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Das Thema Türkei
kann historisch-gesellschaftswissenschaftlich aus drei verschiedenen
Frageperspektiven bearbeitet werden:
-
unter der
Fragestellung nach den Besonderheiten der der türkischen Sozial-
und Staatsgeschichte, die die heutige problematische und konfliktbeladene
Situation erhellen und verständlich machen kann;
-
unter der
Fragestellung der Türkei im Weltsystem und den daraus abzuleitenden
Kategorisierungen und Verallgemeinerungen;
-
unter der
Fragestellung nach dem Stellenwert des Themas ›Türkei‹ in den allgemeinen
gesellschaftlich-politischen oder auch wissenschaftlichen Diskursen,
die unabhängig von der Sonderheit Türkei geführt werden.
Sich mit der
Türkei differenzierend und erklärend zu beschäftigen, mutet eine Reflexion
des Erklärungsinteresses zu, wenn es von der Sicht eines Landes außerhalb
der Türkei selbst erfolgt.
Abgesehen von den
subjektiven Motivationen, die im Kontext dieser Überlegungen wenig
Aufschlussreiches beitragen, verweist gerade diese Fragestellung auf den
inneren systemischen Kontext der aufgezeigten Frageperspektiven.
Diese
Interdependenzen lassen zwar eine analytische Trennung, aber keine
grundsätzliche Separation der Frageperspektiven zu. Das wird sofort
verständlich, wenn bei einer politikwissenschaftlichen Fragestellung nach
den europapolitischen und ökonomischen Integrationsproblemen der Türkei eine
Antwort ohne Kenntnis der türkischen Sonderheit zu grundsätzlichen
Fehleinschätzungen der Handlungsspielräume und der mobilisierbaren
gesellschaftlichen und politischen Potentiale in der Türkei führt.
Andererseits ist
der Rekurs auf das Beispiel Türkei in den aktuellen Diskursen z.B. über
Menschenrechts- und Minderheitsfragen oder über das ›Modethema‹
islamischer Fundamentalismus in seinen gesellschaftlich-politischen
Auswirkungen verhängnisvoll und stereotypverstärkend, wenn nicht der Kontext
im Weltsystem ebenso hinterfragt wird wie die historisch-gesellschaftliche
Problem- und Konfliktgenese.
Wesentliche
Verklammerungen der Analyseebenen wie der Frageansätze ergeben sich gerade
aus der unmittelbar erlebbaren – und damit emotionalisierbaren – Aktualität
der mit der Türkei zusammenhängenden Fragestellungen durch die öffentlichen
Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland über Migrationsfolgen und die
innergesellschaftliche Fremdenfeindlichkeit. Orte dieses Diskurses finden
sich mit typischen Modifikationen und unterschiedlicher affektiver Besetzung
in allen Lebensbereichen, von der öffentlichen Kommunikation, den
gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Ämter, Kirchen, am Arbeitsplatz
wie im semiöffentlichen Bereich der Freizeitorganisation.
Dies in seinem
Zusammenspiel zu erörtern, ist hier nicht der Ort; wesentliche Arbeiten
könnten sowohl aus der politologischen wie der soziologischen Literatur
angeführt werden (Luhmann, Beck, Wouters, Engler u.a.). Vieles von diesen
allgemeinen gesellschaftswissenschaftlichen Ansätzen, die für die eigene
Türkei-Rezeption relevant sind, wird auch bei der
historisch-gesellschaftlichen Analyse der Türkei selbst aufzugreifen zu
sein.
Thesen
zur Problematik der heutigen Staatsgesellschaft in der Türkei
So sollte der
Beginn unserer Überlegungen zur Türkei mit einigen Thesen zur
Charakterisierung der Türkei als Besonderheit im
historisch-gesellschaftlichen Rahmen fundiert werden, die anschließend noch
genauer erläutert werden sollen:
-
Gegenüber
Mitteleuropa findet in der Türkei eine verspätete und defizitäre
Herausbildung einer Staatsgesellschaft statt unter direkter Übernahme
westeuropäischer Modelle und unter politisch-ökonomischem Einfluss der
europäischen Mächte.
-
Dabei tritt die Türkei seit dem 17. Jahrhundert – dem
Ende der osmanischen Expansionsphase – in ein zunehmendes
Dependenzverhältnis zu den westeuropäischen Hegemonialmächten ein, das
sich in Peripherisierungsprozessen ausdrückt.
-
Die Türkei bildet seit dem 18. Jahrhundert die
charakteristischen politisch-ökonomischen Strukturen eines semiperipheren
Landes aus.
-
Im Kontext der Peripherisierung findet eine bis
heute andauernde politisch-soziale und ökonomisch-regionale Desintegration
statt, die in den inneren Peripherien Marginalisierungsprozesse
hervorruft, die heute Grundlage z.B. des Südostanatolienkonfliktes sind.
-
Die
Unbedingtheit der nationalstaatlichen Homogenisierungspolitik in der
Türkischen Republik als Teil des „nation building" steht im ursächlichen
und interdependenten Zusammenhang mit der mangelhaften sozialen und
regionalen Integration und den damit verbundenen Legitimationsdefiziten.
-
Labile
soziale Machtbalancen in der heutigen Türkei unterlaufen und retardieren
vom Staat oder von den westlich orientierten ökonomisch-technischen Eliten
(z.B. die Intelligenzija) intendierte Modernisierungsschübe, denen
unkontrollierte kulturelle und soziale Desintegrationspotentiale
innewohnen.
Schon diese
wenigen Charakterisierungen zeigen, wie überaus schwierig und labil die
derzeitige Entwicklungssituation in der Türkei ist, wie stark sie einerseits
in die zentral-peripheren Dependenzen Europas und des „Weltsystems"
eingebunden ist, andererseits aber selbst in ursächlicher Dependenz mit
dieser Einbindung in überregionale Strukturen und Disparitäten durch die
Binnenperipherisierung weder einer einheitlichen Entwicklungsprognose
zugeordnet werden kann noch als homogene Entität zu charakterisieren und zu
kategorisieren ist: Widersprüchlichkeit und Offenheit der prozessualen
Tendenzen sich die dominanten Merkmale einer wissenschaftlichen Beschreibung
der Türkei.
Der Verlust der
Grundlagen des Imperiums im 16./17. Jahrhundert
Die erste
Reformphase im Osmanisches Reich im 19. Jahrhundert ist mit dem Namen von
Sultan Mahmud II. (‚der Reformer‘, 1808-1839, gest. 1840) verbunden.
Wie konnte oder musste es aber zu dieser Phase erster Reformen ‚von Oben‘
kommen? Historische Überlegungen sollen hier nach den Gründen fragen, vor
allem die Veränderungen der innergesellschaftlichen Machtbalancen im Kontext
der Peripherisierungsprozesse im neuzeitlichen Europa nachzeichnen und
damit deutlich machen, warum die Türkei gegenüber West- und
Mitteleuropa deutlich abweichende Modernisierungsschübe erlebte, die dazu in
völlig anderer Form sozial verortet waren und zu einer nur partiellen
gesellschaftlichen Homogenisierung und zu einer unvollständigen
Herausbildung einer Staatsgesellschaft führten.
Das Sultanat war
vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in eine tiefe Macht- und Legitimationskrise
geraten. Nach dem Höhepunkt von Macht und höfischer Kultur zum Zeitpunkt der
größten Ausdehnung des Osmanischen Reiches unter der Regierung von Sultan
Süleyman I. (‚der Prächtige‘, 1520-1566) türkisch zutreffender
bezeichnet als: Kanunî (‚der Gesetzgeber‘), sind deutliche
Verschiebungen der Macht in der höfischen Hierarchie zu beobachten, die mit
Richard Peters in seiner schon ›klassischen‹ Geschichte der Türken zu
charakterisieren und zu periodisieren sind in drei aufeinander folgende
Ausprägungen, die jeweils auf Kosten der ursprünglichen personalen Macht des
Sultans gingen: 1595-1687, Haremswirtschaft, Dominanz von Sultaninnen und
Sultansmüttern; 1687-1757, Regierungsmach bei Großwesiren der Familie der
Köprülü; 1754-1808, wechselnde Machtursupation durch Eunuchen und
Janitscharen.
Wie ist zu dieser
Machtverschiebung im Sultanat gekommen? Der äußere Anlass der Krise ist
offensichtlich und wurde schon angedeutet: Die territoriale Expansion des
Osmanischen Reiches war an ihre äußersten Grenzen gestoßen, die Armee
verfing sich in kostenaufwendigen, wenig ›ertragreichen‹
Grenzsicherungskämpfen, die kaum zu für den Erhalt des Hofes so notwendiger
›Beute‹ führten, kurzum: der Krieg ernährte sich nicht mehr selbst.
Doch soll hier
keine umfassende welthistorische Analyse durchgeführt werden, sondern nur im
Anriss einiger interessanter Fragen das Problem des Wandels der Machtbalancen
im Osmanischen Reich, die letztlich zu den Tanzimat-Reformen Mitte
des 19. Jahrhunderts führten, verdeutlicht werden. Auch Kürşat-Ahlers betont
die genannten Machtverschiebung und sieht in ihr auch eine der Wurzeln einer
späteren sozialen Spaltung und Segmentierung der Oberschicht, indem die
traditionellen vor allem niederen Ulema vom gesellschaftlichen
Einfluss bei Hofe zunehmend ausgeschlossen werden zugunsten der weltlichen
Regierungsbeamten, und dadurch ein virulentes antimodernistisches
Potential bilden. Mit diesem Ansatz öffnet sich eine andere, soziologische
Darstellungsperspektive, die noch weiter verfolgt werden sollte.
Ein noch wenig
beachteter Fragenkreis in den Untersuchungen zur türkischen Geschichte, der
jedoch Aufschluss über die konkrete Umsetzung der äußeren Machtveränderungen
in die inneren Machtbalancen der osmanisch-höfischen Gesellschaft geben
könnte, liegt in einer genaueren und konkreten Betrachtung der
Zivilisationsprozesse und -entwicklungsphasen, die vom Hof ausgehend in
ihrer gesellschaftlichen Normierungskraft sowie in Hinblick auf die Wege und
Reichweite dieses ‚Absinkens‘ durch die sozialen Schichten und regionalen
Subsysteme des Reiches darzustellen wären: eine faszinierende Aufgabe für
die Gesellschaftswissenschaften und vor allem für die
historisch-vergleichende Soziologie.
