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V./5-6 Die Einstellungsgruppen in der Stichprobe
Zusammenhängende Fragekomplexe
5.
Die
Zuordnung der Fragebögen zu den Itemgruppen
Zunächst einmal fällt auf, dass sowohl die Anzahl der
Itemgruppen, denen sich ein bestimmter Fragebogen zuordnen lässt, von Fall zu
Fall grundsätzlich verschieden ist und von einem völligen Fehlen einer
Zuordnungsmöglichkeit bis hin zu fünfzehn parallelen Gruppenzuordnungen bei
überhaupt nur 19 vorhandenen Itemgruppen reicht. Da sich einige Itemgruppen
durch die Definition des Stammitems (28, 36 oder 52) gegenseitig ausschließen,
wird deutlich, dass es bestimmte Antwortstrukturen geben muss, die sich leicht
eingliedern lassen und andere, die sich einer Einordnung widersetzen. Eine
inhaltliche Überprüfung bei den Fragebögen selbst ergibt dabei, dass
sprunghaft-unlogische Antwortfolgen, dass das vorwiegende Ankreuzen der in der
Auszählung deutlich werdenden Minderheitsmeinung und die konsequente
Verweigerung eindeutiger Aussagen zu einer mangelnden Eingruppierungsfähigkeit
führt. Das aber ist wiederum inhaltlich interpretierbar, deutet dieses
Antwortverhalten, vergleichen wir es mit den Interpretationen zu den einzelnen
Fragen bei der ersten Auszählung, auf einen rational wenig kontrollierten
Themenzugang und eine gängigen positiven Wertnormen eher widersprechende
Einstellung zu den politisch-gesellschaftlichen Problemen der
Dritte-Welt-Thematik hin. Wir gehen nach den ausführlichen Begründungen im
Verlauf dieser Arbeit aber jetzt davon aus, dass damit nicht nur thematisch
gebundene Einstellungen offenbar werden, sondern dass hier deutliche, nicht von
der Schule im Rahmen ihrer Unterrichtsziele entwickelte grundsätzliche
Einstellungsstrukturen erkennbar werden, die wir in den Kontext der Politischen
Kultur hineinstellen.
Methodisch soll diese Ableitung begründet werden in einer
ersten einfachen Statistik der Häufigkeit der Zuordnung zu den Itemgruppen von
Fragebögen, die sich insgesamt nur einmal bzw. zweimal einer Gruppe zuordnen
lassen und daher zu den problematischen Einstellungsgruppen gezählt werden
sollen. Dabei wird sofort eine zweite Auffälligkeit deutlich, dass nämlich nur
ganz bestimmte Itemgruppen dazu geeignet erscheinen, die Zuordnung dieser
„Problemfragebögen“ auf sich zu ziehen; das sind vor allem die Itemgruppen 26,
35, 11 und 22, auf die wir wegen ihrer heterogenen inneren Datenstruktur schon
im letzten Abschnitt hingewiesen haben. Entsprechend den zugeordneten
„Problemfragebögen“ wollen wir sie damit auch als „Problemitemgruppen“
kennzeichnen und zum Kriterium zur Abgrenzung der problematischen
antirational-stereotyopen Einstellungsgruppen benutzen.
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Anzahl der Fragebögen, die nur einer Itemgruppe
zugeordnet sind
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und Nennungen der Itemgruppen bei zweifacher Zuordnung
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nach Itemnummern geordnet
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|
Itemgruppe
Anzahl der zugeordneten Bögen
.
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|
eine Nennung
zum Vergleich: Nennungen
|
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bei zwei Gruppenzuordnungen
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06
0
3
|
|
10
0
0
|
|
11
8
26
|
|
14
1
1
|
|
22 3
16
|
|
23
1
5
|
|
24
4
9
|
|
25
0
0
|
|
26
19
31
|
|
27
0
0
|
|
28c
1
0
|
|
28z
3
7
|
|
35
20
29
|
|
36c
0
0
|
|
36z
0
4
|
|
52z
2
7
|
|
52c
3
0
|
|
54
4
8
|
|
55
1
4
|
|
|
|
insgesamt:
70
150 entspricht 75 Bögen!
