08.12.97
Sozialverhaltenstraining:
»Mein Gott – Sina ist nicht giftig!«
Replik auf einen Artikel in der HAZ vom 5.12.97
Ihr Artikel berichtet von einem
interessanten Experiment von Sozialverhaltenstraining für Schülerinnen und
Schüler, das auf Einsichten in der Arbeit mit verhaltensgestörten Kindern
und Jugendlichen fußt. Bei aller Hochachtung für Konzept und Engagement
aller Beteiligten sollte am Rande doch auch eine etwas kritischere
Einschätzung ins Gespräch gebracht werden, wenn die Tendenz bestehen
sollte, gezieltes, psychologisch durchstrukturiertes Verhaltenstraining
in den Schulalltag einzuführen und sei es in klassenfahrtähnlichen
Veranstaltungen, wie der in Ihrem Bericht geschilderten.
Ich sehe in der Psychologisierung und der
damit verbundenen Optimierung der Einfluß- und Schulungsmaßnahmen in der
Pädagogik eine große Gefahr, die Kinder in eine permanente
»Betreuungssituation« zu zwingen und freie, auch risikoreichere
Entwicklungsrichtungen damit abzuschneiden. Es geht hier auch um Würde und
Identität der Jugendlichen, die sich und ihre Geschlechterrolle selbst
finden müssen, ohne in einen fälschlich harmonisierenden und
egalisierenden Rollenset gezwungen zu werden.
Es ist für die Entwicklung einer echten
Kultur zivilisierten Umgangs zwischen den Geschlechtern wichtig, in einer
bestimmten Phase der Entwicklung auch Abgrenzung, Scheu und »kindlichen
Ekel« gefühlsmäßig zu durchlaufen, ohne daß das gleich bagatellisiert und
wegtrainiert wird: es sei denn, daß auch hier wieder die Ideologie der
Erziehung zum »geschlechtslosen Menschen« durchscheint. Zivilisation ist
auch Distanz, Vorsicht und Respekt – wobei alle drei Faktoren
gleichermaßen wichtig sind und dann erst echte Nähe und verantwortete
Beziehung ermöglicht.
Laßt doch den Jungen und
Mädchen ihre Cliquen und ihre »Hänseleien«: sie sind ein notwendiger
Schritt zur Reife. Nicht überall braucht man die »professionellen Helfer«!
Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Leserbrief 971205: Mein Gott –
Sina ist nicht giftig!_Sozialverhaltenstraining