Mit Elçin
Kürşat-Ahlers sind für die Expansionsphase des Osmanischen Reiches die
kulturellen und zivilisatorischen Kontexte zu den früheren Staatenbildungen
nomadischer Turkvölker in Mittelasien aufzuzeigen. Sicher gehören typische
Elemente der frühosmanischen Kultur in diesen Zusammenhang: so die
ökonomische Fundamentierung auf Beutekriegen, der notwendige Drang nach
territorialer Expansion, die territoriale Mobilität – noch Sultan Bayazid
I. Yıldırım (‚der Blitz‘, 1389-1402) trägt seinen ehrenden Beinamen
wegen seiner Fähigkeit, mit seinem Heer »wie ein Blitz« auf den
verschiedenen Schlachtfeldern an weit entfernten Grenzen seines damals schon
großen Reiches zu erscheinen – ebenso wie die ungezügelte Kriegslust und der
Siegestriumph. Das prägte den Lebensstil und das Selbstverständnis der
militärischen Oberschicht, die gleichermaßen im Kriege asketisch und
selbstaufopfernd dem Tapferkeitsideal folgte, um dann den Frieden als
verdienten Genuss des Sieges wahrzunehmen, allen materiellen Reichtum und
Luxus um sich versammelnd. Die Parallele zu den Ausführungen von Norbert
Elias zu den Wandlungen der Angriffslust in der höfischen Oberschicht des
Abendlandes und seiner Darstellung des Weltbildes eines Ritters im
europäischen Mittelalter, werden nur zu deutlich:
„Als
Ausnahmeerscheinung, als ‚krankhafte‘ Entartung, mögen solche
Affektentladungen auch noch in späteren Phasen der gesellschaftlichen
Entwicklung auftreten. Aber hier gab es keine strafende, gesellschaftliche
Gewalt. Die einzige Bedrohung, die einzige Gefahr, die Angst machen
konnte, war die, im Kampf von einem Stärkeren überwältigt zu werden.
Abgesehen von einer kleinen Elite, gehörte, wie Luchaire, der Historiker
der französischen Gesellschaft des 13. Jahrhunderts feststellt, Rauben,
Plündern, Morden durchaus zum Standard der Kriegergesellschaft dieser
Zeit, und es spricht kaum etwas dafür, dass sieh das in anderen Ländern
oder in den folgenden Jahrhunderten anders damit verhielt. Die
Grausamkeitsentladung schloss nicht vom gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie
war nicht gesellschaftlich verfemt. Die Freude am Quälen und Töten anderer
war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Bis zu einem
gewissen Grade drängte sogar der gesellschaftliche Aufbau in diese
Richtung und machte es notwendig, ließ es als zweckmäßig erscheinen, sich
so zu verhalten. ...
Der Sieger von
heute war morgen durch irgendeinen Zufall besiegt, gefangen und aufs
äußerste gefährdet. Inmitten dieses fortwährenden Auf und Ab, dieses
Wechsels zwischen Menschenjagden, nämlich Kriegszeiten, und Tierjagden
oder Turnieren, den Vergnügungen der ‚Friedenszeit‘, war wenig
vorausberechenbar, die Zukunft fast immer, selbst für die aus der ‚Welt‘
Entflohenen, relativ ungewiss, Gott und die Treue von ein paar Menschen,
die zusammenhielten, das einzig feste. Überall war Furcht; der Augenblick
galt dreifach. Und unvermittelt also, wie die wirklichen Schicksale,
schlug Lust in Angst um und die Angst löste sich oft ebenso unvermittelt
in der Hingabe an eine neue Lust."
Doch wird eine
detaillierte Untersuchung auch die Stilunterschiede herausarbeiten müssen:
die durchaus unterschiedlich erlebte religiöse Bindung; die im Sultanat
deutlich wirksamere Gottesreichsidee mit ihrer gesellschaftlichen
Geborgenheit und einem Weltbild des Gerechtfertigtseins und der
‚Überlegenheit‘ – Elementen, jeder das christliche Abendland phasenweise
durchaus kannte, die aber von der Tradition der Kriegergesellschaften und
den ‚pessimistischen‘ Elementen der christlichen Buß- und Reue-Vorstellungen
und der prinzipielle theologischen Trennung von ‚weltlicher‘ und
‚geistlicher Macht‘ überlagert waren – sowie schließlich die größere
kulturelle Weltläufigkeit und Integrationsfähigkeit, die ein
Erbe der arabisch-islamischen Hochkultur ist und durch die Lehre von der
umma muhamadja in allen islamischen Regionen eine hohe Prägekraft
besitzt.
So bildete sich
eine typische höfische und imperiale Kultur des Sultanats erst in Bursa und
dann in Istanbul heraus, die fest in der sozialen Hierarchie des Militärs
verwurzelt war und weitgehend von Krieg und Eroberungen lebte. Die folgende
zivilisatorische Bruchlinie ist schon aufgezeigt worden: Die vergeblichen
Versuchen einer Expansion über die ungarische Tiefebene hinaus markierten
den Zeitpunkt der größten territorialen Ausdehnung des Reiches, die jedoch
nicht mit einer politischen und militärischen Satuierung verbunden war. Die
Versorgung der höfischen Zentren mit Nahrung, Luxusgütern und Menschen, d.h.
vor allem: Soldaten, mussten nun – da Eroberungen ausblieben – aus den
eigenen Provinzen heraus erfolgen; die drückende Abgabenlast führte zu
phasenweisen Veränderungen der Herrschaftsstruktur und -durchsetzung in den
randlichen Bereichen, deren Folgen noch zu erörtern sein werden.
Am Hofe selbst,
militärischer Erfolge zunehmend entwöhnt, verschob sich das Verhaltensideal
zunehmend auf die zivilen Elemente des zivilisatorischen Codex, auf
staatliche Herrschafts- und Machtausübung und materielle Privilegierung –
und das bei knapper werdenden materiellen Ressourcen. Zum einen ist das
sicherlich im Sinne einer höfischen Zivilisationsentwicklung ein
Modernisierungsschub, der aber zunächst noch erkauft wurde mit einem
persönlichen Machtverlust des Sultans bei Hofe, der aus seinem partiellen
Funktionsverlust herrührte, bei dem das Zurücktreten der militärischen
Aufgaben und der Machtressource als Kriegsführer und Sieger, der damit die
Verteilung der Beute kontrollieren und die militärische Oberschicht in
materieller Abhängigkeit halten konnte, als persönliche Schwäche
wahrgenommen werden konnte. Mit dem Ausbleiben der Kriegsgewinne musste sich
der Sultan zwangsläufig immer weiter einbinden lassen in ein soziales
Geflecht ökonomischer Abhängigkeiten und sozialer Loyalitäten als Grundlage
des Machterhalts, d.h. in feudale ‚do ut des‘ – Beziehungen.
Letztlich
erfolgte erst jetzt, im mitteleuropäischen Sprachgebrauch, die
Feudalisierung des bisherigen Expansions- und Beuteimperiums, in einer
Zeit, als in Mittel- und Westeuropa weitere Modernisierungsschübe
grundlegende sozio-ökonomische Umwandlungen einleiteten und das »Weltsystem«
grundlegend änderten – was bald zu einer bedrohlichen äußeren
Rahmenbedingung für die weitere Entwicklung des Osmanischen Reiches
wurde.
Staatskrise und soziale Desintegration
„Das Osmanische Reich war
insgesamt ein militär-bürokratisch organisierter Feudalstaat. Einziger
Feudalherr war der Staat; ihm gehörte formal der Boden, mit dem er die
Sipahi (Ritter), auf die sich das osmanische Heer anfänglich stützte,
belehnte. Als Gegenleistung hatten die Sipahi Lehnstruppen für die
kriegerischen Unternehmungen des Reiches zu stellen. Mit der Zeit
verselbständigten sich die Sipahi."
Bassam Tibi
charakterisiert hier aus der Sicht der Militärhierarchie die Veränderung der
Machtbalance, die Thema der Untersuchung der Krise des Osmanischen Reiches
sein wird. Er charakterisiert die ökonomische Fundierung des Osmanischen
Militärs mit einem Zitat von Kurt Steinhaus: „Die türkischen Oberschichten –
die Spitzen des Militärs, der militarisierten Bürokratie und der Ulema –
reproduzierten sich größtenteils über den Bezug von Grundrenten und damit
letzten Endes über gewaltsame Landnahme... Der Krieg nährt den Krieg – auf
keinen Staat trifft dieses Wort so zu wie auf den des Sultan-Kalifen. Und
nicht nur das: hier nährte der Krieg sogar das politisch-soziale
Gesamtsystem. Indem die materiellen Erträge der äußeren Expansion für die
Erhaltung und die Verbesserung des territorialen Status quo unentbehrlich
waren, bildete die militärische Überlegenheit wiederum die Voraussetzung für
die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in
seiner bestehenden Form." Tibi schlussfolgert daraus: „Indem Europa seit dem
18. Jahrhundert auf der Basis der Errungenschaften der bürgerlichen
Revolutionen eine dem Osmanischen Reich überlegene Macht darstellte und
somit dem osmanischen militaristischen Expansionismus Grenzen setzte, wurde
das Osmanische Reich empfindlich getroffen. Die als Kompensation zur
verhinderten Expansion eingeführte Steuerpacht hat, da sie die regionalen
Herrschaftsinstanzen festigte, die Desintegration des Osmanischen Reiches
begünstigt, anstatt das Reich zu sanieren.".
Damit sind die
wesentlichen Elemente der inneren Machtverschiebungen deutlich benannt: Das
Sultanat in seiner bisherigen materiellen und legitimatorischen Fundierung
war mit dem Ende der Expansionsphase in eine gefährliche Staatskrise geraten
und der Sultan selbst musste empfindliche persönliche Machtverluste
hinnehmen.
