02.05.98
Nationalstolz
»Brüllen oder leisetreten?«
Ihr Artikel zum Problem des
»Nationalstolzes«, „Brüllen oder leisetreten?“, ist erfreulich
nachdenklich und nachdenkenswert. Doch denke ich, daß einige Aspekt noch
differenzierter in einen größeren Rahmen gestellt werden sollten. Sie
schreiben: „Stolz ist man nicht auf ein persönliches Verdienst. Stolz
ist man auf eine Zugehörigkeit, für die man nichts kann.“ Und gerade
da liegt das erste augenfällige Problem. Als Situationsbeschreibung ist es
so wohl richtig, ist es aber akzeptierbar, tolerierbar, wenn es aggressive
und die Soziabilität gefährdende Verhaltensweisen begründet oder bei
anderen evoziert? Ich glaube, daß ich keinen »Stolz« auf etwas empfinden
könnte, mit dem ich nicht eigene Leistung, eigenes Verdienst verbinden
kann. Pardon: Stolz empfinde ich doch auf den schwer erkämpften
Schulabschluß meiner Tochter, auch darauf, daß sie im ersten Anlauf den
Führerschein »gemacht hat«, auch wenn dies nicht mein Verdienst ist. Damit
kommt eine grundsätzliche Problematik zum Vorschein: Stolz nicht
nur auf eigenes Tun, Stolz auch auf eigenes Haben –
die philosophisch ergiebige Frage nach dem Verhältnis von Haben und
Sein.
Betr.: K.-L. Bader, Brüllen oder
leisetreten? in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom Sonnabend, 2. Mai 1998
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine
Zeitung: Nationalstolz, 980502