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Curriculare Konsequenzen
Zusammenfassung
Literatur
Ausgangspunkt der Überlegungen soll eine
erstaunliche Beobachtung sein, die bei spontanen Befragungen im
Kollegenkreis immer wieder gemacht werden kann: Angesprochen auf die
Bedeutung des Lernbereichs »Dritte Welt«, äußern sich Fachlehrer der
Geographie, Geschichte und Politik fast übereinstimmend überzeugt von der
überragenden Wichtigkeit dieses Themas für die heutige Zeit und, dass
Lehrplan und Schulbücher noch längst nicht genug Raum für die
Entwicklungsländer einräumen. Insistiert man weiter und fragt nach den
Gründen für diese Einschätzung, stößt man auf Verlegenheit, ausweichende
und unklare Antworten, ja Verwunderung über die Frage selbst. Einige
spontane Antworten sollen das Spektrum kennzeichnen: Kenntnisse über
andere Kulturen und den Kulturwandel vermitteln, allgemeine
Sensibilisierung für gesellschaftliche Probleme erreichen, Erkennen von
»Zusammenhängen«, Verständnis für die Probleme der »Weltgesellschaft«
wecken, fachliche Kenntnisse erlernen, Reflexion von Werten und
Vorurteilen, Forderung nach politischen Handlungsmöglichkeiten und
Engagement aufstellen ...
Gemeinsames Kennzeichen vieler Antworten ist
das Ausweichen auf sprachliche Leerformeln und Floskeln, die die
Unsicherheit der Antworten deutlich machen. Gleichwohl können die meisten
Antworten in durchaus sinnvolle pädagogische Zusammenhänge eingeordnet
werden, die es in Hinblick auf das Referatthema zu überprüfen gilt. Eine
vorläufige Systematisierung ergibt vorherrschend drei Gruppen von
Begründungen für das Thema »Dritte Welt«:
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1. |
Ziele, die sich mit Allgemeinbildung,
mit bürgerlicher Weltkunde umreißen lassen wie: |
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● |
traditionelle Länderkunden, |
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● |
Probleme und Bedeutung bestimmter Regionen, |
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● |
Kenntnis von Weltproblemen und Konflikten. |
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2. |
Ziele, die humanitäre Betroffenheit begründen
sollen. |
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3. |
Ziele, die die Bedeutung der »Dritten
Welt« für unsere eigene Entwicklung aufzeigen sollen, wie: |
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● |
Rohstoff- und Wirtschaftsinteressen werden
berührt, |
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● |
Nord-Süd-Probleme im Rahmen der
ideologischen und machtpolitischen Ost-West-Konflikte. |
Übereinstimmendes Merkmal ist zunächst, dass
alle drei Kategorien gesellschaftliche Wertmaßstäbe und Interessen zur
Begründung des Stoffangebotes in der Schule bemühen. Jeder eignen sich
dabei spezifische Gefahren und Missbrauchsmöglichkeiten:
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1. |
Die Zielsetzung Weltläufigkeit zeichnet
sich durch Maßstabslosigkeit aus; ein Kriterium für die Rangfolge
»wichtiger Inhalte« lässt sich in einer pluralistischen Gesellschaft nicht
mehr finden, es sei denn, man setzt sich dem Vorwurf manipulativer,
herrschaftssichernder Bildungsideologien aus. |
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2. |
Humanitäre Zuwendung ist prinzipiell
positiv zu beurteilen; als Basis für Lernprozesse ist sie jedoch nicht
tragfähig. Man beobachte nur, wie schnell Mitleid und Mitempfinden je nach
(oft fragwürdiger) Information »umkippt« und wie zufällig und z.T.
manipuliert dieses Interesse sich über die Krisengebiete der Welt
verteilt. Die inhumane Asylantenhetze ist nur ein widerliches Beispiel
dafür. |
|
3. |
Ausgehen von eigenen Interessen ist
eine Grundforderung der heutigen Pädagogik. Aber welche Naivität verbirgt
sich hinter der Anschauung, ökonomische und politische Interessen des
Staates wären ohne weiteres als Interessen des einzelnen Schülers
wahrzunehmen; oftmals sind sie. nur Gruppen- und Herrschaftsinteressen.
Die demokratisch wünschenswerte Interessenidentität musste sich zunächst
einmal legitimieren. |
Das verständliche Ausweichen auf
gesellschaftliche und staatliche Interessen in der Begründung des Themas
»Dritte Welt« ist ein Hinweis auf das vorhandene Defizit an Betroffenheit
für den einzelnen Schüler, ja für den einzelnen Staatsbürger überhaupt.