Ein Ausweg wurde
in der Sicherung der materiellen Ressourcen des Hofes durch Veränderungen in
der materiellen Ausbeutung der Provinzen, durch Delegation regionaler
Machtentfaltung, durch die Einführung des Systems der Steuerpacht und damit
durch die Hinnahme gesellschaftlich-ökonomischer Desintegration gefunden.
Der Hof und das Sultanat mussten gleichermaßen neue Wege der Legitimierung
der Herrschaftsansprüche gehen, um ein funktionierendes Herrschaftssystem
aufbauen zu können. Das geschah vor allem durch die Vergabe von Privilegien
und durch die ideologische und religiöse Überhöhung des Sultanats zum
‚Gottesreich‘ und durch die Förderung Osmanischer Überlegenheitsideen vor
allem gegenüber dem erstarkenden Westen. Der Herrschaftserhalt verband sich
mit der Entwicklung der Reichsidee, gleichzeitig leitete die ökonomische
Desintegration die Binnenperipherisierung des Reiches ein.
Die Veränderungen
im Herrschaftssystem des Osmanischen Reiches seit dem 17. Jh. können daher
auch als – bewusst nicht wahrgenommener – politischer Paradigmenwechsel und
als Eintritt in den permanenten Diskurs über den Reichserhalt
darstellen. ‚In Sorge um den Staat sein‘ ist bis heute eine
verbreitete Phrase politischer Legitimierung und der Beschreibung
nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. Doch leitete
dieser auf das Sultanat zielende neue Diskurs keineswegs schon den Prozess
eines ›nation building‹ im modernen Sinne oder der Genese des
Nationalstaates ein, sondern war auf eine integrierte weltlich-religiöse
Reichsidee bezogen, in der Osmanentum durchaus nicht mit Türkentum
gleichzusetzen ist.
Die
historische Situation: Das Aufkommen der Einsicht in die
Modernisierungsnotwendigkeiten.
Das Osmanische
Reich in seiner Früh- und Blütezeit lebte ökonomisch und sozial von der
kriegerisch durchgesetzten territorialen Expansion. Es ist sicherlich nicht
ganz falsch, die sozioökonomische Grundlage dieses wachsenden Imperiums als
feudalen Raubstaat zu charakterisieren, der in den Herrschaftstraditionen
der zentralasiatischen Nomadenreiche der Turkmenen stand und dort zu
vergleichen ist mit den ebenso mächtigen und (beute-)reichen
Imperiumsgründungen z.B. unter Dschingis Khan oder Timur Leng
– beides Konkurrenten der türkeitürkischen Vergesellschaftungen und
Staatsbildungen, die auch zu kriegerischen Verwicklungen führten (Ende des
Seldschukenreiches von Konya; Schlacht von Ankara 1402).
Gesellschaftliche
Charakteristiken dieses jungen Osmanischen Reiches waren die Dominanz einer
sich ausweitenden Militärkaste, die die Hauptlast der gesellschaftlichen und
staatlichen Integration zu tragen hatte und dies durch ihren unbändigen
Bedarf an Soldaten auch effektiv erfüllen konnte – die so genannte
„Knabenlese" und die Bildung der Janitscharenarmee sind historische
Konkretisierungen dieses Charakterzuges –, die Versorgung und Entwicklung
der Zentren des Reiches durch die Ausbeutung der neu eroberten Gebiete und
Provinzen, was vor allem dem Sultanshofes mit seiner immer größeren Zahl von
Höflingen zugute kam, aber auch der wachsenden Zahl ziviler
Oberschichtangehörigen, den ehemaligen Militärs, die sich in Istanbul zur
Ruhe gesetzt hatten und den höheren und niedrigeren Ulema, die die
geistliche Legitimation des Sultanats zu erfüllen hatte – wesentliches
Element waren dabei die traditionellen Derwischorden, vor allem der
Bektaș-Orden und die Mêwlêwi und Çelebi –, alles im Sinne einer ökonomischen
Modernisierung unproduktive und immobile Schichten, und schließlich die
Entwicklung einer höfischen Luxuskultur mit großem materiellen und
stilistischen Integrationsvermögen gegenüber fremden Einflüssen, die aber
vollständig eingeschmolzen wurden in das osmanische Herrschaftskonzept des
Sultanats als unbestreitbarer weltlicher und geistiger Spitze und Führung.
Dem ersten großen
gesellschaftlichen Umbruch, gekennzeichnet durch eine Verschiebung der
höfischen Machtbalance vom Sultan auf eine höfische Oberschicht – Wesire,
Harem, pensionierte Generäle und die zentralen und regionalen Würdenträger
der Staatsverwaltung –, durch zunehmende gesellschaftliche Desintegration
und gleichzeitige imperiale Verklärung der überlegenen weltlichen und
geistigen Kultur der Reichsidee des Sultanats als Legitimationsgrundlage
der Herrschaft, folgte eine lange Zeit krisenhafter Entwicklungen, die mit
internationalen und binnengesellschaftlichen Peripherisierungsprozessen zu
beschreiben ist.
Die lokale
Sozialorganisation in ihrer hochdifferenzierten Vernetzung von
vorstaatlichen, personalen Sozialbeziehungen wird zunächst dadurch gestärkt,
dass sich die Regionen als Überlebenseinheiten in der Phase des
Machtverfalls des Zentralstaates verstehen und ausdifferenzieren mussten. E.
Neubauer erwähnt – in einer Arbeit über Iran, die aber in diesem Aspekt für
die orientalischen Gesellschaften und das Osmanische Reich in dieser
Zeitphase durchaus zu verallgemeinern ist – drei Möglichkeiten der Bildung
solcher lokaler Loyalitäts- und
Interaktionsbeziehungen:
-
„ die
Zugehörigkeit zu einer Moschee und damit zu einer bestimmten
Nachbarschaftsgruppe;
-
die
religiöse Gefolgschaft (taqlid), zu der jeder shi'itische Laie einem
Mojtahed (einem Geistlichen, der in religiösen Fällen eine Entscheidung
treffen kann) gegenüber verpflichtet ist und die durch Akhunds bzw.
Mollas vermittelt wird...;
-
die Zugehörigkeit zu einer Klientelgruppe.
-
Zu diesen
drei Elementen, die die Organisation der Aufzüge bestimmen, kommen dann
noch
-
die
Verwandtschaft, die viel zu selbstverständlich ist, als dass sie
besonders betont werden müsste, und schließlich
-
die Handwerkskorporationen, die wohl vor allem die
Masse der Teilnehmer gestellt haben."
Parallel zu
dieser innergesellschaftlichen und territorialen Desintegration findet eine
deutliche Schwächung der außenpolitischen Macht und Konkurrenzfähigkeit
statt. Das Ende der Expansion wird zum Beginn einer unabsehbaren Folge von
Grenzsicherungskriegen und der Abwehr äußerer Angriffe, die das Reich in
eine immer tiefere materielle Krise stürzen. Anstelle einer inneren
Entwicklung des Landes, die das Osmanische Reich im „europäischen Konzert
der Mächte" politisch und ökonomisch konkurrenz- und durchsetzungsfähig
gemacht hätte, konzentrierte sich das Sultanat auf die traditionellen
militärischen Tugenden und das Primat des Abwehrkampfes, immer noch
durchdrungen von der Vorstellung einer unbesiegbaren kulturellen und
imperialen Überlegenheit. Genau damit traf es auf ein anderes Reich in
der Krise, mit ähnlichen Struktur- und Entwicklungsproblemen: das
zaristische Russland.
Rußland und das
Osmanische Reich konkurrieren um die knapper werdenden territorialen,
materiellen und humanen Ressourcen in Südosteuropa und schließlich um
territoriale Eroberungen aus dem jeweiligen Herrschaftsgebiet des Nachbarn.
Die vielen Kriege, die das Osmanische Reich an seinen Grenzen im 18. und 19.
Jahrhundert geführt hat, sind somit auch ein Surrogat einer eigentlich
notwendigen innergesellschaftlichen Modernisierung, für die sich erst zu
spät eine soziale Trägerschaft in der Hof- und Militärhierarchie selbst
gefunden hat. Diese soziale Verortung einer verordneten „Modernisierung" von
oben, die die Türkei bis heute prägt, führt zu sozialen und
legitimatorischen Problemen, die noch erörtert werden müssen.
Die
Auseinandersetzungen zwischen den beiden spätfeudalen Militärmonarchien
Russlands und des Osmanischen Reiches führten nicht, wie gehofft, zur
Herausbildung siegreicher moderner Nationen, die mit den westeuropäischen
Hegemonialstaaten konkurrieren könnten, sondern führten direkt in die
Dependenzen der Semiperipherien und in die innenpolitische Desintegration.
Diese
Desintegration und die materielle und politische Schwächung in der Folge der
ständigen Kriege, während deren die westlichen Großmächte England und
Frankreich (als „lachende Dritte") ihre Macht vergrößern und ihren
Einfluss
in den nahöstlichen Gebieten des Osmanischen Reiches und auch auf die
Politik des Reiches selbst begründen und ausbauen konnten, waren schließlich
die gesellschaftlichen Grundlagen der politischen Revolution, die weder in
der Form des Oktoberrevolution in Rußland, noch in der Form der
Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reicht tatsächlich die bestehende
gesellschaftliche Desintegration überwinden und eine mit einem erfolgreichen
gesamtgesellschaftlichen Homogenisierungsprozess verbundene Modernisierung
einleiten konnte.
In beiden Fällen
blieb zur Herrschaftssicherung die militärische Gewalt dominant und die
ideologische Indoktrinierung von Seiten des Staates mit Tendenz einer
ethnisch wahrgenommenen Herrschaftsmonopolisierung hier der Russen, dort der
Türken zur Herrschaftssicherung notwendig. Bei den grundlegenden
ideologischen Unterschieden beider Staaten ist die verblüffende
Übereinstimmung der Problemstrukturen ein Zeichen dafür, dass die
Problemlagen in typischer Weise aus den Entwicklungen der disparaten
Strukturen des Weltsystems entstanden und damit zumindest teilweise
exogen induziert worden sind.
