22.11.1990
Koalitionskrise in Berlin nach den Krawallen in Ostberlin
Kontroversen um gesellschaftliche Gewalt
Der von den GRÜNEN im Berliner Senat
vollzogene Bruch der Koalition ruft erhebliche Irritationen hervor. Einem
liberalen politischen Bewußtsein ist es, das sei voraus geschickt,
selbstverständlich, daß die persönlichen und sozialen Hintergründe einer
Straf- und Gewalttat bei der Bemessung der persönlichen Schuld des Täters
oder der Täterin herangezogen werden müssen.
Ebenso verlangt es das soziale Gewissen, daß
die Kenntnis der sozialen und ökonomische Ursachen gesellschaftlicher
Konflikte erkannt und zur Grundlage einer befriedenden Politik gemacht
werden, in dem der Einsatz staatlicher, polizeilicher Gewalt nur das
letzte Mittel sein darf.
Was mich aber mit Verwunderung und Besorgnis
erfüllt ist, wie gering scheinbar von den GRÜNEN in Berlin berechtigte
Ängste und Schutzbedürfnisse der Anwohner, der „einfachen Bürger“ gewertet
werden im Gegensatz zum umfassenden Verständnis für die Lage der Täter.
Die Familien in diesen sogenannten „Krawallgebieten“ sind nicht in der
Lage, sich selbst gegen die Hausbesetzer- und „Autonomen“-Szene, gegen
gewalttätige Schlägerbanden zur Wehr zu setzen, geschweige denn aus
eigenem Vermögen gesellschaftlichen Frieden in diesen Bereichen wieder
herzustellen. Sie sind existentiell angewiesen auf staatlichen Schutz und
sie haben ein Recht, ihn einzufordern!
Wie irrational in dieser Situation die
hektische Kritik am Polizeieinsatz ist (wobei polizeitaktische Fehler oder
eventuelle Übergriffe selbstverständlich kritisch-verantwortungsbewußt
untersucht werden müssen), mache man sich an einem nur leicht veränderten
anderen Beispiel von Gewalt und Schutzbedürftigkeit klar: Wie würden die
führenden Politikerinnen der GRÜNEN in Berlin auf den Vorschlag reagieren,
wegen tiefempfundenen Verständnis für die auswegslose psychologische
Zwangslage der Gewalttäter auf polizeilichen Schutz vergewaltigter und
sexuell bedrohter Frauen zu verzichten, um stattdessen auf die zeitlich
nicht absehbare gesellschaftliche Lösung des Problems hinzuarbeiten?
Ich möchte hier ausdrücklich
feststellen, daß mir die sozialdemokratische Position, keine Rangfolge der
Schutzbedürftigkeit gegenüber bestimmten Gewaltformen oder
Bedrohungssituationen anzuerkennen, sondern den staatlichen Schutz
gegenüber jeder Bedrohung zu fordern, dem Rechtstaatprinzip und der
Demokratie weitaus angemessener erscheint.
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine
Zeitung: Berliner Krawalle