Das äußert sich bei Rückfragen bei den Schülern ganz deutlich, oft
bestätigt durch Elternäußerungen, wenn nicht gerade ein gymnasiales
Mittelschichtmilieu eine andere Bewertung in den Vordergrund rückt, wobei
dem Thema »Dritte Welt« ein deutlich geringerer Stellenwert eingeräumt
wird. Das Mobilisierungspotenzial für die Probleme der Entwicklungsländer
ist recht gering und muss von außen induziert werden. Darin liegt das
Kernproblem der didaktischen Umsetzung. Das heißt jedoch nicht, dass die
Schüler »Dritte-Welt-Themen« prinzipiell uninteressant fänden, im
Gegenteil, auf der phänomenologischen Ebene ist ein recht schnell
ansprechendes Interesse leicht zu wecken, weswegen ja länderkundliche
Berichte, wenn sie anschaulich sind, gerne als Einstiegs- und
Motivationsphasen benutzt werden. Nur drückt sich hier keineswegs das
Interesse aus, was sich in den Begründungen des Themas für den
Schulunterricht durch die befragten Lehrer feststellen ließ.
Das Schülerinteresse ist mit dem Schlagwort
»Exotik« und »Abenteuer« zu umreißen. Die psychologischen Hintergründe
dieser Interessen, besonders in der Pubertät, sollen hier nicht näher
aufgerollt werden, es genügt der Hinweis, dass sich in der Zuwendung zur
Exotik Verdrängungsprozesse eigener unbewältigter Konflikte manifestieren,
dass – hier auch ideengeschichtlich – in der Figur des »guten Wilden« eine
Projektion eigener tabuisierter Bedürfnisse und in der Figur des
»Barbaren« oder »Unterentwickelten« die uneingestanden Angst vor der
Verletzlichkeit der eigenen Person und Identität ausdrückt. Unreflektiert
diese Schillerbedürfnisse zu befriedigen und sie als »Sachmotivation« zu
verkennen, hieße, der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität
zuzuweisen. Die Naivität, mit der sich die Schulgeographie diesem
Motivationskonflikt zuwendet, erfordert m.E. ein Überdenken der Rolle
dieses Faches im Gesamtcurriculum.
Diese einleitende Situationsdarstellung lässt
sich wie folgt zusammenfassen:
|
1. |
Die fachliche Begründung des Themas »Dritte
Welt« für den Schulunterricht ist diffus und nicht hinreichend. |
|
2. |
Die Manipulationspotenziale innerhalb
der Themenvermittlung sind nicht hinreichend deutlich erkannt und daher
gefährlich. |
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3. |
Eine unkritische Wertevermittlung geht an den
unmittelbaren Schülerbedürfnissen wie auch den Aufgaben der Schule vorbei. |
So, entsteht schließlich die Gefahr der
schieren Reproduktion gesellschaftlicher Vorurteile im
Geographieunterricht, die mit einigen Stichworten nur kurz angedeutet
werden sollen und die an anderer Stelle ausführlicher zu erörtern sind:
|
1. |
Eine kulturelle Überlegenheitslegende wird
vermittelt. |
|
2. |
Die historische Perspektive wird
eurozentrisch verzerrt (vgl. Leiris,
1977, S.53 ff.; Ki-Zerbo,
1979, S.23 ff.). |
|
3. |
Ein auch innergesellschaftlich
wirksamer ethnisch-rassischer Vorurteilskomplex wird aktiviert (vgl. Gottschalch, 1977, S.35 ff.;
Malcolm X, 19689 S.172 f.). |
|
4. |
Es entsteht ein industriegesellschaftlicher
Entwicklungsbegriff, dessen Normierung auch innergesellschaftlich die
Suche nach nicht- oder nachindustriellen Perspektiven einschränkt (die
daran anknüpfende umfangreiche Literatur über Ökologie und Industriekultur
soll hier nicht aufgeführt werden). |
Die Behandlung des Themas »Dritte Welt« ohne
kritische Berücksichtigung der genannten Gefahren wäre ein
antiaufklärerischer Akt, der den Verfassungsgeboten und den Schulgesetzen
zuwider läuft.
Dass diese Gefahren durchaus ernst zu nehmen
sind, zeigen die Schulbuchkritiken z.B. von Fohrbeck,
Wiesand,
Zahar,
1971, oder von Meueler, Schade, 1977, deutlich. Eine
Analyse von neuen Rahmenrichtlinien ist ebenfalls nicht unergiebig.
Die niedersächsischen Rahmenrichtlinien Klasse 7-10 Erdkunde lassen jede schülerbezogene
Begründung vermissen; für sie soll Geographie mit „geographischen
Gegebenheiten“ vertraut machen und „auf der Grundlage des heutigen
Wissensstandes“ ein „ausbaufähiges Bild der Erde vermitteln“. Im
Vordergrund der Lernziele stehen Kenntnisse und Fähigkeiten, die
affektiven Grundlagen bleiben vage und unzureichend begründet und kennen
als einzige Zieldimension die »Bereitschaft«.