Tanzimat: Die
›Reform von Oben‹ und der Beginn des türkischen Nationalismus
Sollte dieser,
von Dezentralisation und Desintegration gekennzeichnete Staat, dessen
zentrales Regierungssystem sich in einer permanenten Macht- und
Legitimationskrise befand, der sich zudem immer weniger im
Überlebenskampf mit den in Hegemonial- und Einflusszonenkonflikten
verstrickten Westmächten und dem benachbarten Zarenreich behaupten konnte,
erhalten bleiben, mussten spätestens von der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach
einer langen Folge regionaler Konflikte und Kriege, die immer öfter mit
türkischen Niederlagen endeten, was letztlich immer stärker zur Verarmung
und Marginalisierung der peripheren Regionen beitrug (Westeuropa sprach vom
Osmanischen Reich als »kranken Mann am Bosporus«!), mussten grundlegende
Reformen und eine Modernisierung der Staatsverwaltung erfolgen.
Immer drängender
wurde dieser Modernisierungsdruck auch durch die aus Armut und mangelnder
politischer Partizipation erwachsenden nationalistischen Separatismen, wobei
durch erfolgreiche Unabhängigkeitsbewegungen, wie im 19. Jh. in
Griechenland, oder durch nur oberflächlich als nationaler Separatismus
verbrämte und legitimierte territoriale Verluste an das Habsburgerreich auf
dem Balkan, an Frankreich (Maghreb), Italien (Libyen) und Großbritannien
(Ägypten), die grundlegende Idee von der überlegenen Reichseinheit
immer mehr in Frage gestellt wurde.
Die Notwendigkeit
tief greifender Modernisierungseinschnitte wurde immer deutlicher. Wenn sich
diese Reformimpulse aber in den peripheren Räumen selbst äußerten, verbanden
sie sich mit separatistischen Zielsetzungen – einem Trauma, das auch heute
noch die Politik der Türkischen Republik belastet. Das Reich wurde damit
immer stärker auch von außen unter Druck gesetzt.
Eine
Schlüsselrolle in dieser Entwicklung hatte 1831 der Aufstand Mohammed
Alis in Ägypten, der in seinem Kampf gegen die Oberhoheit des
Osmanischen Reiches – getragen von der Begeisterung der arabischen
Bevölkerung – bis nach Südanatolien vorstieß, vor allem aber in seinem
Einflussbereich das Bewusstsein weckte, dass sich die traditionellen
Machtstrukturen ändern ließen und das der gemeinsame politische
Freiheitskampf – eine sehr effektive Form gesellschaftlicher
Homogenisierung! – zu selbstbestimmter Modernisierung führen könne.
Dieser
Reformimpuls aus der Peripherie hatte zwei unmittelbare Konsequenzen, die
auch vom Sultanat nicht länger negiert werden konnten: die Einsicht, einmal,
dass eine notwendige Modernisierung des Staates zu seinem Erhalt notwendig
sei und nur verbunden mit einer gesellschaftlichen Homogenisierung und
staatlichen Zentralisierung gelingen kann, und zweitens, dass die weiter oben
dargestellten lokalen und regionalen soziale Loyalitätsnetze und
partikularen Machtzentren überwunden werden müssen, um einen notwendigen
ökonomischen und sozialen Fortschritt erreichen zu können, was letztlich nur
durch die Übernahme westlicher Nationalstaatmodelle und der Anstöße zur
Entwicklung einer Staatsgesellschaft realisierbar erschien..
Die Neugliederung der Staatsverwaltung, in der
stärkere Zentralisierung einherging mit der dargestellten Gewährung
religiöser Selbstverwaltungsrechte war geprägt durch das Bemühen um die
Auflösung alter feudaler Loyalitäts-Klientel-Systeme in den einzelnen
Regionen, deren Stellung durch das Steuerpachtsystem, das ein Krisensymptom
der Zentralmacht zum Ende der Expansionszeit gewesen ist, und die
Gouverneurs-Verwaltung der einzelnen wilayets, in die zunehmend
schon aus fiskalischen Gründen die einheimischen Oberschichten einbezogen
werden mussten. Die Anerkennung religiöser Großgruppen (Christen, Schiiten
etc.) forderte von diesen eine Verstärkung ihrer zentralen Repräsentanz –
was auch gefördert wurde durch die den Staatsanspruch des Osmanischen
Reiches diskriminierende und desavouierende „Schutzmachtpolitik"
europäischer Hegemonialmächte (Frankreich für die Katholiken, Rußland für
die orthodoxen Christen und, wenn auch weniger deutlich, Großbritannien und
später die USA (siehe die Amerikanische Universität in Beirut) für die
Protestanten) – und damit eine potentielle Lösung aus dem integrale
örtlichen Sozialsystem, das religiöse und „weltliche" Macht- und
Loyalitätsbeziehungen nicht trennen konnte.
Die daraus
folgende soziale „Verweltlichung" der regionalen und lokalen Gruppen,
einhergehend mit dem deutlicher zutage tretenden Widerspruch zu
zentralstaatlichen Herrschaftsansprüchen, war ein wesentlicher Beitrag zur
Ethnogenese der regionalen und partikularen Minderheiten im Osmanischen
Reich.
Mit dem Wegfall
der primär religiösen Selbstverständnisse und dem durch die
Tanzimat-Reformen angegriffenen lokalen Sozialgefügen einer zugemuteten
gesellschaftlich-staatlichen Modernisierung mussten neue soziale
Kategorisierungen und Legitimationen gefunden werden. Hier war dann das
schon entwickelte zentral-periphere Gefälle von ausschlaggebender Bedeutung.
Während in den – sich urbanisierenden und ökonomisch weiter entwickelnden –
Zentren wie vor allem in der Hauptstadt Istanbul die Tendenz zur
Herausbildung vertikaler sozialer Stratigraphien zu erkennen war, wo sich
z.B. neue westlich orientierte zivile und militärische Mittelschichten und
eine wachsende Intelligenzschicht, die Träger von
Intellektualisierungsprozessen in der weiteren Oberschicht des Sultanats
wurde, ausgliederten, ging die Tendenz in den Peripherien, verständlich
unter dem Aspekt der ökonomischen Rückständigkeit und zunehmenden Verarmung
und Marginalisierung, zur Herausbildung horizontaler, regionaler
Differenzierungen und Abschließungen, die sich unter Beibehaltung der
traditionalen dichotomen feudalen Gesellschaftshierarchie zunehmend
ethnisch-national definierten und legitimierten.
In diesen
Peripherien wirkte dann vor allem der westliche Einfluss in der Übernahme und
für die eigenen sozialen und politischen Interessen funktionalisierten
nationalstaatlicher Befreiungsideen, die machtpolitisch von den Westmächten
gefördert wurden, um damit begrenzenden und zeitweilig auch
destabilisierenden Einfluss auf das Osmanische Reich nehmen zu können.
Die
Nationalstaatsidee wurde somit in der Endphase des Osmanischen Reiches auf
zwei zueinander im historischen Widerspruch stehenden Wegen aus dem Westen
implantiert: einmal als Mittel eines von Teilen der staatlichen und
ökonomischen Ober- und neuen Mittelschichten als notwendig gesehenen
gesellschaftlichen Modernisierungs- und Homogenisierungsschubes, letztlich
zum Erhalt des Reiches und seiner Herrschaftsordnung, was nur durch eine
systematische Etatisierung und Nationalisierung, d.h. aber auch:
Verwestlichung, möglich zu sein schien, zum Anderen als Legitimation
partikularistischer sozialer und ökonomischer Interessen in den Provinzen
und bei den Minderheiten, bei denen die Nationalstaatsidee zum
Spannungsverhältnis einer gruppeninternen Homogenisierung – die nur
teilweise auch als Modernisierung intendiert und wahrgenommen wurde und sich
auch mit reaktionären Legitimationsideologien verbinden konnte – und eines
separatistischen Kampfes gegen den Zentralstaat beitrug. Beide
Funktionalisierungen der Nationalstaatsidee brachten gegenläufige, dichotome
und sich damit gegenseitig legitimierende und verstärkende gesellschaftliche
Prozesse in Gang, die letztlich zum Auseinanderfall des Osmanischen Reiches
im Ersten Weltkrieg und zu den heute die Struktur der Türkischen Republik
prägenden sozialen, regionalen und politischen Disparitäten und sich
antagonisierenden Konflikten führten.
Kontroverse
Auffassungen zur geschichtlichen Bedeutung der ›Tanzimat‹ – Reformen
Die
Tanzimat-Reformen waren Grundlage und Voraussetzung der ein halbes
Jahrhundert darauf folgenden Jungtürkischen Revolution, die wiederum Wurzel
der Türkischen Republik – der Abschaffung des Sultanats nach dem 1.
Weltkrieg und der Reformen Atatürks – waren, Einschnitten also, die an Tiefe
und revolutionärer Umgestaltung die eher zaghaften ›Tanzimat‹-Ansätze weit
übertrafen, die aber die Vermutung einer reformatorischen Kontinuität in der
Türkei zumindest nahe legt. Gerade ältere historische Darstellungen der
türkischen Geschichte, dem reformatorischen Selbstverständnis der jungen
Türkischen Republik verpflichtet, betonen eine solche Kontinuität, während
spätere Arbeiten die Brüche und Verwerfungen in der neueren türkischen
Geschichte hervorheben, den Blick geschärft gerade auch durch die
Widersprüche und Konflikte in der heutigen Türkei.
So wird auch die
Übernahme des westlichen Nationalismusmodells mit seinen potentiellen
ethnizistischen Implikationen früher eher beiläufig als notwendig und
‚selbstverständlich‘ charakterisiert, während gerade in dieser Frage heute
ein zentrales Problem für die weitere Entwicklung der Türkei gesehen wird.
