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politik unterricht aktuell, Heft 1/1988

"Interkulturelle Erziehung"


Problemfall Klassenstufe 11

 Verbandshistorisches Dokument von 1988

Dokument Information

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Vorschläge für eine Neukonzeption der Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes - Geschichte, Gemeinschaftskunde, Erdkunde - in der „Vorstufe“

Anmerkung 2011: Durch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre ist die 11. Klasse in der bisherigen Form fortgefallen. Die curricularen Vorschläge im nachfolgenden Text sind daher ohne praktische Umsetzbarkeit und können nur neue curricular-didaktische Überlegungen unter den veränderten schulischen Bedingungen anregen.

In mehrfachen Neubearbeitungen der niedersächsischen Rahmenrichtlinien für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer ist es bislang nicht gelungen, die Angelpunktfunktion der Klassenstufe 11 richtig einzuschätzen und mit entsprechender Themenausstattung adäquat zu versorgen.

Unser erneuter Vorstoß zur Veränderung dieser „Verlegenheitslösung“ zu Beginn der neugestalteten gymnasialen Oberstufe zielt jedoch nicht auf eine Berücksichtigung in der laufenden Rahmenrichtlinienrevision, die gerade für die Rahmenrichtlinien für die Sekundarstufe I begonnen hat (hier lohnt sich, wie wir meinen, aus der insgesamt verfehlten Konzeption des zugrunde liegenden Bildungsbegriffes heraus, bei der die Postulate der politischen Bildung konsequent zurückgedrängt worden sind, ein verstärktes Engagement kaum), sondern unser Vorstoß soll die Diskussion in Gewerkschaft und Oppositionsfraktion anstoßen, um gegebenenfalls später, unter besseren politischen Bedingungen, zu sinnvolleren Lösungen gelangen zu können. Unser Vorschlag hat aber noch keine tiefgreifende Schulreform zur Voraussetzung, sondern kann, als erster Einstieg in größerer Lösungen, schon bei der derzeitigen Schulstruktur kurzfristig realisiert werden.

Funktionen der Klassenstufe 11:

a. Die Klassenstufe 11 hat die Lernvoraussetzungen für alle Schüler (das heißt: auch für die übergewechselten Schüler aus der Haupt- und Realschule) zu egalisieren. Das verlangt sowohl Nacharbeit von Defiziten aus der Klassenstufe 10 (daher wird die Arbeit sicher wiederholend einsetzen müssen; der Lehrer hat sich über den Ausbildungsstand der Schüler zu informieren und hat seine Schüler gegebenenfalls individuell „dort abzuholen“, wo sie am Ende der Klasse 10 angelangt waren), als auch die Zusammenfassung der Kerneinsichten (unter Umständen im Rahmen der Erprobung neuer, oberstufengerechter Arbeitsformen), die zum erfolgreichen Arbeiten in der Kursstufe notwendig sind.

b. Die Klassenstufe 11 orientiert über die Lernvoraussetzungen in den einzelnen Fächern und über auf die Person bezogene Eignungsprofile, deren Kenntnis dem Schüler eine sinnvolle Leistungs- und Prüfungsfachwahl erst möglich machen, und hat damit eine wichtige Bedeutung auch für die Berufswahlorientierung. Die angebotenen Themen sollten daher:

* die Breite der Fächer, wie sie im Kurssystem aufscheint, charakterisieren,

* möglichst viele Arbeitsformen vorstellen und

* zentrale, aktuelle und wichtige Themen in den Vordergrund stellen, die es dem Schüler ermöglichen, abzusehen, welche Rolle das Fach zur Bewältigung von individuellen und gesellschaftlichen Aufgaben spielen kann.

Nicht akzeptabel erscheint mir das derzeitige Konzept zum Beispiel im Fach Geschichte, ohne Verknüpfung mit der Klassenstufe 10 entweder die Antike oder das Mittelalter zum Themenschwerpunkt zu machen (nach welchen Kriterien soll diese Entscheidung fallen? Welche vergleichbaren Einsichten sollen an den Themen erarbeitet werden?); hier steht wohl die Idee Pate, in der Oberstufe einen neuen chronologischen Durchgang zu starten - was von den Rahmenrichtlinien selbst dann aber gar nicht eingelöst wird. Alte Geschichte sollte, für eine intensive Bearbeitung eventuell mit neuen fachlichen Methoden, zum Beispiel mit Arbeit „vor Ort“, einem Kurs des vollentwickelten Kurssystems vorbehalten bleiben. Für die Klasse 11 erscheint mir ein Thema der Zeitgeschichte sinnvoller und im Sinne der oben genannten Kriterien erfolgreicher zu sein. Hierbei könnte dann auch eine Arbeitsform im Sinne der „Geschichtswerkstatt“ - Spurensuche, „oral history“, Projektarbeit - eine neue, intensivere Motivation für das Fach beim Schüler entwickeln.