|
Aus dieser Übersicht ergibt sich eine unterschiedliche
Qualifizierung der einzelnen Itemgruppen für die Charakteristik der damit
bezeichneten Schülergruppen und ihrer Einstellungsprofile. Da schon in der
Gruppenberechnung und -auswertung festgestellt wurde, dass antirationale und
stereotype (auch aggressive, ausländerfeindliche und autoritär-angstbesetzte)
Einstellungsmuster in sich inkonsistent und z.T. willkürlich ausfransend
erscheinen und sich damit nicht zu rechnerisch konsistenten Itemgruppen
zusammenfassen lassen, muss ihre Ausgrenzung und Gewichtung auf indirektem Wege
erfolgen. Geschlossene rechtsradikal-neonazistische Weltbilder definieren sich
nicht an der Dritte-Welt-Thematik und sind mit dem hier angewandten empirischen
Instrumentarium nicht direkt aus dem allgemeinen „antirational-stereotypen“
Einstellungsmuster auszugliedern. Wir lassen für die Abgrenzung einer „antirational-stereotypen“
Einstellungsgruppe mehrere Kriterien gelten:
|
–
|
nicht mit den gegebenen Itemgruppen zu
erfassen (insgesamt 55 Bögen),
|
|
–
|
nur bei einigen (ein, zwei, drei oder vier)
Itemgruppen erscheinend, wenn diese selbst zu den „Problemitems“ gehören.
|
Bedingt können, mit gewissen Einschränkungen, zu dieser
Gruppe Fragebögen hinzugezählt werden, wenn folgende Kriterien erfüllt werden:
|
–
|
wenn bei nur zweifacher, dreifacher oder
vierfacher Zuordnung zu Itemgruppen nur eine oder, bei mehrfacher Nennung,
höchstens zwei Zuordnungen zu „normalen“ (in sich konsistenten) Itemgruppen
erfolgen.
|
Bei dieser Zuordnung fallen bestimmte Itemgruppen auf, die
zu erkennen sind:
|
–
|
an ihrer inkonsistenten inneren Struktur und
der relativ großen Anzahl der ihr zugeordneten Einzelitems (vgl. Kapitel 5.4),
wobei eine größere Anzahl von Fragebögen subsumiert wird; dabei werden auch
besondere Einzelitems einbezogen, die „atypische“ Antwortprofile aufweisen;
insgesamt haben diese Gruppen bezeichnende Abweichungen von den „normalen
Gruppenprofilen; gerade darum können sie für sich genommen keine ausreichend
distinktive Funktion übernehmen; -
|
|
–
|
an der Häufigkeit, mit der sie Fragebögen in
die Gruppe einbeziehen, die sich sonst der Itemgruppierung verschließen und
bei einer Überprüfung der konkreten Antwortprofile zu den zuvor genannten
«irrational-stereotypen» Einstellungsmustern gehören.
|
Diese Itemgruppen bezeichnen wir als „Problemitemgruppen“.
In unserer Übersicht treten deutlich hervor:
|
Itemgruppen 11, 22, 26, und 35
|
|
Itemgruppen 11, 22, 26, und 35
|
Wegen ihres diffusen Charakters, der sowohl
inhaltlich wie von der Datenstruktur her ein mangelhaftes
Unterscheidungspotenzial erweist, zählen wir auch die Itemgruppen, die sich um
die „Abschlussfragen“ gruppieren, auch wenn sie weniger
Übersicht über die Zuordnung der Fragebögen zu den
Itemgruppen
und Typisierung der Schülergruppen nach Einstellungsmustern
als die zuvor genannten Gruppen inhaltlich den
Stereotypcharakter der zugeordneten Fragebögen belegen können:
|
Itemgruppen 52c, 52z, 54 und 55,
|
die wir im Folgenden als „Zusatzgruppen“ benennen wollen.
Nicht ganz so deutlich, aber in Ansätzen wohl auch noch, wäre auch die
zuzuordnen. Wegen undeutlicher Datenstrukturen klammern wir
sie bei der Ausgliederung der stereotypen Einstellungsmuster jedoch aus.