Eine typische
historische Darstellung der Reformansätze Mahmud II und der ›Tanzimat‹-Epoche
in der älteren Form, durchaus differenzierend und um ausgewogene, sachlich
gut begründete Urteile bemüht, findet sich bei Peters, Geschichte der
Türken. Er sieht den Eintritt in eine Phase der Reformen als beinahe
historisch zwangsläufig und im Grunde als eine ungebrochene Modernisierung
und Liberalisierung im Sinne der westlichen Nationalstaaten an. Dieser noch
ungebrochene Glaube an die historische Vernunft der Modernisierung drückt
sich z.B. in folgender Aussage aus:
„Sultan Mahmud II. hat die
eigentlichen Früchte seines Werkes nicht erlebt, aber er hat einen
Grundstein gelegt, auf dem weitergebaut werden konnte... Er hatte eine
Umgestaltung seines Landes durchgeführt, die nicht wieder rückgängig
gemacht werden, auf der nur weitergebaut werden konnte. Der Geist des
neunzehnten Jahrhunderts hatte auch im Sultansreiche eine Heimat gefunden.
Das erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der türkischen Geschichte
war mit der Niederwerfung der Reaktion und einem Siege des liberalen
Gedankens ausgefüllt, der trotz größter innerer und äußerer
Schwierigkeiten errungen wurde... Während des Orientalischen Krieges wurde
zum ersten Male das Parlament einberufen, das aber unter dem Zwange der
äußeren Ereignisse nicht an einen weiteren Ausbau des Parlamentarismus,
sondern nur an die nationale Aufgabe der Landesverteidigung denken
konnte... Obwohl ein Parlament existierte, war das System Abdul Hamids II.
in höchstem Grade reaktionär. Dadurch wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts
die jungtürkische Revolution ausgelöst. Das 19. Jahrhundert endete zwar
mit einem Siege der Reaktion, jedoch war sie nicht stark genug, um das
begonnene Verfassungswerk wieder aufzuheben. Der Gedanke der Reform und
des Freiheitsideales hatte wichtige Positionen errungen, wie im übrigen
Europa, zu dem sich ja die Türkei zählte. Er war stark genug, im folgenden
Jahrhundert mit neuer Kraft den Kampf wiederaufzunehmen. Der Kampf für die
liberalen Ideen fand seine eigenen Kräfte im türkischen Volke. Er wurde
durch die westeuropäische Politik gefördert..."
In gewisser Weise
findet sich, der Zeit entsprechend, noch eine deutliche ‚eurozentrische‘
Urteilsperspektive in diesem Zitat, das in sofern den tatsächlichen
historischen Antriebskräften nicht ganz gerecht werden kann; deutlich wird
aber andererseits die große persönliche Identifikation des Autors mit seinem
Gegenstand.
Erscheint so das
Bild einer Türkei, in der sich ganz allgemein Freiheitsideale gegen
reaktionäre Herrscherpersönlichkeiten durchsetzen, in der die Annäherung an
den Westen auch zu einer zunehmenden Übereinstimmung der Interessen
mit den westeuropäischen Ländern führt, stellt sich die Reformphase in der
Darstellung von Bassam Tibi doch deutlich anders dar. Abgesehen davon, dass
sein Blick vor allem aus der Perspektive des Entstehens des arabischen
Nationalismus und Separatismus auf die Ereignisse in der Osmanischen
Zentrale gelenkt wird, betont er vor allem die sozialen Verschiebungen in
den Osmanischen Oberschichten, vor allem die langsame Segregation neuer
Intelligenz- und Mittelschichten zunächst noch aus dem institutionellen
Umfeld des Militärs heraus.
„So entstand in der
Tanzimat-Periode eine verwestlichte Offiziersschicht kleinbürgerlicher
Herkunft, die mit der Militärkaste der alten osmanischen Armee nichts
gemein hatte und die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine
entscheidende politische Rolle übernahm. Aus dieser Offiziersschicht
gingen sowohl die Jungtürken hervor als später auch die Kemalisten, die
das Osmanische Reich auflösten. Ebenso entstammen ihr die
arabisch-nationalgesinnten Offiziere, die in der arabischen
Nationalbewegung eine zentrale Position einnahmen."
Doch wäre hier
noch genauer zu fragen nach den sozialen Kontexten und Brüchen zwischen
Sultan, »Pforte«, alter Militärkaste und jungen, (militärtechnisch-)
westlich orientierten Offizieren. Tibi beschreibt den Ablauf der
Tanzimat-Reformen ja auch auf den Sultan und seine Interessen bezogen und
sieht sich erst in einem zweiten Schritt genötigt, wie dargestellt, die
besondere Rolle des Militärs hervorzuheben:
„Ein Jahr vor dem Abzug der
ägyptischen Truppen aus Syrien beginnt im Osmanischen Reich eine Phase
umfassender Umstrukturierung, die als Tanzimat-Periode bekannt ist. Die
Tanzimat (= wohlwollende Anordnungen) werden 1839 mit dem Dekret Hatt-i
Werif von Gülhane eingeleitet, in dem die Notwendigkeit artikuliert wird,
»das alte Regime von Grund aus (zu) reformieren und neu (zu) gestalten«.
Dieses Dekret wurde 17 Jahre später, 1856, durch den kaiserlichen Erlass
Hatt-i Humayun ergänzt, der soweit geht, die Diffusion bedeutender
Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft mit denen des Osmanischen
Reiches anzukündigen.... Bürgerliche Gesetzbücher wurden eingeführt;
Studenten wurden zum Studium nach Europa geschickt und – bedeutsamer noch:
die Offiziere der osmanischen Armee wurden fortan in Europa oder aber im
Osmanischen Reich von europäischen Instrukteuren ausgebildet."
Tibi fügt dem
zustimmend ein Zitat von Steinhaus bei, welches das Geschehen
charakterisiert als „das rapide Fortschreiten der Zentralisation der
Staatsmacht. Die lokale politische Macht der quasi-feudalen Assoziation von
Pașas und Steuerpächtern früherer Zeiten wurde nach und nach gebrochen ...
Parallel zur Zentralisierung und Modernisierung der Verwaltung vollzog sich
auch der Prozess der Säkularisierung." Diesen Aspekt hatten wir ja schon
weiter oben betont, müssen ihn jetzt aber ergänzen um die Analyse der
sozialen Segregation neuer westlich-technisch orientierter Schichten, die
vom Militär ausgeht.
Dies wird auch
betont und noch stärker differenziert von Elçin Kürşat-Ahlers, die das
Eindringen der Reformideen in Phasen seit dem 17. Jahrhundert darstellt.
Zwar ist – im materiellen Sinne – seit dem 18. Jahrhundert Europa das
Vorbild, doch wird das zögerliche Annehmen von Reformideen verstanden und
wahrgenommen vor allem in traditionellen Kreisen als ›Rückkehr zu
Osmanischen Vorbildern‹, da die ›absolute Überlegenheit der eigenen
Tradition‹ noch immer unabdingbarer Glaubenssatz war.
Schon im 18.
Jahrhundert fand die erste Modernisierung der Armee unter Anleitung
französischer Offiziere unter hemmte Çelebi statt; 1730 wurde die
Militärakademie gegründet. Die Niederlage gegen Rußland 1774 macht der
Militärführung die Notwendigkeit einer noch konsequenteren Militärreform und
der Einführung europäischer Waffentechnik – was mit der Einbeziehung
westlicher Instrukteure verbunden war – deutlich.
Kürşat-Ahlers betont aber besonders
die gesellschaftlichen Widerstände, die sich gegen die ›westliche Herkunft‹
der Reformideen der Militärs richten, was mit der ›Osmanischen
Überlegenheitslegende‹ zu begründen wäre. Interessanter als diese
ideologische Legitimation des antiwestlichen Widerstandes ist jedoch die
Interpretation der politischen Konflikte als Ausdruck gesellschaftlicher
Aufstiegs- und Abstiegsprozesse. Vor allem die niederen ulema, deren
Teilhabe an einem bisherigen Bildungs- und geistlich-kulturellen
Definitionsmonopol durch die Gründung weltlicher Oberschichtschulen (mit
Unterricht in westlichen Fremdsprachen!), Kadettenanstalten und zunehmendes
Auslandsstudium aufgehoben wird, sind vom sozialen Abstieg bedroht und
orientieren sich zunehmend an einem sozialen Widerstandspotential der
Unterschichten und der ländlichen Bevölkerung, die an den Vorteilen von
Modernisierungsschüben, die von Militär und Oberschicht ausgehen, keineswegs
beteiligt sind, weder in materieller Hinsicht – Verelendung und
Peripherisierung schreiten ungehindert weiter voran – noch in Hinblick auf
eine verbesserte soziale Teilhabe und politische Partizipation:
Modernisierung des Osmanischen Reiches bedeutete eben oft das Gegenteil von
Demokratisierung, es bedeutete effektivere Herrschaftsdurchsetzung und
politisch-kulturelle Homogenisierungsbemühungen.
Diese Prozesse
sind einzubinden in eine allgemeinere Erörterungen der Bedingungen und
Folgen einer Änderung der Intellektualisierungsprozesse, wie sie Peter R.
Gleichmann in einem Vortrag zum Thema „Gesellschaftliche
Intellektualisierungsprozesse und Prävention ‚ethnischer Gewalt‘: Aktive
Zivilisierung im ethnisch-kulturell heterogenen Umfeld" dargestellt hat,
wobei das ethnisch-kulturell heterogene Umfeld sowohl auf die Situation von
türkischen Arbeitsmigranten in Deutschland als auch auf die Situation der
neuen Intellektuellenschicht im Osmanischen Reich bezogen werden kann..
Gleichmann betont in seinem Vortrag, dass die Schicht der Intellektuellen mit
den staatlichen Machtzentren verbunden und von diesen ökonomisch abhängig
ist. Das verstärkt sich mit der Trennung von Religion und Staat und der
Herausbildung einer zivilen Bürokratie, wie es im 19. Jahrhundert in der
Türkei dominierender staatlich-gesellschaftlicher Prozess ist. Die
Entwicklung der Staatsgesellschaft Wust auf der Durchsetzung des staatlichen
Gewaltmonopols. Neben der unmittelbaren Gewaltanwendung, die in einer
funktionierende Staatsgesellschaft ‚hinter die Kulissen‘ zurücktreten wird,
wird der staatliche Anspruch vor allem durch seine symbolische Macht,
und das heißt auch durch seine Macht über die Symbole durchgesetzt.