Das magere Gerippe der Inhaltsangebote für die
einzelnen Klassen lässt keinerlei Reflexion über Motivationen und
Schülerbezüge erkennen. In den Lernzielen taucht diese Dimension überhaupt
nicht mehr auf. Vielleicht ist noch das beste, was man über diese RRL
sagen kann, dass sie in ihrer unspezifischen Art genügend Freiräume für
verantwortungsbewussten Unterricht lassen. Das soll nun keineswegs ein
Vorwurf gegen die Verfasser der RRL sein; der Vf. kennt die Arbeit in
RRL-Kommissionen zu gut – er war an den RRL Erdkunde für die Sek. II
beteiligt, die auch nicht grundsätzlich anderes bieten –, als dass er nicht
wüsste, dass die Vorgaben und Arbeitsbedingungen, vielleicht auch die
Erwartungen, die an RRL gestellt werden, ein anderes Ergebnis nicht
zulassen. Die Gefahr soll nur aufgezeigt werden, dass die im rechtlichen
Bereich vielleicht notwendigen Defizite in das Selbstverständnis der
Fachkollegen übertragen werden, die die fachdidaktische Diskussion nicht
im vollen Umfange verfolgen können.
Wie sieht es mit der Motivationsproblematik
in der didaktischen Fachliteratur aus? Prinzipiell spiegelt sich das
aufgezeigte Dilemma auch hier, wenn es auch eher, wie in den Richtlinien
durch Nichtbehandlung umgangen, denn expressis verbis angesprochen wird.
Didaktische Kommentare zu Schulbuchausgaben – mit denen der Fachlehrer
zunächst konfrontiert wird – (z.B. zu »Welt und Umwelt«, Westermann, oder
»Terra/Geographie«, Klett) behandeln naturgemäß grundsätzlich didaktische
Probleme nur am Rande. Schülerbezogene didaktische Ansätze finden sich vor
allem – durch die Themen selbst provoziert – in der Kommentierung z.B. von
siedlungs- und bevölkerungsgeographischen Inhalten an deutschen
Raumbeispielen. Dort, wo dieser Ansatz selbst Probleme aufwirft, bleibt er
ausgeklammert. Die Stofflegitimation erschöpft sich in der Erörterung der
Sachrelevanz im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Motivation wird –
wenn überhaupt – subjektivistisch als Wecken von aktuellem
Unterrichtsinteresse verstanden.
Dabei wird das schon angesprochene Problem, ob
z.B. vordergründige Exotik- und Abenteuerinteressen als sozialpsychische
Projektionen und Verdrängungen nicht eher die sachgerechte Erschließung
des Problemfeldes »Dritte Welt« verhindern, als dass sie eine tragfähige
Unterrichtsgrundlage darstellen würden nicht hinreichend berücksichtigt.
Dabei kann ein kritisches Aufgreifen des Exotikbedürfnisses, das ja eine
psychische Realität ist ein sehr gutes didaktisches Prinzip sein, wenn der
Schüler sich selbst in den Mittelpunkt der Reflexion gestellt sieht und
wenn nicht Exotik als »billiger« Aufhänger benutzt wird. Das verlangt aber
über das eigentlich Fachliche hinausgehende pädagogische Kompetenz.
Zwei zusammenfassende Thesen sind das Ergebnis
der Überlegungen:
|
1. |
Die gängige »Aufhänger«– oder »Einstiegsphasen«-Didaktik missbraucht Schülerbedürfnisse in manipulativer Weise und verstellt einen
tiefer greifenden Zugang zu Themen wie »Dritte Welt«. |
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2. |
So unbestritten die Meriten der Geographiedidaktik vor allem in Hinblick auf die Entwicklung
schülerzentrierter Methoden – Exkursionen, Geländearbeit, Projekte – sind,
so deutlich sind ihre Defizite im Bereich der schülerzentrierten
Legitimation von Inhalten und Einsichten. |
In der älteren Fachdidaktik finden sich kaum
Ansätze einer kritischen Reflexion über die Betroffenheit der Schüler
durch geographische Problemstellungen. Auf einen Literaturbericht dazu
will ich hier verzichten; Hinweise finden sich dazu u.a. in Schramkes
Paradigmengeschichte, 1975. Bezeichnend ist nur dies Beispiel soll hier
angeführt werden, dass in der Festschrift für Karl Fick, 1977, und im
Folgeband »Schulgeographie heute« gerade die Motivationsproblematik
ausgespart bleibt oder höchstens bei
Bauer, S.133 ff., als
Motivation des Geographen und Lehrers, Geographie zu betreiben,
verstanden wird. Einige neuere Arbeiten versuchen hier jedoch einen Wandel
einzuleiten. Zunächst wieder der Hinweis auf die Kommentierung von
praxisnahen Unterrichtsmodellen:
Einen besonders interessanten Ansatz findet
die Unterrichtseinheit »Mit welchem Recht?«, 1980, von Dörr, u.a., einer Gruppe von praktischen Entwicklungshelfern,
die ihre eigene Lebenssituation, ihre Betroffenheit in den
Unterrichtsentwurf einbringen und dem Schiller vermitteln wollen.
