus zu verstehen, sondern aus der Erlebniswelt der Schüler selbst heraus zu thematisieren, führt zu einer Erweiterung der Reflexionsfähigkeit, die dem Schüler tatsächliche Entwicklungsperspektiven eröffnet. - Stereotypen, Vorurteile, Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus: dieser wohl wichtigste soziale Brennpunkt in der heutigen BRD muß notwendigerweise im Mittelpunkt einer verantwortbaren Sozialkunde stehen. - Umwelt und Ökologie: dieser Themenbereich trifft die Zukunftsängste und die oft pessimistische Weltsicht der Jugendlichen unmittelbar und ist ja tatsächlich ein brennendes Problem, das von anderer Seite her oft manipulativ in Anspruch genommen wird. Die Beziehungen zum Staatsverhalten, zur Wirtschaftsordnung, zum Rechtsradikalismus (über die Abart des „Ökofaschismus“, „Blutund-Boden“-Ideologie, Irrationalismus und „New Age“) und zur Jugendkultur sind offensichtlich; es liegt also nahe, hier ein Integrationsthema zu suchen. - Arbeitslosigkeit, persönliche Zukunftsperspektiven: wenn dieses Thema nicht oktroyiert erscheint, sondern aus dem aktuellen Umgang mit den Jugendlichen selbst heraus entwickelt wird, eignet es sich zu einem sinnvollen Brückenthema zu vielen aktuellen und relevanten Problemfelder unserer Gesellschaft. Aus diesen, noch recht exkursorischen Bemerkungen zu den Problemfelder, mit denen die Politikdidaktik sich heute schwerpunktmäßig auseinandersetzt, und die gleichzeitig auch wesentliche Problemfelder der Gesellschaft und der Politik darstellen, und einem direkten Vergleich mit den „Situationen“ der RRL wird evident, wie weit sich die Schulpolitik von der tatsächlichen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung entfernt, um nicht zu sagen: entfremdet hat. Es sollte die Aufgabe einer grundlegenden Revision des vorgelegten Entwurfs sein, diese Kluft zu verkleinern, zu überbrücken.

Zusammenfassung:

Der vorgelegte Rahmenrichtlinienentwurf Sozialkunde:
- trifft nicht die Rezeptions- und Erfahrungshorizonte des Schülers,
- entspricht nicht dem Stand der Fachdidaktik,
- ist von den Inhalten her inaktuell und z.T. wenig relevant,
- berücksichtigt nicht die moderne pädagogische Diskussion.

Wesentliche Positionen der Politik bleiben ausgespart, so daß keine positiven Auswirkungen auf den Unterricht zu erwarten sind. Im Gegenteil, die Schüler werden nicht dazu befähigt, die relevanten politischen und gesellschaftlichen Problemlagen zu bewältigen. Die Grundkonzeption ist ebenso zu verwerfen wie die inhaltliche Konkretisierung. Eine Revision erscheint dringend notwendig.

 

POLITIK UNTERRICHT AKTUELL

Dezember 1988

 

pua 1988

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Im Jahrgang 1988 sind mehrere Heft in Eigenkopie im Format A 5 / geheftet / erschienen, die noch nicht mit ISSN- und ISBN-Nummern versehen waren. Einige der hier veröffentlichten Aufsätze sind jetzt wieder in der durchgesehenen Internet-Fassung neu veröffentlicht. Die Druckversion ist restlos vergriffen und wird auch nicht wieder aufgelegt.

politik unterricht aktuell 1/1988 "Kritik der aktuellen Bildungspolitik"
politik unterricht aktuell 2/1988 "Politikunterricht nach „der Wende“ - was kommt danach?"
politik unterricht aktuell 3/1988 (Dezember) "Kritik der aktuellen Bildungspolitik"

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1988/3
Hannover, 1988. A 5, geheftet.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Pettenkoferstraße 13, D 30880 Laatzen
vergriffen

Erstelldatum und Fassung der Datei: 5. Mai 2003 auf der Grundlage von Texten von 1988. 
Internetpublikation 05.05.03

eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe:   - Letzte Überarbeitung: 3.8.2004
 

 

 

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Web-Fassung: 10.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de>