Zentrales Element des Verfügens über die Symbole ist das Verfügen über die
Sprache und die Kommunikationsstrukturen. Die Bedeutung der
Entwicklung von Intellektuellenschichten wird hier unmittelbar einsichtig;
im weiteren Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung differenziert sich
die Sprachintelligenz immer weiter in funktional differenzierte
Teilsysteme auf: in die technische ›Intelligenz, die
kaufmännisch-ökonomische Intelligenz als Vorbedingung der Entwicklung
von Welthandelsintegration und industriellem Wachstum, die kulturelle
Intelligenz, die unmittelbaren Zugang zur staatlichen Symbolik und
Herrschaftslegitimation hat und um so größeren Loyalitätzumutungen
ausgesetzt ist.
Auch in der Armee
selbst organisierte sich die ›Widerstandsformation‹ in denjenigen Gruppen,
die den geschilderten Integrations- und Intellektualisierungsprozessen
entzogen bleiben. Vor allem die Janitscharen als unmittelbar an der
Herrschaftsausübung der ›Pforte‹ beteiligte Elitetruppe musste um den Verlust
ihrer Privilegien fürchten und orientierte sich zunehmend gegen jegliche
Militärreform. Die Lösung dieses Machtkampfes durch das Massaker auf dem
Hippodrom in Istanbul 1826 ist bekannt. Auch Teile des älteren
traditionsorientierten Offizierskorps (pașa) stehen der angestrebten
Militärreform und den darauf aufbauenden Modernisierungsbestrebungen in
Staat und Gesellschaft feindlich gegenüber.
Kürşat-Ahlers charakterisiert die
Maßnahmen der Reformperiode zusammengefasst durch folgende Punkte: a)
Entmachtung der ulema (sozialer Abstieg), b) Vernichtung der
regionalen Machtzentren (Zentralverwaltung), c) Privilegierung der
Staatsbeamten (sozialer Aufstieg), d) Vergrößerung der Zahl der
Beamtenstellen (Schaffung loyaler Hilfsorgane der Macht), e)
Gleichbehandlung der Regionen und der religiösen Gruppen (als Schritt zu
Laizismus, Zentralismus und institutionalisierter Staatsverwaltung. Folgen
davon waren aber die Antagonisierung der Bevölkerung: Kürşat-Ahlers sieht es
als generelles Problem zentral gesteuerter Modernisierungsphasen an, dass die
Verbreitung des notwendigen gesellschaftlichen Orientierungswissens –
auch als Grundlage von Akzeptanz und Legitimität des sozialen Wandels – der
Institutionalisierung der Modernisierungsschübe – und der Etablierung
neuer Eliten – hinterherhinkt.
Die aktuellen
Konsequenzen der dargestellten unterschiedlichen Sichtweisen auf die
Tanzimat-Epoche der Türkei wird sehr deutlich. Die wesentlichen Bruchlinien
in der türkischen Gesellschaft öffnen sich schon in der Reformphase in der
Mitte des 19. Jahrhunderts und sing gerade aus den gesellschaftlichen
Verhältnissen dieser Zeit besser zu verstehen als bei einer Verkürzung der
Reformgeschichte auf die Jungtürkische Revolution und die späteren
Atatürkschen Reformen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die
antimodernistischen Potentiale in der Gesellschaft bildeten sich schon
damals heraus und sind z.T. bis heute virulent oder zumindest wieder
funktionalisierbar als Teil des ›gesellschaftlichen Gedächtnisses‹ der
türkischen Kultur (z.B. in den Re-Islamisierungsbestrebungen, die ja
vor allem auch soziale Bewegungen sind), die Verlierer der Modernisierung
bestimmte dieser Prozess auch schon in der Tanzimat-Epoche: vor allem die
ländlichen Gebiete und die Regionen außerhalb der Hauptstadtbereiche, der
Peripherisierung unterworfen, unter ökonomischen und
Partizipationsdefiziten leidend, von der Marginalisierung bedroht und
zunehmend vom den im Modernisierungsprozess sich entwickelnden Zentralstaat
legitimierenden türkischen Nationalismus unterworfen, der als kulturelles
Oktroi verstanden und durch separatistische Nationalismen bekämpft wird.
Noch stärker geht
Taner Akçam in seinem Referat über „Verwestlichungsprobleme des Osmanischen
Reiches" auf die Inhalte des Zivilisationsprozesses ein, der von
Kürşat-Ahlers als sozialer Prozess des Auf- und Abstiegs und der sich
verändernden Machtbalancen geschildert wurde. Akçam stellt den Einschnitt,
den die Tanzimat-Reformen in der türkischen Gesellschaft bewirkte in einen
größeren Zusammenhang historischer Erfahrungen, die letztlich ein
spezifisches Selbstbild des Türkischseins bestätigten. Damit wird ein
Bogen von den Tanzimat-Reformen zurück zu den Ursprüngen des Osmanischen
Reiches und vorwärts zur Gegenwart der Türkischen Republik geschlagen, der
den Transformationsprozess als Wechsel der Zivilisation erlebbar gemacht hat
und der damit in seinen Inhalten bist heute umstritten geblieben ist.
Als Schicksal des
Türken in der Selbstwahrnehmung der türkischen Gesellschaft wird
primär erlebt das Anderssein gegenüber einer oft als feindlich
wahrgenommenen Umwelt und die damit verbundenen historische Zumutung,
deswegen selbst anders werden zu müssen. Das ist schon zumindest als
historische Projektion zutreffend für die Zeit der türkischen
Völkerwanderung nach Westen, die die Türken zur Aufgabe des Nomadismus und
zur Annahme des islamischen Glaubens veranlasste. Das ist – historische
Zwischenstufen hier ausblendend – auch für die Zeit der Tanzimat-Reformen
zutreffend wie für die türkische Gegenwart, die die Option einer
europäischen Integration zumutet oder zumindest als Konzept denkbar werden
lässt. Der Ferman, der die Tanzimat-Reformen einleitet, bedeutet einen
Wechsel der Zivilisation oder er bedeutet in anderer Wahrnehmung das
‚Erreichen eines zeitgemäßen gesellschaftlichen Standards‘. Diese
unterschiedliche Auffassung hängt mit dem jeweiligen Bild vom Westen
zusammen, dessen Einflüsse in den Reformbestrebungen gesehen werden. Ist
‚der Westen‘ die bedrohliche fremde Kultur, die der türkische oktroyiert
werden soll oder zeigt er den Standard dessen, was gesellschaftlich wie
technisch-ökonomisch auch für die Türkei erreichbar sein kann – aus eigener
Kraft.
Der Westen ist
zeit der gemeinsamen Geschichte das Andere, zu dem ein
widersprüchliches und problematisches Verhältnis besteht. Bis zum 18.
Jahrhundert, d.h. bis zu Sultan Selim II., galten die christlichen
Länder als kulturell minderwertig. Mit ihnen waren keine Verträge auf
der Basis der Gleichheit und Gleichberechtigung zu schließen. Dabei gab es
zeitweilig durchaus ‚bewundernde Imitationen‘, die mit der gleichzeitigen
europäischen ‚Turkomania‘ („Die Entführung aus dem Serail") korrespondiert,
jeweils vom Reiz des exotischen getragen, aber nicht um echtes Verständnis
bemüht. Im 18. Jahrhundert begann dann aber langsam die Übernahme
technischen Wissens, die begleitet wurde von ‚Minderwertigkeitskomplexen‘,
deren gesellschaftliche Verdrängung und Tabuisierung emotionale Wurzel des
späteren Antimodernismus wurde. Die Modernisten im 19.
Jahrhundert anerkannten zunehmend – oft getragen von aufrichtiger
Bewunderung – die Überlegenheit des Westens; Sympathien waren für die
westliche Kultur damit jedoch nicht verbunden. Der Gegenschlag dazu war das
Anwachsen nostalgischer Stimmungen auch unter den Intellektuellen und
Kulturträgern, die einem fiktiven ›goldenen Zeitalter‹ – das oft mit Sultan
Süleyman Kanunî verbunden wurde – nachtrauerten und eine
›Reproduktion der Vergangenheit‹ als türkische Renaissance
anstrebten.
Dieser
Modernisierungsprozess im Osmanischen Reich unterscheidet sich nach Akçam
ganz deutlich von der Verbürgerlichung des Westens, in dem eine
Machtablösung des Adels stattfand und sich für die Gesellschaft langsam eine
neue ökonomische Basis – der Industrialismus – entwickelt. Im Osmanischen
Reich geht die Modernisierung von Oben aus – über die Gründe dafür wurde
schon einiges ausgeführt. Die Inhalte des damit verbundenen
Zivilisationsprozesses im Westen orientieren sich an den Bedürfnissen der
neuen bürgerlichen Gesellschaft; die zentralistisch-höfische Kultur wird
abgelöst und Individualisierungs- und Partizipationsprozesse dominieren die
weitere Entwicklung.
Akçam beschreibt
diese Entwicklung nun nicht primär als sozialstrukturellen Vorgang, sondern
als eine Entwicklung und Veränderung des öffentlichen Diskurses.
Bezeichnend ist es ja, dass für die Tanzimat-Reformen seitens der politisch
Handelnden keinerlei inhaltliche Begründungen oder ideologische
Legitimierungen angeboten wurden. Das politische Handeln entsprang
unmittelbar der interessengeleiteten Einsicht und Entscheidung des
Herrschers. So musste sich der öffentliche Diskurs über die Reformen
ebenfalls auf die Funktion der Reformen für den Staat konzentrieren.
Im Kontext mit der traditionellen Selbstwahrnehmung der permanenten
Zumutung des Anderswerdenmüssens konzentrierte sich der Diskurs sehr
bald auf die Frage nach der anzustrebenden neuen kollektiven Identität.
Dies geschah unter der eher banal erscheinenden Frage „Wie kann man den
Staat retten?", denn dass er grundsätzlich und immer in seiner Existenz
bedroht und von Feinden eingekreist sei, gehört zu dem schon erörterten
türkischen Selbstbild.