Motivation läuft hier vor allem auf der Ebene der personalen
Identifikation Parallelen finden sich sicher auch immer dann, wenn der
Geographielehrer selbst Praxiserfahrung in der »Dritten Welt« vorweisen
kann, die er in Unterricht umsetzt. Ihren Ansatz beschreiben die Autoren
wie folgt (S. 13):
„Bildungsarbeit auf dem Gebiet der
Unterentwicklung muss gegen einer Berg von Vorurteilen und Klischees
ankämpfen ... Statt Zusammenhänge zu erklären und die Strukturen der
Unterentwicklung aufzuklären, werden lediglich die Erscheinungsformen von
Unterentwicklung zur Behandlung des Themas herangezogen. Auch im
Bildungsbereich wird das Wissen darüber, dass die gewaltsam betriebene
Unterentwicklung der sog. ‚Entwicklungsländer‘ Folge und Bedingung der
Entwicklung der europäischen Handels- und Wirtschaftszentren war,
erfolgreich verdrängt.“
Die eigene moralische Motivation der Verfasser
wird hier sehr deutlich gemacht. Wie überträgt sich das auf den Schüler?
Wieder die Autoren des Buches (S.15):
„Grundsätzlich zeigte sich... immer Interesse
der Schüler an entwicklungspolitischen Fragestellungen. Dieses Interesse
verharrte jedoch immer oder fast immer im emotional-konsumentenhaften
Bereich ... Der motivierende Effekt der Geschichten allein erwies sich als
zu kurzfristiger Impuls und das mehrheitliche Schülerinteresse verfluchte
zusehends, wenn die Schüler merkten, dass nicht ein Abenteuer aus einem
exotischen Land auf sie wartete.“
Diese praktische Erfahrung bestätigt unsere
Ausführungen über die mangelnde Tragfähigkeit der Exotikmotivation. Der
Schritt zu echten Betroffenheit muss gefunden werden. Die
Unterrichtsmaterialien des BMZ, die von der Sache her viele interessante
Anregungen bieten und den meisten Lehrern bekannt sind, liefern in diesem
Bereich keine Hilfe.
Ist Betroffenheit nun mit »Solidarität« mit
der »Dritten Welt« zu umschreiben? Theo Rauch schreibt dazu (in:
»Geographie als politische Bildung«, 1978, S.251):
„Die Realität zeigt auch, dass Lernprozesse und
gesellschaftliches Handeln auch ohne die Grundlage eigener Erfahrung,
allein basierend auf Solidaritätsgefühlen zustande kommen können.
deutliches Beispiel hierfür scheint mir der Vietnamkrieg zu sein ...
Grundlage des ist hier weniger die gemeinsame Interessenlage, sondern der
Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und der Realität, die aus
der Erfahrung solcher Widersprüche resultierende Empörung über Unrecht.“
Dies Zitat zeigt jedoch deutlich, dass die
Maßstäbe, nach denen das Empörungspotenzial gemessen wird, dass die
Anlässe, an denen sich Empörung entzündet, gesellschaftlichen
Voraussetzungen und der Aufbereitung in den Medien unterliegt; es zeigt
gleichermaßen, dass hier vor allem die informierte Mittel- und Oberschicht
angesprochen wurde und wird, die Träger der studentischen Protestbewegung
der 60er-Jahre wurde. Als allgemeine Unterrichtsvoraussetzung dürfte diese
»Solidarität« wohl kaum in Frage kommen.
Wie setzt sich nun die Fachdidaktik mit den
aufgezeigten Problemen auseinander? Rolf
Gutte (Motivation und Lernen,
in: Metzler HGU, l982, S. 214 ff.) kritisiert den schon erwähnten
oberflächlichen Motivationsbegriff:
„Wichtigste Bedingung für eine dauerhafte
Lernmotivation liegt nach den Erkenntnissen der Motivationspsychologie im
Lerninhalt selbst. In der Geographie wird dies zuweilen missverstanden,
wenn z.B. Hinweise auf ‚interessante‘ Themen wie das Leben bei den
Eskimos, Pygmäen etc. erfolgen: Motivation durch Exotik der Lerninhalte.
... hier liegt ein anderer Gedanke zugrunde: Lerninhalte selbst werden auf
die zukünftige Lebenspraxis der Schüler bezogen. Schüler sind bereit, sich
zu engagieren, wenn die Sache, der Lerngegenstand für ihre gegenwärtige
oder absehbare zukünftige Lebenspraxis von Bedeutung ist.“
Hier tritt das Dilemma des Themas »Dritte
Welt« in aller Klarheit zutage. Marianne
Gronemeyer (Dritte Welt in
der Schule, in: »Zur Methodik des Lernbereichs Dritte Welt«, 1977, S. 59)
führt aus:
„Das Problem, mit dem jede Curriculumplanung
zum Lernbereich »Dritte Welt« zu tun hat, ist die Frage: ‚Wie kann das
Ferne nahegebracht werden?‘ und das nicht nur im geographischen Sinne. Wie
kann die objektive Betroffenheit von Dritte-Welt-Problemen als subjektive
Betroffenheit konkretisiert werden, in einem Lernbereich, in dem –
kollektiv und individuell – erhebliche Anstrengungen unternommen werden,
um Betroffenheit zu vergessen: besser gut verdrängt, als immer dasselbe
schlechte Gewissen.“
Die Autorin zieht daraus die folgenden
Konsequenzen:
„Solange Schule und Lehrer sich gewissermaßen
zum Sachwalter des allein relevanten und zukunftshaltigen
Erfahrungspotenzials erklären, wird der Schüler in einen Kampf um seine
schiere Existenz verwickelt, in den auch die Verarbeitung des
Nicht-Akzeptiert-Seins gehört“ (S.65) ... „Die Kluft zwischen
Erfahrungsbestand und Interessenniveau des Schülers einerseits und dem
Stoff inhärenten Anspruch auf eine bestimmte Qualität der Bearbeitung
andererseits ist nicht dadurch zu überwinden, dass man den
Interessenbegriff beliebig ausweitet und dann zum Auswahlkriterium für
Lerninhalte nicht macht, woran
die Schüler augenblicklich interessiert sind, sondern woran sie
interessiert sein sollten.“
(S.67).
