In mehrfachen
Neubearbeitungen der niedersächsischen Rahmenrichtlinien für die
gesellschaftswissenschaftlichen Fächer ist es bislang nicht gelungen, die
Angelpunktfunktion der Klassenstufe 11 richtig einzuschätzen und mit
entsprechender Themenausstattung adäquat zu versorgen.
Unser erneuter Vorstoß zur
Veränderung dieser „Verlegenheitslösung“ zu Beginn der neugestalteten
gymnasialen Oberstufe zielt jedoch nicht auf eine Berücksichtigung in der
laufenden Rahmenrichtlinienrevision, die gerade für die Rahmenrichtlinien für
die Sekundarstufe I begonnen hat (hier lohnt sich, wie wir meinen, aus der
insgesamt verfehlten Konzeption des zugrunde liegenden Bildungsbegriffes heraus,
bei der die Postulate der politischen Bildung konsequent zurückgedrängt worden
sind, ein verstärktes Engagement kaum), sondern unser Vorstoß soll die
Diskussion in Gewerkschaft und Oppositionsfraktion anstoßen, um gegebenenfalls
später, unter besseren politischen Bedingungen, zu sinnvolleren Lösungen
gelangen zu können. Unser Vorschlag hat aber noch keine tiefgreifende
Schulreform zur Voraussetzung, sondern kann, als erster Einstieg in größerer
Lösungen, schon bei der derzeitigen Schulstruktur kurzfristig realisiert werden.
Funktionen der Klassenstufe 11:
a. Die Klassenstufe 11 hat
die Lernvoraussetzungen für alle Schüler (das heißt: auch für die
übergewechselten Schüler aus der Haupt- und Realschule) zu egalisieren. Das
verlangt sowohl Nacharbeit von Defiziten aus der Klassenstufe 10 (daher wird die
Arbeit sicher wiederholend einsetzen müssen; der Lehrer hat sich über den
Ausbildungsstand der Schüler zu informieren und hat seine Schüler gegebenenfalls
individuell „dort abzuholen“, wo sie am Ende der Klasse 10 angelangt waren), als
auch die Zusammenfassung der Kerneinsichten (unter Umständen im Rahmen der
Erprobung neuer, oberstufengerechter Arbeitsformen), die zum erfolgreichen
Arbeiten in der Kursstufe notwendig sind.
b. Die Klassenstufe 11
orientiert über die Lernvoraussetzungen in den einzelnen Fächern und über auf
die Person bezogene Eignungsprofile, deren Kenntnis dem Schüler eine sinnvolle
Leistungs- und Prüfungsfachwahl erst möglich machen, und hat damit eine wichtige
Bedeutung auch für die Berufswahlorientierung. Die angebotenen Themen sollten
daher:
* die Breite der Fächer,
wie sie im Kurssystem aufscheint, charakterisieren,
* möglichst viele
Arbeitsformen vorstellen und
* zentrale, aktuelle und
wichtige Themen in den Vordergrund stellen, die es dem Schüler ermöglichen,
abzusehen, welche Rolle das Fach zur Bewältigung von individuellen und
gesellschaftlichen Aufgaben spielen kann.
Nicht akzeptabel erscheint
mir das derzeitige Konzept zum Beispiel im Fach Geschichte, ohne Verknüpfung mit
der Klassenstufe 10 entweder die Antike oder das Mittelalter zum
Themenschwerpunkt zu machen (nach welchen Kriterien soll diese Entscheidung
fallen? Welche vergleichbaren Einsichten sollen an den Themen erarbeitet
werden?); hier steht wohl die Idee Pate, in der Oberstufe einen neuen
chronologischen Durchgang zu starten - was von den Rahmenrichtlinien selbst dann
aber gar nicht eingelöst wird. Alte Geschichte sollte, für eine intensive
Bearbeitung eventuell mit neuen fachlichen Methoden, zum Beispiel mit Arbeit
„vor Ort“, einem Kurs des vollentwickelten Kurssystems vorbehalten bleiben. Für
die Klasse 11 erscheint mir ein Thema der Zeitgeschichte sinnvoller und im Sinne
der oben genannten Kriterien erfolgreicher zu sein. Hierbei könnte dann auch
eine Arbeitsform im Sinne der „Geschichtswerkstatt“ - Spurensuche, „oral history“,
Projektarbeit - eine neue, intensivere Motivation für das Fach beim Schüler
entwickeln.
Ähnlich konfus ist die
Themenzusammenstellung im Fach Erdkunde. Mittelmeerraum oder¤ Indien (oder¤ in
einem kleingedruckten Nachsatz: der Nahraum) ist eine Alternative der
Belanglosigkeit - konzeptionslos und didaktisch nicht zu begründen. Dies auf das
Konzept der Landschaftsgürtel der Erde zu beziehen (einem wissenschaftlich
problematischen und umstrittenen Konzept), ist auch vom Bildungswert her nicht
hinreichend begründbar. Für die Klassenstufe 11 im Fach Erdkunde böte es sich
an, die Spannweite des Faches dadurch zu charakterisieren, daß Arbeit im Nahraum
unter den Ansätzen der historischen Geographie (FILIPP) und der angewandten
Geographie (NEUKIRCH) parallel gesetzt wird zur thematischen Arbeit über die
überregionalen Verflechtungen des Nahraumes, die wieder länderkundlich
präzisiert werden könnten, zum Beispiel unter dem Rahmenthema der
Industrialisierungsprozesse und der industriellen Umwertung des Raumes. Das
berührt, über die gesellschaftswissenschaftliche Dimension, auch die Konzeption
der Geographie als politische Bildung (WENZEL/SCHRAMKE/JANDER). Ein
Themenbeispiel für eine solche didaktische Schwerpunktsetzung in der
Klassenstufe 11:_
Salzgitter/Peine als
Industrieregion:
a. <Arbeit „vor Ort“
und an Originalquellen>
* Lebens-, Arbeits-
und Siedlungsformen vor der Industrialisierung
* Zeitgeschichtliche Bedingungen der Industrieansiedlung
* Lebenszeugnisse der Industriearbeiter
* Heutige industriegeographische Strukturprobleme und ihre Folgen für das
Leben in der Region Peine/Salzgitter
b. <Angewandte
Erkenntnisse>
* Planungsprozesse,
Konflikte
* Wirtschaftsförderung und Regionalplanung
c.
<Weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen>
* Stahlkrise:
Ursachen, Folgen
* Salzgitter / Ruhrgebiet: Strukturvergleich
* Vergleichsmöglichkeiten in anderen Ländern, z.B. England, USA (Ansätze
einer kritischen Länderkunde, die die Grenzen der Vergleichbarkeit mit
thematisiert)
Im Fach Gemeinschaftskunde
fällt auf, daß zwei Themen - Wirtschaft und der Vergleich zwischen BRD und DDR -
unverbunden nebeneinander stehen und der historischen Dimension weitgehend
entkleidet sind. Dadurch werden notwendige Einsichten in Zusammenhänge und
politische Prozesse verhindert. Es bietet sich jedoch geradezu an, die
Entstehung der beiden deutschen Staaten aus der Zeitgeschichte heraus - Weimar,
Nationalsozialismus, Kriegsende, „Kalter Krieg“ - zu entwickeln und die
gesellschaftlichen und ökonomischen Systemunterschiede aus ihren
Entstehungsbedingungen heraus zu verstehen. Unsere Forderung also: Integration
der Themenbereiche unter einem gemeinsamen zeitgeschichtlich-politischen Ansatz.
Aus dem eben Gesagten
heraus lassen sich einige Prinzipien der Umgestaltung der Klassenstufe 11
ableiten:
a. Alle drei Fächer müssen
ganzjährig unterrichtet werden; bei gleichbleibender Gesamtwochenstundenzahl
bedeutet das notwendigerweise, inhaltliche oder organisatorische
Integrationsmodelle zu entwickeln. Daher:
b. Gemeinschaftskunde und
Geschichte sind in Richtlinien mit gemeinsamen Themen zu blocken oder zu
verklammern. Erdkunde übernimmt in Teilbereichen ebenfalls Aufgaben der
politischen Bildung. Zur Verfügung stehen dann ganzjährig zwei Wochenstunden
Erdkunde und drei Wochenstunden Gemeinschaftskunde/Geschichte. Fernziel ist dann
die Aufstockung auf vier Wochenstunden. Den Schulen bleibt die organisatorische
Umsetzung dieser Koppelung überlassen:
- Lehrerwechsel zum
Halbjahr, - Unterricht in einer Hand (Doppelqualifikation), - team-teaching
(eventuell mit ergöhter Lehrerstundenzahl), - projektorientiertes Lernen
(eventuell auch hier mit mehr Lehrerstunden).
c. Praktische
Arbeitsformen „vor Ort“ als Veranstaltungen aller drei Fächer gemeinsam
(historische Geographie, Exkursion und Kartierung, „Spurensuche“, Befragungen,
Quellenarbeit); dafür ist etwa ein Fünftel der Gesamtstundenzahl vorzusehen.
d. Ein Betriebspraktikum
kann in der ersten Hälfte der Klassenstufe 11 in das gemeinschaftskundliche
Rahmenthema „Wirtschaft“ einbezogen werden und sollte dann gegebenenfalls
wirtschaftsgeographisch begleitet werden. (Betriebspraktika in Klasse 10, die
einige Vorteile haben, sollten jedoch auch möglich sein und erwogen werden.)
Voraussetzung einer
Umgestaltung der Klassenstufe 11 ist jedoch auch eine Orientierung der
Rahmenrichtlinien der Klassenstufe 10 auf dieses Konzept hin. In Stichworten
bedeutet das als vorzusehende Abschlußphasen in Klasse 10 etwa:
Geschichte:
1.Weltkrieg/Weimar/Nationalsozialismus/2.Weltkrieg als historische Ereignisse im
weltpolitischen Rahmen: Arbeiterbewegung/Bürgertum/Kolonialismus; Probleme des
Nationalstaates und des Nationalismus.
Sozialkunde: Bürger im
Staat, Rechte von Schülern und Jugendlichen, Aggression, Angst, Bindung und
Vorurteile.
Erdkunde: Die koloniale
Aufteilung der Erde; weltwirtschaftlicher Wandel; länderkundliche Beispiele.
Auf der nachfolgenden
Tabelle wird ein Überblick über die thematischen Vorschläge zur Neugestaltung
der Klassenstufe 11 im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld gegeben
ÜBERSICHT ÜBER DIE
VORSCHLÄGE ZUR THEMATISCHEN UND STRUKTURELLEN NEUGESTALTUNG DES
GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHEN AUFGABENFELDES IN DER KLASSENSTUFE 11