Da die
Massenbasis für die Aufnahme der Modernisierungsimpulse fehlte, musste die
die Modernisierung ermöglichende gesellschaftliche Homogenisierung durch
staatliche Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden. Im Gegensatz zum Westen, wo
die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols – so problematisch seine
Realisierung auch erscheint, betrachte man nur die ›Waffenlobby‹ in den USA!
– vor allem der Befriedung der Gesellschaft diente und das staatliche Recht
die privaten Fehden, Rachezüge und Ehrenhändel ersetzte und überflüssig
machte (oder besser: machen sollte), führte der Homogenisierungsdruck im
Osmanischen Reich zu einer Unterdrückung der Peripherien und zu einem
verstärkten zentralen Herrschaftsdruck, damit auch zunehmend zur
Ausschließung aus den Diskursen über die Modernisierung. Das Interesse bei
der Beurteilung der Modernisierung konzentrierte sich im Zentrum folglich
auf den Staat, in den Peripherien auf die Bewahrung der Eigenheit;
der Diskurs der kollektiven Identität bezieht sich im Zentrum auf den
Staat, seine Zentralgewalt und letztlich, wie es auch den Zielen dieser
Modernisierung entsprach, auf die Durchsetzung einer Staatsgesellschaft.
In den Peripherien entwickeln sich dazu Alternative Diskurse des
Widerstandes, des Traditionalismus und des separatistischen Nationalismus.
Dies verbindet
sich mit dem nachfolgenden Diskurs der Fortschrittlichkeit, wobei
wiederum Staatsverwaltung und später die Wirtschaft gemeint war. Diese
Konzentration auf den Staat und die staatliche Herrschaft – die die
mangelnde Ausbildung einer tatsächlich staatstragenden Staatsgesellschaft
kaschierte – führte zu einer inhaltlichen Füllung der vom Zentrum
angestrebten neuen kollektiven Identität, die sich auf die
Gruppenidentität – als Türke oder als Staatsbürger – stützt, sich
vorzugsweise mit dem Staat nach außen abgrenzt, und vernachlässigt die
Entwicklung der Individualrechte, der Menschenrechte und der Demokratie, die
im Zentrum der westlichen bürgerlichen Gesellschaftsideologie stehen.
Von der
›Tanzimat‹-Periode zur Jungtürkischen Revolution
Die
Modernisierungsschübe und die politischen Kämpfe um die Modernisierung und
Verwestlichung, die das Bild des Osmanischen Reiches im 19. und beginnenden
20. Jahrhundert prägten, sind gerade auch in Hinblick auf die am Ende
stehende Herausbildung einer autoritär-zentralistischen Herrschaftsordnung
in der Türkischen Republik mit offensichtlichen politischen Partizipations-
und Liberalitätsdefiziten in Bezug auf ihren immanenten Prozess- und
Konfliktcharakter in sich verschiebenden Machtbalancen etwas genauer zu
untersuchen.
W. Braune
beschreibt die Wende von einem intendierten westlich-liberalen
Modernisierungsschub als Grundlage der Jungtürkischen Revolution 1908 zu
einer zentralistisch-autoritären Staatsideologie seit 1909 – nach der
gescheiterten Konterrevolution von Sultan Abdülhamid II, der dann
unter Hausarrest gesetzt wurde – wie folgt: „Unter dem Druck der modernen
Ideen im Balkan waren sie (d.h. die jungtürkischen Offiziere und Rebellen,
Anm. G.V.) gezwungen, ihre modernen liberalen Prinzipien schnell aufzugeben,
und die unglücklichen Kriege mit dem Verlust von Tripoli an Italien und
nahezu des ganzen europäischen Besitzes trieben sie in einen autoritären
türkischen Nationalismus."
Bassam Tibi
weist, W. Braune folgend, auch darauf hin, dass die abstrusen Ideen des „Panturanismus",
die zunehmend – wohl als ex-post-Legitimierungen zu verstehen – die
Jungtürkische Ideologie prägten, wiederum eine Übernahme westlicher
Ideologeme war und den rassistischen Vorstellungen des französischen
Historikers Léon Calum folgten, die parallel zu lesen sind mit den
gleichzeitigen Ausbildungen eines naiv-biologistischen Rassismus im 19.
Jahrhundert, der sich in Europa mit nationalstaatlichen
Legitimierungsideologien zum Pangermanismus, Panslawismus oder aber im
Osmanischen Reich zum Panturanismus und weiter südlich zum Panarabismus
verband.
In diesen
Ideologemen des 19. Jahrhunderts sind bis heute noch – beliebig
funktionalisierbare – Ressourcen des ethnifizierten Nationbegriffes und der
ethnischen Kultur- und Abstammungsideologien zu finden, die z.B. das
deutsche Staatsbürgerschaftsrecht (begründet auf das ›jus sanguinis‹) ebenso
prägen wie verbreitete völkische Ideologien in fast allen europäischen
Nationen – zunehmend eben auch in der Türkei seit der Jungtürkischen
Revolution.
In mehrfacher
Hinsicht ist damit auch die jungtürkische Modernisierungspolitik als
typische soziale Bewegung der Semiperipherie zu verstehen, bei der
inadäquate – in der Ausprägung oft die kontextuellen sozialen und
politisch-kulturellen Akzente und Verständnisse verschiebende – Übernahmen
von Modernisierungsstrategien und Legitimationsmustern zu beobachten sind,
die dadurch von außen gesehen oft „aufgesetzt", wenn nicht anachronistisch
wirken, weil sie nicht den autochthonen, in die Krise geratenen
Gesellschaftsstrukturen, sondern den Bedingungen der Dependenzstrukturen des
Weltsystems gehorchen, dabei zu den sozialen und politischen
Teilhabeansprüchen der Bevölkerung, die sich mit der Modernisierungshoffnung
verbinden könnten, in Widerspruch geraten, und daher in dem Maße, in dem sie
sich von sich segmentierende Sozialgruppen als Oktroi wahrgenommen werden,
zu immer stärker zentralistischen Herrschaftsdurchsetzungen und zu immer
autoritär-konservativeren Legitimierungsideologien gezwungen werden: die
Modernisierungsprozesse schaffen sich ihre antimodernistische Opposition
selbst.
Die Parallele zur
heutigen Situation in der Türkischen Republik mit ihrem
Südostanatolienkonflikt drängt sich auf; diese geht noch weiter, als es der
erste Blick vermuten lässt, wenn man den Zusammenhang der Jungtürkischen
Modernisierungs- und Zentralisierungspolitik mit dem gleichzeitigen
Armenienkrieg – der mit Massakern und Massendeportationen bis nach Deir
es-Zaur am Euphrat im heutigen Syrien die einheimische armenische
Bevölkerung dezimierte und der erste Völkermord dieses Jahrhunderts gewesen
ist (mit wohlwollender technischer Beratung und Hilfe des Deutschen Reiches
unter Wilhelm II, wie kürzlich aufgefundene Dokumente aus dem
Auswärtigen Amt erweisen) – untersucht.
Ohne hier ins
Einzelne gehen zu können, sollte doch auch hier die Aufmerksamkeit auf die
unlösbare Interdependenz zwischen den Verschiebungen der weltpolitischen
Machtbalancen und den Deformationen der staatlichen Binnenstrukturen in den
peripherisierten Regionen gelenkt werden. Im Falle Armeniens ist die
weltpolitische „intervenierende Variable" der andauernde Macht- und
Einflusszonenkonflikt des Osmanischen Reiches mit dem zaristischen Rußland.
Eine besondere
Eigenheit dieses Konfliktes ist es, dass er zwischen zwei Ländern
stattfinden, die mit dem ökonomisch-politischen Aufstieg der
westeuropäischen Mächte in gleicher Weise einem sich verstärkenden
Peripherisierungsdruck ausgesetzt sind, dem mit den überkommenen
imperialen, vorstaatlichen Strukturen nicht erfolgreich zu begegnen ist, und
der in immer drängenderer Weise eine innergesellschaftliche Modernisierung
erforderlich macht.
Solange aber – in
beiden Ländern – keine soziale Trägerschaft für die notwendige
Modernisierung entstanden ist, muss Herrschaftserhalt in traditioneller Weise
entweder durch außenpolitische Machtgewinne, und das heißt in dieser Zeit:
durch gewonnene Kriege und durch territoriale Ausweitung, oder durch
verstärkte innere Oppression und ökonomische Ausbeutung erfolgen, die
schnell an objektive Grenzen gelangen wird und in schon geschilderter Weise
die Binnenperipherisierung und die Marginalisierung der Rand- und
ehemaligen Ressourcengebiete einleitet.
Fassen wir die
Ergebnisse unserer Überlegungen zur Modernisierung des Osmanischen Reiches
zusammen, ergeben sich fünf Thesen:
1.
Die
Notwendigkeit einer Modernisierung wurde nicht von einer breiteren
Bevölkerung erkannt und getragen, sondern von Teilen der Oberschicht in
einer temporären Interessenkoinzidenz zwischen dem Sultan [Selim III.,
1789-1807; Mahmud II. (‚der Reformer‘), 1808-1839; Abdulmecid, 1839-1861,
1838 Tanzimat-Reformen, 1856 Hati Humayun; Murad V., 1876] und Teilen des
Militärs – der eine in der Einsicht des drohenden Staats- und
Herrschaftserhaltes und der Notwendigkeit, sich zumindest partiell den
höfischen Loyalitäten und Intrigen zu entziehen, die anderen in der
Erfahrung der militärischen Unterlegenheit des Osmanischen Reiches in den
zurückliegenden Kriegen –; nur langsam kam eine zivile Mittelschicht bzw.
untere Oberschicht hinzu, die sich vor allem aus im Ausland ausgebildeten
jungen Männern, die für die erweiterte staatliche Zentralverwaltung
vorgesehen waren, rekrutierte.