Gronemeyer sieht als Lösungsansatz den Versuch, im weitesten Sinne
»Erfahrungen« der Schüler zur Grundlage der didaktischen Inwertsetzung zu
machen, ohne dass dieser Erfahrungsbegriff hier schon hinreichend
konkretisiert wäre. Auf welche Schülererfahrungen kann der Unterricht zu
»Dritte-Welt-Themen« zurückgreifen? Aus welchen Lebensbereichen stammen
diese Erfahrungen? Schmidt-Wulffen,
1981, II, S. 7, schreibt dazu:
„Will man die Wahrnehmung der Schüler in den
Unterrichtsprozess einbeziehen, muss man davon ausgehen, dass gegenwärtige
Wahrnehmung durch vorangegangene Erfahrungen beeinflusst wird ... Es
geneigt ferner nicht, Erfahrung auf bloßes Faktenwissen zu reduzieren
oder auf räumliche Erfahrungen einzuengen. Wird Wahrnehmung von der
umfassenden Umweltwahrnehmung auf räumliche Umweltelemente reduziert –
etwa in einer missverständlichen Verabsolutierung der Feststellung
Geipels von dem ‚ständigen
Umgang des Kindes und des Erwachsenen mit räumlichen Erfahrungen‘ (Fichtinger u.a., o.J., S. 4), werden die Möglichkeiten der
Wahrnehmungsorientierung zerstört und bei falschen Voraussetzungen
lediglich zum Vehikel geographischer Fachvorstellungen gemacht.“
Aber
Schmidt-Wulffen zeigt
auch einen ersten Ansatz, um den Widerspruch zwischen Lernerfordernissen
und Problemstruktur des Themas aufzulösen:
„Probleme der ‚Dritten Welt‘, sind in den
seltensten Fällen Schülern durch persönliches Erleben bekannt. Dennoch
werden sie wahrgenommen: Durch Gespräche im Elternhaus, in Jugendbüchern,
Film und Fernsehen, ja sogar durch Produktwerbung. Es dürfte so gut wie
ausgeschlossen sein, dass solcherart vermittelter Erfahrung die ‚Dritte
Welt‘ im Licht metropolitaner Einbindung darstellt. Da Wahrnehmung nicht
nur den Vorgang des passiven Aufnehmens meint, sondern einen aktiven
Erkenntnisprozess, erhalten wahrgenommene Erscheinungen bzw. Gegenstände
über die ‚Dritte Welt‘ in den Augen der Schüler eine Bedeutung, die die
Funktion dieser Gegenstände im bestehenden Wirtschafts- und
Gesellschaftssystem wiedergibt (vgl. Wenzel/Schulze-Goebel,
1978, S.2) ... Beispiele belegen, dass es einen grundlegenden Unterschied
zwischen objektiver Umwelt / subjektivem Raum und subjektiv Erlebtem gibt.
Die Diskrepanz zwischen Subjektivem und Objektivem bedarf der
Problematisierung.“
Fassen wir bis hierhin zusammen:
|
1. |
Das Thema »Dritte Welt« ist dadurch
gekennzeichnet, dass es sich weitgehend den persönlichen Erfahrungen von
Lehrern und Schülern entzieht; eine unmittelbare Betroffenheit ist daher
in der Regel nicht festzustellen. |
|
2. |
Vorhandenes subjektives Interesse
unreflektiert als Basis der didaktischen Strukturierung anzunehmen,
greift zu kurz und verliert sich in manipulativen Gebrauch vorhandener
Exotik- und Abenteuerbedürfnisse. |
|
3. |
Der Schule die Rolle als allwissender Richter
über zukünftige Lebensbedürfnisse zuzuerkennen, bedeutet, den Schiller in
eine rezeptive Haltung des Nicht-Akzeptiert-Seins zu drängen. Eine
tragfähige Motivation ist darauf nicht aufzubauen. |
|
4. |
Das Bild der »Dritten Welt«, verstellt
von einer Vielzahl interessengeleiteter Vorurteile, Fehldeutungen und
Wertungen, ist Bestandteil der eigenen politischen Kultur und als solcher
sowohl repräsentativ für die Struktur des politischen Bewusstseins
insgesamt, als auch selbst politische Handlungen und Wertungen
induzierend. |
Die Bedeutung des Themas »Dritte Welt« für den
Schüler liegt gerade darin, dass er im Rahmen einer kritischen Arbeit am
Thema mit seinen eigenen Vorurteilen, seinem Sozialverhalten, den
Charakteristiken seiner politischen Bildung konfrontiert wird.