Ähnlich konfus ist die Themenzusammenstellung im Fach Erdkunde. Mittelmeerraum oder¤ Indien (oder¤ in einem kleingedruckten Nachsatz: der Nahraum) ist eine Alternative der Belanglosigkeit - konzeptionslos und didaktisch nicht zu begründen. Dies auf das Konzept der Landschaftsgürtel der Erde zu beziehen (einem wissenschaftlich problematischen und umstrittenen Konzept), ist auch vom Bildungswert her nicht hinreichend begründbar. Für die Klassenstufe 11 im Fach Erdkunde böte es sich an, die Spannweite des Faches dadurch zu charakterisieren, daß Arbeit im Nahraum unter den Ansätzen der historischen Geographie (FILIPP) und der angewandten Geographie (NEUKIRCH) parallel gesetzt wird zur thematischen Arbeit über die überregionalen Verflechtungen des Nahraumes, die wieder länderkundlich präzisiert werden könnten, zum Beispiel unter dem Rahmenthema der Industrialisierungsprozesse und der industriellen Umwertung des Raumes. Das berührt, über die gesellschaftswissenschaftliche Dimension, auch die Konzeption der Geographie als politische Bildung (WENZEL/SCHRAMKE/JANDER). Ein Themenbeispiel für eine solche didaktische Schwerpunktsetzung in der Klassenstufe 11:_

Salzgitter/Peine als Industrieregion:

a. <Arbeit „vor Ort“ und an Originalquellen>

* Lebens-, Arbeits- und Siedlungsformen vor der Industrialisierung
* Zeitgeschichtliche Bedingungen der Industrieansiedlung
* Lebenszeugnisse der Industriearbeiter
* Heutige industriegeographische Strukturprobleme und ihre Folgen für das Leben in der Region Peine/Salzgitter

b. <Angewandte Erkenntnisse>

* Planungsprozesse, Konflikte
* Wirtschaftsförderung und Regionalplanung

c. <Weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen>

* Stahlkrise: Ursachen, Folgen
* Salzgitter / Ruhrgebiet: Strukturvergleich
* Vergleichsmöglichkeiten in anderen Ländern, z.B. England, USA (Ansätze einer kritischen Länderkunde, die die Grenzen der Vergleichbarkeit mit thematisiert)

Im Fach Gemeinschaftskunde fällt auf, daß zwei Themen - Wirtschaft und der Vergleich zwischen BRD und DDR - unverbunden nebeneinander stehen und der historischen Dimension weitgehend entkleidet sind. Dadurch werden notwendige Einsichten in Zusammenhänge und politische Prozesse verhindert. Es bietet sich jedoch geradezu an, die Entstehung der beiden deutschen Staaten aus der Zeitgeschichte heraus - Weimar, Nationalsozialismus, Kriegsende, „Kalter Krieg“ - zu entwickeln und die gesellschaftlichen und ökonomischen Systemunterschiede aus ihren Entstehungsbedingungen heraus zu verstehen. Unsere Forderung also: Integration der Themenbereiche unter einem gemeinsamen zeitgeschichtlich-politischen Ansatz.

Aus dem eben Gesagten heraus lassen sich einige Prinzipien der Umgestaltung der Klassenstufe 11 ableiten:

a. Alle drei Fächer müssen ganzjährig unterrichtet werden; bei gleichbleibender Gesamtwochenstundenzahl bedeutet das notwendigerweise, inhaltliche oder organisatorische Integrationsmodelle zu entwickeln. Daher:

b. Gemeinschaftskunde und Geschichte sind in Richtlinien mit gemeinsamen Themen zu blocken oder zu verklammern. Erdkunde übernimmt in Teilbereichen ebenfalls Aufgaben der politischen Bildung. Zur Verfügung stehen dann ganzjährig zwei Wochenstunden Erdkunde und drei Wochenstunden Gemeinschaftskunde/Geschichte. Fernziel ist dann die Aufstockung auf vier Wochenstunden. Den Schulen bleibt die organisatorische Umsetzung dieser Koppelung überlassen:

- Lehrerwechsel zum Halbjahr, - Unterricht in einer Hand (Doppelqualifikation), - team-teaching (eventuell mit ergöhter Lehrerstundenzahl), - projektorientiertes Lernen  (eventuell auch hier mit mehr Lehrerstunden).

c. Praktische Arbeitsformen „vor Ort“ als Veranstaltungen aller drei Fächer gemeinsam (historische Geographie, Exkursion und Kartierung, „Spurensuche“, Befragungen, Quellenarbeit); dafür ist etwa ein Fünftel der Gesamtstundenzahl vorzusehen.

d. Ein Betriebspraktikum kann in der ersten Hälfte der Klassenstufe 11 in das gemeinschaftskundliche Rahmenthema „Wirtschaft“ einbezogen werden und sollte dann gegebenenfalls wirtschaftsgeographisch begleitet werden. (Betriebspraktika in Klasse 10, die einige Vorteile haben, sollten jedoch auch möglich sein und erwogen werden.)