2. Mahmud II.
versuchte dies, ohne ausdrücklich eine zivilisatorisch-politische
Überlegenheit der westeuropäischen Länder anzuerkennen – er hielt im
Gegenteil die Bevölkerung zur strikten Einhaltung der koranischen Regeln
an –, wurde aber trotzdem von einer entstehenden antimodernistischen
Opposition als vom Westen abhängiger gâvur, Giaur, Ketzer
gebrandmarkt. Damit wird eine ideologisch legitimierte, aber
sozialstrukturell begründete gesellschaftliche Segregation bis hin zum
Entstehen antagonistischer konkurrierender Eliten eingeleitet; die
Legitimierung der Modernisierung – mit dem mehr oder weniger zögerlich
anerkannten – Ziel der Transformation des Osmanischen Reiches in einen
Nationalstaat und der Homogenisierung der Gesellschaft zu einer
Staatsgesellschaft erfolgte durch die Implantation des türkischen
Nationalismus, der noch zunächst als – contradictio in reo –
›Osmanischer Nationalismus‹ erschien, mit der Konfrontation der
gleichermaßen nationalistisch legitimierten regionalen Separatismen und
Befreiungsbewegungen zu einem auf ein noch zu schaffendes türkisches
Staatsvolk Nationalismus transformierte.
3. Dieser
nationalstaatliche Kern der Modernisierungsakte, der in einer späteren
Reformphase von der Jungtürkischen Revolution aufgegriffen und zum Primat
der Politikbegründung gemacht wurde, legitimierte einerseits die
zentralstaatlich motivierte gewaltsame Homogenisierung der regional
außerordentlich differenzierten Bevölkerung des Osmanischen Reiches,
provozierte damit aber gerade auch die separatistischen
Gegen-Nationalismen – griechische Befreiungsbewegung, serbischer
Nationalismus, Panslawismus unter der Führung Russlands, arabischer
Nationalismus uns Separatismus – und legte damit die Grundlage für die bis
heute politisch und sozial virulenten Konflikte, Ethnizismen und
Bürgerkriege im Nahen Osten wie auf dem Balkan.
4. Innergesellschaftlich sind die Modernisierungesschübe fundiert in
Veränderungen der Machtbalancen und in sozialen Auf- und
Abstiegsprozessen. Die Veränderungen der sozialen Chancen in der
Gesellschaft bedingen die ideologische Legitimierung und Identifikation
der Antimodernisten, die sich vor allem aus den niederen ulema,
den Angehörigen der traditionalen Oberschicht und den ländlichen Aǧas
rekrutieren, der Modernisten, die sich vor allem in der mittleren
Heereshierarchie und in der wachsenden Beamtenschaft finden lassen, der
Staatsspitze um Sultan und ›Pforte‹, die je nach temporärer
Interessenkoinzidenz der einen oder anderen Seite zuneigen und damit ›das
Zünglein an der Waage‹ für die Chancen einer Durchsetzung von
Modernisierungszielen sein konnten, sowie schließlich die breiten
städtischen und ländlichen Unterschichten, in die zu der Zeit der
Modernisierungsimpuls einer zivilisatorischen Veränderung in Richtung auf
die Herausbildung einer Staatsgesellschaft noch nicht
›durchgesickert‹ ist und um deren Einbeziehung Modernisten wie
Antimodernisten mit den Mitteln der Ideologie – nationalistische
Integration gegen die Rückbesinnung auf die überstaatliche umma
muhamadja – und der Anwendung einerseits staatlicher Gewalt –
Einbeziehung in zentralstaatliche Gesetzes- und Verwaltungsordnungen –
andererseits der Mobilisierung traditioneller lokaler und religiöser
Loyalitätsgeflechte konkurrieren.
5. Damit war
der Keim für einen labilen Wechsel von Reformphasen und
‚konterrevolutionären Politik- und Staatskonzepten‘ [Sultan Mustafa IV.;
Sultan Abdulaziz; Sultan Abdülhamid II.] bis in den erste Weltkrieg hinein
gelegt. Ein konsistentes, widerspruchsfrei umsetzbares Modernisierungs-
und Homogenisierungskonzept hat die Türkei auch nach den viel tiefer
einschneidenden Atatürkschen Reformen, die eher als Revolution zu
charakterisieren sind, bis heute nicht entwickeln können, kann dies wohl
auch nicht unter den Bedingungen eines Staates der Semiperipherie und vor
dem Hintergrund der in der Zeit des Osmanischen Reiches entstandenen
sozialen und regionalen Desintegration und Binnenperipherisierung.
Weiterführende Fragestellungen
Wie jede
historisch-gesellschaftswissenschaftliche Darstellung endet auch diese
zeitlich und regional offen und mit einigen nicht beantworteten
Problemstellungen. Für die wissenschaftliche Bearbeitung des Themas der
Modernisierungsschübe im Osmanischen Reich des 18. bis zum beginnenden 20.
Jahrhunderts scheint es mir – auch als Ergebnis der vorgelegten Überlegungen
– von ausschlaggebender Bedeutung zu sein, dass eine reine Fakten- und
Staatsgeschichte die komplexe und widersprüchliche Entwicklung nicht
hinreichend erklären und verständlich machen kann.
Andererseits
scheint auch eine reiner materielle Sozialgeschichte, die entweder die
generelle sozioökonomische Situation einer vorindustriellen,
›orientalischen‹ Gesellschaft betonen wird oder sich auf die Herausbildung
der sozialen Hierarchien vor allem im städtischen Bereich mit dem Augenmerk
auf die langsame Ausdifferenzierung neuer Mittelschichten konzentrieren
kann, in der Gefahr sein, einfach ›westliche‹ Schichtvorstellungen und
sozioökonomische Periodizierungen auf die Türkei zu übertragen, ohne die
sozialen Antriebe adäquat fassen zu können.
So scheint mir
ein im Prinzip dialektischer Ansatz, wie er hinter den Überlegungen dieses
Aufsatzes steht, weiter zu führen: einerseits die äußere Einbindung der
Türkei, des Osmanischen Reiches, in die Strukturen eines ›Weltsystems‹ zu
untersuchen, um dabei zu einer prozessualen Perspektive zu gelangen, die die
Peripherisierung und die Entwicklung der europäischen Semiperipherien in
den Vordergrund stellen wird, andererseits die innere Entwicklung des Landes
als Teil eines spezifischen Zivilisationsprozesses zu verstehen, der durch
labile Machtbalancen, soziale Auf- und Abstiegsprozesse und im konkreten
Falle durch eine zunehmende soziale und regionale Desintegration zu
kennzeichnen ist.
In diesem
analytischen Rahmen wird die Bedeutung der implantierten westlichen
Modernisierungsmuster einschließlich des Nationalismus und der
Nationalstaatsidee erkennbar und auch in den typischen Unterschieden zur
mittel- und westeuropäischen Entwicklung erklärbar.
An dieser Stelle
sollte die zunehmende Ethnifizierung des Nationalstaatsgedankens, über deren
Wurzeln und Rahmenbedingungen schon einiges gesagt worden ist, an Hand der
Quellen genauer untersucht und inhaltlich differenziert werden; unser Bild
war hier zugegebenermaßen stark vereinfacht und eher ‚holzschnittartig‘. Vor
dem Hintergrund der Bedeutung des derzeitigen ›Revivals‹ ethnizistischer
Ideologien und Politiklegitimationen ist eine differenzierendere
Untersuchung der sozialen und historischen Rahmenbedingungen für den
gefährlichen Kontext zwischen Nationalstaatsidee und Ethnizismus notwendig
und könnte am Beispiel der Türkei genauer ausgeführt werden.
Vor allem aber
muss an anderer Stelle die Brücke zur türkischen Moderne geschlagen werden,
deren Ansatzpunkte im Text exkursorisch skizziert worden sind, die aber
gerade in Hinblick auf die krisenhaften Entwicklungen der türkischen
Nachkriegsgeschichte seit 1945 von großer Bedeutung ist, auch mit dem Ziel,
die Limitationen und Potentiale politischen Handelns in der heutigen Türkei
genauer beurteilen zu können. Folgende Themenkreise lassen sich aus den
dargestellten historisch-soziologischen Zusammenhängen für die Gegenwart
bearbeiten:
Þ Die Rolle des
Militärs als ‚Hüter des Kemalismus‘ in Staat und Gesellschaft und die
zeitgeschichtliche Einordnung der Politikinterventionen des Militärs nach
1945.
-
Die Marginalisierungsprozesse und die
Binnenmigration; Probleme der ländlichen Bevölkerung und der städtischen
Elendsgebiete (Gecekondus).
-
Die Minderheitenprobleme und die regionalen
Separatismen (Südostanatolienkonflikt, PKK).
-
Die Funktion der europäischen Semiperipherien und die
Perspektive einer Integration der Türkei in die Europäische Gemeinschaft.
-
Die Chancen und Risiken des westlichen
Demokratiemodells in der heutigen Türkei.
-
Die Türkei und ihre islamische Nachbarn:
innergesellschaftliche und regional-nahöstliche Einflussfaktoren auf die
Tendenzen zur Re-Islamisierung in der Türkei und die politischen Chancen
der REFA-Partei.
Es wird deutlich,
dass die historisch-soziologische wie auch die politologische Arbeit am Thema
Türkei noch viele Fragen offen lässt, dass dies aber angesichts der schnellen
Veränderungen in der Türkei selbst, deren Entwicklungsdynamik umgekehrt
proportional zur politischen Steuerungsfähigkeit der gesellschaftlichen
Prozesse steht, zu immer neuen Fragen und Problemen führt.
Inhalt
Krise an der Peripherie Europas?
Thesen
zur Problematik der heutigen Staatsgesellschaft in der Türkei
Der Verlust der
Grundlagen des Imperiums im 16./17. Jahrhundert
Staatskrise und soziale Desintegration
Die
historische Situation: Das Aufkommen der Einsicht in die
Modernisierungsnotwendigkeiten.
Tanzimat: Die
›Reform von Oben‹ und der Beginn des türkischen Nationalismus
Kontroverse
Auffassungen zur geschichtlichen Bedeutung der ›Tanzimat‹ – Reformen
Von der
›Tanzimat‹-Periode zur Jungtürkischen Revolution
Weiterführende Fragestellungen
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