Es ist sicher nicht zufällig, zieht man die
politischen Entwicklungen in unserem eigenen Land in Betracht, dass fast
gleichzeitig mit dieser Tagung zwei weitere Seminare zum Thema »Dritte
Welt« die schulische Bedeutung des Themas vor allem in der Chance der
Reflexion der eigenen politischen Kultur und Identität gesehen haben und
daraus bestimmte didaktische Prämissen ableiteten:
Zum Einen: Dass auch die Politikdidaktik sich
unserem Thema verstärkt zuwendet, zeigt der Forschungsschwerpunkt »Dritte
Welt« am Seminar für Politikwissenschaft in Göttingen. In einer Tagung für
Hochschulangehörige, Studenten und Lehrer auf dem Sonnenberg im Harz Ende
September 1982 zum Thema »Der Friede und die Dritte Welt im Unterricht«
wurde u.a. als Ergebnis festgehalten (zitiert nach dem Abschlussbericht des
Seminares):
„Als ‚friedenspädagogisches Konzept‘ wurde ...
vor allem ein doppelgleisiger Ansatz entwickelt, der auf der einen Seite
die Einheit der Sachprobleme und politischen Konfliktlagen
(Friedenssicherung, historische und ökonomische Dependenz, Kontakte und
Konflikte) postuliert und auf der anderen Seite davon ausgeht, dass das
Problem »Dritte Welt« unabhängig von schulischer Vermittlung ein
Bewusstseinsinhalt und politischer Konfliktstoff in unserer eigenen
Gesellschaft ist, dem sich der Schüler nicht entziehen kann und der auf
der anderen Seite, als Indikator der politischen Kultur, Merkmal von
politischen Verhaltensmöglichkeiten wie Vorurteilen ist. Dies ist die
Grundlage einer politikdidaktischen Umsetzung.“
Und ich möchte hier hinzufügen: einer
geographiedidaktischen ebenso.
Als
Zielkategorien für den Unterricht wurden auf dieser Grundlage genannt:
-
Veränderungen im Alltagsverhalten des
Schülers,
-
Konsumgewohnheiten ändern (familiäre Aspekte
berücksichtigen!),
-
Eine andere Einstellung zur Natur und zur
Nahrung finden,
-
Sensibilität in sprachlicher wie
verhaltensmäßiger Hinsicht z.B. beim Umgang mit Ausländern entwickeln,
-
Veränderung von Denkweisen und Wahrnehmungen,
-
Kritische Haltung gegenüber
Informationsvermittlung in Medien,
-
Wahrnehmung von Interaktionszusammenhängen,
-
Kritikfähigkeit entwickeln auch gegenüber dem
eigenen gesellschaftlichen System,
-
Veränderung der Handlungsbereitschaft,
-
Fähigkeit zum kollektiven Handeln in der
Schule entwickeln,
-
Fähigkeit, politische Verantwortung zu
übernehmen,
-
Bereitschaft zur Mitarbeit in
außerschulischen Gruppen, wie »Dritte-Welt«-Gruppen,
Entwicklungsinitiativen, amnesty international.
Zugespitzt wurde dies zu drei grundlegenden Forderungen an die Schule, die
den innergesellschaftlichen Aspekt des Themas betonen:
-
Schule darf sich nicht nur als
organisatorischer Rahmen für die Unterrichtsversorgung verstehen, sondern
muss als gesellschaftliche Organisation bereit sein, politische
Verantwortung zu übernehmen.
-
Die Schule muss die Gelegenheit bekommen,
selbst politisch aktiv zu werden um sich z.B. an Dritte-Welt-Aktionen zu
beteiligen oder solche selbst zu initiieren.
-
Die Schule muss das Problem der
Ausländerintegration als ihre ureigenste politische Aufgabe verstehen und
in ihrem Bereich zum Abbau von Aggressionen, Vorurteilen und
Diskriminierungen beitragen.
Die zweite oben angesprochene Veranstaltung
war das Jahrestreffen der UNESCO-Schulen vom 28.-30.10.82 in Hildesheim.
Die Schulen setzten sich als Projektthema 1982/83 die Auseinandersetzung
mit dem Islam. In der Tradition dieser Organisation sollen
schulische Projekte initiiert werden, die fächerübergreifend und
öffentlichkeitswirksam – ganz im Sinne der eben genannten Forderung und
hier sogar mit Unterstützung der Kultusminister! – ein internationales
Thema umsetzen sollen. Das diesjährige Thema ist sowohl Bestandteil
unseres Themas »Dritte Welt« als auch exemplarisch in seiner didaktischen
Problemstruktur für das übergreifende Themenfeld.
