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politik unterricht aktuell
Marginalien aus zehn Jahren
Verbandsarbeit:
Stellungnahmen und Leserbriefe zu aktuellen Themen
Gesamttext in politik unterricht aktuell, Heft 1/2003
Gesamttext auch als PDF-Dokument |
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Dokument Information |
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01.01.96
Zum Thema Mathematikdidaktik:
Wieviel Mathe braucht der Mensch im Alltag?
Mit großem Interesse lese ich die Beiträge
in Ihrer Dokumentation »Wieviel Mathe braucht der Mensch im Alltag?«
und möchte der Aufforderung von Claus Michael Ringel folgen,
mich als Politik- und Geographielehrer, also als Nichtmathematiker
zu den angeschnittenen Fragen zu äußern, die tatsächlich über die
Fachdidaktik Mathematik hinaus Aufmerksamkeit verdienen.
Seit rund zwanzig Jahren arbeite ich in
Niedersachsen in konzeptioneller Weise an der Entwicklung der
reformierten gymnasialen Oberstufe sowie an der entsprechenden
Umgestaltung der Didaktik des gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeldes mit. Das Thema der »Allgemeinbildung« ist dabei zu einem
Kampfbegriff derer geworden, die zurück wollen zur alten – sozial
desintegrativen – Pauk- und Lernschule. Leider begegnet man in der
bildungspolitischen Diskussion – für die bedauerlicherweise die
Kultusminister mit am wenigsten inhaltlich qualifiziert sind! – nur selten
ernst zu nehmenden Beiträgen, die sich mit dem Bildungsanspruch der
Schulen aus dem sozialen Bedingungs- und Interaktionsfeld
Gesellschaft « Schüler
heraus auseinandersetzen. Die Thesen von Hans Werner Heymann tun
das erfreulichweise und vermeiden so die obsolete Perspektive »vom eigenen
Fach her«. Der gängige Legitimationsversuch der traditionellen
Schulfächer, in meinem eigenen Fachbereich in oft grotesker Weise vom
Fach Erdkunde vorgetragen (vgl. z.B. Praxis Geographie 11/95!),
funktioniert ja üblicherweise so, daß die grundsätzlichen
Fachinteressen als unabdingbar gegeben vorausgesetzt werden –
orientiert an universitären »Fachsystematiken« – und daß innerhalb
dieses Fachverständnisses nach Inhalten und Methoden gesucht
wird, die in der Schul- und Bildungsöffentlichkeit die
Unverzichtbarkeit des Faches für die ›Allgemeinbildung‹
beweisen!
Meine eigene Praxis bestätigt die – aus der
Perspektive des Fachmathematikers sicher pessimistische –
Situationsbeschreibung von Hans Werner Heymann, die eine Neubestimmung des
Stellenwertes und der didaktischen Umsetzung des Faches Mathematik umso
dringlicher macht:
-
In nicht-akademischen sozialen Schichten,
denen ich privat und beruflich verbunden bin, sind auch die genannten
mathematischen Fertigkeiten der Klassenstufe 7 selten vorhanden;
Dreisatz, Prozentrechnung oder andere Berechnungen, die über ›plus‹ und
›minus‹ hinausgehen, werden nicht beherrscht und emotional als »Horror«
abgewehrt, war dieser mathematische Analphabetismus doch oft Grund für
schulisches Scheitern und tiefsitzende Versagensängste. Wohlgemerkt:
ich spreche hier nicht von einer kleinen Minderheit, sondern von einem
recht großen Teil unserer Mitbürger!
-
Durchaus intelligente und fleißige
Schülerinnen und Schüler in meinem Leistungskurs Gemeinschaftskunde
wehren die Zumutung, Statistiken durchzurechnen, entsetzt ab mit dem
Argument: „Warum habe ich denn Gemeinschaftskunde gewählt – doch weil
ich in Mathe nie auf einen grünen Zweig kommen werde!“
-
Im Gespräch mit Schülerinnen und Schüler
wird deutlich, daß nur eine verschwindend kleine Minderheit auch derer,
die in Mathematik nicht versagen, tatsächlich ein Verständnis für
mathematische Zusammenhänge entwickeln. Ich kann daraus nur schließen,
daß die vorherrschende Mathematikdidaktik, zumindest im Gymnasium, über
Facharroganz und ein abstrus-elitäres Gesellschaftsbild nicht
hinausgelangt ist, was wegen der von Heymann ja aufgezeigten
pädagogischen Potentiale der Mathematik umso bedauerlicher ist.
-
Nun sind es gerade auch Schülerinnen und
Schüler, die mit Mathe »nichts am Hut haben«, die philosophischen
Disputen über Zahlentheorie, Selbstbezüglichkeiten und Logik gegenüber
ausgesprochen aufgeschlossen sind; die Zugangsweise von Douglas R.
Hofstadter (›Gödel, Escher, Bach‹) zeigt nur zu deutlich, wie
mathematisches Interesse sogar noch in der Oberstufe geweckt werden
kann!
-
Leider zeigt die Alltagserfahrung, daß ein
obsoletes Fachverständnis sehr schnell zu einem reaktionären
Verständnis von Allgemeinbildung führt; in vielen Gymnasien verhindert
die meist geschlossen auftretende Gruppe der Mathematiker, die
unverdienter Weise im Ruf besonderer Intelligenz und Wichtigkeit steht,
pädagogische Reformen und den Einsatz grundsätzlich schülerorientierter
interdisziplinärer und projektorientierter Lernformen, auch wenn sie
schwerpunktmäßig von anderen Fachbereichen getragen werden.
Ich kann nur hoffen, daß die Thesen von
Heymann zu einer neuen grundsätzlichen Diskussion um die
»Allgemeinbildung« führen und das traditionelle Fachverständnis nicht nur
der Mathematik infrage stellen werden!
Bezug auf Frankfurter Rundschau vom 28.12.95
– Dokumentation
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau
Mathematikdidaktik 960101
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pua 1/2003
ISSN
0945-1544
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Dokument
Information:
Einzeltexte erscheinen hier nur im Internet.
Veröffentlicht
in
politik
unterricht aktuell:
"Interkulturelle
Konflikte"
Hannover,
2002. A 5, kart. [ISBN
3-9807714-6-6]
Printausgabe vergriffen
Internetausgabe / Überarbeitung: 3.8.2004 / 16.07.2011 / 17.09.2011
Herausgeber:
Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum
(vgl. Seitennavigation)
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
Internetausgabe /
Internetpublikation 20.04.03 /
Aktualisierung 12.01.2004 - Letzte
Überarbeitung: 3.8.2004
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