Voraussetzung einer Umgestaltung der Klassenstufe 11 ist jedoch auch eine Orientierung der Rahmenrichtlinien der Klassenstufe 10 auf dieses Konzept hin. In Stichworten bedeutet das als vorzusehende Abschlußphasen in Klasse 10 etwa:

Geschichte: 1.Weltkrieg/Weimar/Nationalsozialismus/2.Weltkrieg als historische Ereignisse im weltpolitischen Rahmen: Arbeiterbewegung/Bürgertum/Kolonialismus; Probleme des Nationalstaates und des Nationalismus.

Sozialkunde: Bürger im Staat, Rechte von Schülern und Jugendlichen, Aggression, Angst, Bindung und Vorurteile.

Erdkunde: Die koloniale Aufteilung der Erde; weltwirtschaftlicher Wandel; länderkundliche Beispiele.

Auf der nachfolgenden Tabelle wird ein Überblick über die thematischen Vorschläge zur Neugestaltung der Klassenstufe 11 im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld gegeben

ÜBERSICHT ÜBER DIE VORSCHLÄGE ZUR THEMATISCHEN UND STRUKTURELLEN NEUGESTALTUNG DES GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHEN AUFGABENFELDES IN DER KLASSENSTUFE 11

Fächerübergreifend:

Praxisphase: Wie lebten die Menschen in der eigenen Region, z.B. 1920 / 1930 / 1940? „Spurensuche“, Quellenarbeit

ggf. Betriebspraktikum. Standortprobleme der heimischen Wirtschaft

Geschichte:

I. Halbjahr – Wirtschaftskrisen und soziale Lage in den 20er Jahren; Aufkommen des NS; NS-Wirtschaft als Krisenlösungsange- bot: Ausbeutung, Okkupation, Kriegswirtschaft

II. Halbjahr – NS-Okkupation in Osteuropa; Zusammenbruch = „Stunde Null“? Gründung der beiden deutschen Staaten. – Der Aufbau des „real existierenden Sozialismus“ in der DDR; RGW

Gemeinschaftskunde:

I. Halbjahr – Wirtschaftskrisen heute: Was sind Wirtschaftskrisen? Krisenlösungsstrategien: Keynes, New Deal

II. Halbjahr – Aggression und Rassenideologie; Konsequenzen a.d.NS:
- Entnazifizierung
- erste Parteiprogramme
- Grundgesetz und Wirtschaftsordnung; Restauration: gesell- schaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland

– bevorzugt in Gruppen- und Projektarbeit in Anschluß an das Projekt im ersten Halbjahr: Krise in der Weltwirtschaft, struktu- relle Anpassungsprozesse, wirtschaftspolitische Alternativen, Strukturpolitik, Wirtschaftsförderung und Regionalplanung

Erdkunde:

I. Halbjahr – Wirtschaftliche Lage in der Nahregion. – Historische und geographische Industrialisierungsprozesse

II. Halbjahr – Weltwirtschaft seit dem Weltkrieg; länderkundliche Vergleichsräume (Wandlungen in alten Industrieregionen)

– bevorzugt in Gruppen- und Projektarbeit in Anschluß an das Projekt im ersten Halbjahr: Krise in der Weltwirtschaft, struktu- relle Anpassungsprozesse, wirtschaftspolitische Alternativen, Strukturpolitik, Wirtschaftsförderung und Regionalplanung

pua 1988

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Im Jahrgang 1988 sind mehrere Heft in Eigenkopie im Format A 5 / geheftet / erschienen, die noch nicht mit ISSN- und ISBN-Nummern versehen waren. Einige der hier veröffentlichten Aufsätze sind jetzt wieder in der durchgesehenen Internet-Fassung neu veröffentlicht. Die Druckversion ist restlos vergriffen und wird auch nicht wieder aufgelegt.

politik unterricht aktuell 1/1988 "Kritik der aktuellen Bildungspolitik"
politik unterricht aktuell 2/1988 "Politikunterricht nach „der Wende“ - was kommt danach?"
politik unterricht aktuell 3/1988 (Dezember) "Kritik der aktuellen Bildungspolitik"

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1988
Hannover, 1988. A 5, geheftet.
Printausgabe vergriffen

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Herausgegeben von Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2008). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

Netzpublikation 28.10.02 / aktualisiert 05.05.2003 /  Letzte Überarbeitung: 3.8.2004 / 30.06.2011 / 09.08.2011

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