Es gibt kaum einen Deutschen, so wurde
übereinstimmend festgestellt, keinen Schüler und keinen Lehrer, der nicht
bestimmte, oft inhaltlich diffuse und affektiv besetzte Vorstellungen über
den Islam hätte, oft verknüpft mit Vorurteilen z.T. aggressiver Art über
Türken und Araber. Die mangelnde Information über die zugrunde liegenden
Sachverhalte wie auch über die psychosoziale Verankerung der Vorurteile
und ihre Funktion in unserer Gesellschaft provozieren eine manipulierte
Realitätssicht und damit nur sozialschädliche und unangemessene
politische und alltägliche Handlungsperspektiven für den Einzelnen. Da
sich diese indoktrinierte und ideologische Realitätsverfälschung nicht nur
auf den Problemgegenstand selbst (»Islam« oder »Dritte Welt«) bezieht,
sondern mit einer Fehlbeurteilung der eigenen Identität verbunden ist,
ist die kritische Aufarbeitung unverzichtbarer Auftrag an die Schule, d.h.
vor allem an den Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen und
wertvermittelnden Fächern.
Welche didaktischen Prinzipien lassen sich
daraus ableiten?
Bezogen auf den Islam sinngemäß übertragen
aber auch auf das Thema »Dritte Welt«, hat auf der erwähnten UNESCO-Tagung
der nordrhein-westfälische Religionsdidaktiker Udo
Tworuschka einige Thesen
formuliert, die in Auszügen wiedergegeben seien:
|
1. |
Grundlage ist die Orientierung am Alltag. Die
Alltagsgestalt des Islam, über die bei Schülern und Lehrern nur ein
diffuses Bild besteht, ist Ansatz der Betrachtungen. |
|
2. |
Filme, Fernsehen und Comics vermitteln vor
allem ein negatives Bild des Islam. Medienkritisches Arbeiten ist
Voraussetzung. |
|
3. |
Die regionale Reichweite des Islam muss
verdeutlicht werden. |
|
4. |
Quellengrundlage sind vor allem
Selbstdarstellungen des Islam. Leitfrage: Findet sich der Muslim in der
Darstellung wieder? |
|
5. |
Eine primär kognitive Vermittlung reicht nicht
aus. Der Alltag in Einzelschicksalen weckt Betroffenheit, wenn er mit den
Alltagserfahrungen der Schüler in Verbindung gebracht werden kann. |
Diese didaktischen Überlegungen haben
weitreichende Konsequenzen für den Unterricht. Schülerbedürfnisse,
Alltagsorientierung, medienkritischer Zugang verbieten lehrer- und
schulbuchorientierter Unterrichtsstil und verweisen auf die vielfältigen
Möglichkeiten des Projektunterrichts. Es ist nicht die Aufgabe meines
Referates, didaktische Folgerungen in aller Breite zu erörtern; so sei
bezugnehmend auf das Referatsthema nur eine These zur Diskussion gestellt:
Die mangelnde unmittelbare Betroffenheit durch
das Thema »Dritte Welt« und die vielfältigen gesellschaftlich bedingten
Motivationsbarrieren verbieten eine unterrichtliche Umsetzung nach
üblichem Muster, konzentriert auf Lehrervortrag, Schulbuch und begleitende
Medien; projektorientierte, selbstständige, in der Tendenz
interdisziplinäre Arbeitsformen sind unverzichtbar; nur durch eine dem
Schüler erkennbare Handlungsperspektive können die Motivationsschranken
überwunden werden. Das geht nur, wenn das Thema mit allen seinen Bezügen
und Parallelen in den Alltag des Schülers einbezogen wird.
Die Betrachtung der effektiven Dispositionen
des Schülers, seiner Motive, sich auch »Dritte-Welt«-Themen zuzuwenden
oder sie abzulehnen, seine Vorurteile gegenüber Ausländern und
Minderheiten, seine eurozentrischen Beurteilungsperspektiven, die auf sein
Selbstverständnis zurückwirken, hat gezeigt, wie schwierig es ist, einen
schülerorientierten didaktischen Ansatz für den Unterricht über die
»Dritte Welt« zu finden. Traditionelle Motivationsstrategien greifen zu
kurz. Doch stößt diese didaktische Perspektive an praktische Grenzen: Die
komplexe affektive Verankerung des Themas kann zwar im Rahmen von
längerfristigen Projekten umgesetzt werden, bei der einzelnen
Unterrichtseinheit dürften die organisatorischen, vor allem zeitlichen
Rahmenbedingungen eine hinreichende Berücksichtigung der Forderungen der
schülerzentrierten Didaktik, die über eine reine Wissensvermittlung
hinausgeht, erheblich erschweren.
Hier greifen nun die im Referatthema
angesprochenen curricularen Perspektiven. »Dritte-Welt«-Themen können und
dürfen nicht als isolierte Unterrichtsgegenstände behandelt werden,
sondern müssen in ein übergreifendes Curriculum eingebunden werden.
Solange der eigentlich erforderliche fächerübergreifende Anspruch des
Themas aus verschiedenen Gründen kaum realisiert werden dürfte, muss
versucht werden, in einem geographischen Curriculum die »Dritte-Welt«-Themen
so mit Themen aus der eigenen Umwelt es Schülers zu verknüpfen, dass
sinnvolle Transfermöglichkeiten hergestellt werden. Die Situation der
Familie, die Lebensverhältnisse und ökonomische Verortung wirft ein Licht
auf vergleichbare Situationen in der »Dritten Welt«; wirtschaftliche
Entwicklungen hier wie dort provozieren die Frage nach vorhandenen
Dependenzen. Der Schüler muss erfahren können, dass das eine Thema ohne das
andere nicht zu verstehen ist; dass Urteilsmaßstäbe für unsere eigene
Situation an der fremden Kultur zu überprüfen und Vorurteile durch den die
eurozentrische Perspektive überwindendenden Vergleich abzubauen sind. Er
muss die Lernsituationen der eigenen Gesellschaft wahrnehmen können:
Kontakte zu Ausländern – Arbeitsmigranten, Asylanten, Ausländer mit
temporären Aufenthalt in der BRD –, Kontakte und Gespräche mit deutschen
Experten, die im Ausland tätig waren, unmittelbares Verfolgen der Waren-,
Dienstleistungs- und Kommunikationsströme mit dem »Dritte-Welt«-Tourismus,
Aufsuchen politischer und karitativer Organisationen, die sich mit der
»Dritten Welt« auseinandersetzen, Besuch von Museen und Sammlungen und
Gespräche über den Wandel in ihrer Konzeption (z.B. das Bremer
Überseemuseum oder die Sammlungen in Berlin-Dahlem); in Ausnahmefällen
lassen sich vielleicht als Abschluss der Arbeit zu »Dritte-Welt«-Themen
auch Studienreisen z.B. in den Nahen Osten oder nach Nordafrika
organisieren?
Als Unterrichtshilfe in der Auseinandersetzung
mit eurozentrischen Perspektiven sei vor allem noch auf die Schule der
französischen Sozio-Ethnographie hingewiesen, die mit Michael
Leiris (Die eigene und die
fremde Kultur) und Albert Memmi
(Der Kolonisierte und der Kolonisator) faszinierende Werke, die als
Unterrichtsquellen geeignet sind, anzubieten hat. Auf die übergreifende
friedenspädagogische Einbindung des Themas »Dritte Welt« wurde schon
weiter oben hingewiesen. Hier eröffnen sich, der Entwicklung der
Friedensbewegung in Deutschland entsprechend, neue, zusätzliche
Motivationspotenziale und affektive Zuwendungen, die sehr positiv zur
Unterrichtsgestaltung beitragen können. Der hohe Stellenwert des Themas
»Dritte Welt« innerhalb friedensdidaktischer Konzeptionen zeigt sich, um
nur zwei Literaturhinweise zu geben, bei
Gronemeyer und den von der GEW vorgelegten Tagungsergebnissen
zur ›Situation der politischen Bildung in Niedersachsen‹.
Abschließend seien die Ergebnisse der
Überlegungen noch einmal in einigen Diskussionsthesen zusammengefasst:
|
1. |
Die traditionelle Geographiedidaktik
gibt keine hinreichende Legitimation zur Behandlung des Themas »Dritte
Welt«; sie verliert die Schüler als Zielgruppe aus dem Auge. |
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2. |
Traditionelle Motivierungsstrategien greifen
zu kurz und sind inhaltlich unangemessen. |
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3. |
Das Bild der »Dritten Welt« ist
Bestandteil der eigenen politischen Kultur und damit urteils- und
verhaltensrelevant. |
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4. |
Aufgabe der Schule ist es, zur
Überwindung von Euro- und Ethnozentrismus beizutragen, der vor allem
durch seine affektive Komponente (Motivationsbarriere) bedeutsam ist. |
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5. |
Didaktische Ansätze finden sich |
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im Rückgriff auf die vorhandenen
Schülererfahrungen, |
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● |
das Ernstnehmen subjektiver
Schülerbedürfnisse, |
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Behandlung des Themas auf der Ebene der
Alltagserfahrungen, |
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● |
mit dem Maßstab des zugeneigten Verstehens, |
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● |
im Bewusstsein der Einheit der
Problemstrukturen. |
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6. |
Als Methode bietet sich das projektorientierte
Lernen an; interdisziplinäre Vorgehensweisen sind wo immer möglich
anzuwenden; die Einbeziehung originärer personaler Kontakte und
Informationsmöglichkeiten wird vorausgesetzt. |
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7. |
Das Thema »Dritte Welt« verlangt die sichere
curriculare Einbindung in einen geographischen Lehrplan, der überall den
effektiven Voraussetzungen der Schüler zugewandt ist und Transfer- und
Integrationsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen thematischen
Schwerpunkten erlaubt. |
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Quelle: Vortrag
bei einer »Entwicklungspolitischen
Tagung« des »Verbandes Deutscher Schulgeographen«, e.V., vom 1. -
3. 11. 1982 im Reichstagsgebäude in Berlin. {1982: Dr. H. W, Friese 1.
Vorsitzender; Referat für Öffentlichkeitsarbeit: B. Wilhelmi}- (Heute -
2009 - vgl. Link zum
Verband Deutscher Schulgeographen / Vorstand)
Dokument
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