Die Übersicht über die gegenseitigen Gruppierungen bei den
schon genannten Doppelnennungen (Zuordnung ausschließlich zu zwei Itemgruppen)
bestätigt die Charakterisierung:
|
38
|
Doppelzuordnungen erfolgen ausschließlich
zwischen „Problemgruppen“
|
|
26
|
Doppelzuordnungen umfassen eine
„Problemgruppe“
|
|
9
|
Doppelzuordnungen umfassen zumindest eine
„Zusatzgruppe“
|
|
2
|
Doppelzuordnungen umfassen nur „normale“
Itemgruppen.
|
Letztere spielen bei der Ausgrenzung der stereotypen
Einstellungsgruppen im Folgenden keine Rolle, während die erste, überwiegende
Gruppe der Doppelzuordnungen mit großer Sicherheit dem Kernbereich der oben
charakterisierten «antirational-stereotypen» Einstellungsgruppe zuzuweisen ist.
Die beiden anderen Gruppen fassen wir unter den erweiterten Bereich dieses
Einstellungsmusters, in dem sich noch deutliche antirationale Optionen und
stereotype Potentiale finden lassen, die aber nicht in so eindeutiger Weise
ausgewiesen sind.
An erster Stelle der Doppelzuordnungen liegt die
Kombination der Einbeziehung in die Itemgruppen 26 und 35, die schon bei der
Statistik der Einzelzuordnungen zu Itemgruppen an erster Stelle liegen.
Auf der Gegenseite sind die Itemgruppen 6, 10, 14, 25 und
27, vor allem, wenn eine Zuordnung zu mehreren dieser Gruppen erfolgt, ein
gültiges Kriterium für eine „kritisch-rationale, den Dritte-Welt-Themen
aufgeschlossenen“ Einstellung. Das entspricht auch der Interpretation, die bei
der Auszählung der entsprechenden Stammitems und bei der Charakterisierung
dieser Gruppen selbst gegeben wurde.
Im Folgenden soll nun eine Übersicht gegeben werden über
den quantitativen Stellenwert der Gruppen, die durch die erläuterten
Abgrenzungs- und Gewichtungskriterien für den „antirational-stereotypen
Einstellungstyp“ gebildet wurden:
|
S/K Schule/Klassenstufe |
|
a Anzahl der Bögen, die nicht
in den Itemgruppen auftauchen |
|
b nur in einer Itemgruppe
erscheinend: „Problemgruppe |
|
c
– : normale Itemgruppe |
|
d
– : Zusatzgruppen (50er-Nummern) |
|
e nur in zwei Itemgruppen
erscheinend: zwei „Problemgruppen“ [incl. Zusatzgruppen] |
|
f
– : Problemgruppe/Normalgruppe [incl.
Zusatzgr.] |
|
g
– : Normalgruppe/Zusatzgruppe |
|
h
– : zwei Normalgruppen |
|
i mehrfach nur in
„Problemgruppen“ auftauchend [incl. Zusatzgruppen] |
|
j mehrfach in
„Problemgruppen“ und einmal in Normalgruppe auftauchend |
|
k in drei Itemgruppen
erscheinend: nur „Problemgruppen“ [incl. Zusatzgruppen] |
|
l
– : darunter zwei „Problemgruppen“ |
|
m –
: darunter eine „Problemgruppe“ |
|
n
– : nur in Normalgruppen auftauchend |
|
o Gesamtzahl der Fragebögen
der Schule/Klassenstufe |
|
p Zuordnung zu extremen
Gruppierungen („harter Kern“): Zahl / Prozent von [o] |
|
{p =
a+b+e+i+k} |
|
q Vorwiegende Zuordnung zu
extremen/ambivalenten Gruppierungen: Zahl / Prozent von [o] |
|
{q = c+d+f+g+j+l+m} |
|
r Zusammenfassung der
extremen Potentiale: Zahl / Prozent von [o] |
|
{r = p + q} |
|
S/K a b c d e f g h i j k l m n o p
q r
|
|
B10: 8 2 1 0 2 4 0 0 0
15 4 4 0 0 | 73 | 16 = 24,110% | 24 = 32,877% | 40 = 56,987% |
|
B11: 1 1 0 0 0 1 2 0
1 3 2 0 0 0 | 19 | 5 = 28,947% | 6 = 31,579% | 11 = 60,526% |
|
B12: 1 0 0 0 1 0 0 0
1 2 0 2 0 0 | 19 | 3 = 17,368% | 4 = 21,053% | 7 = 38,421% |
|
B13: 1 3 2 0 2 3 0 0
2 5 1 3 2 0 | 65 | 9 = 15,231% | 15 = 23,077% | 24 = 38,308% |
|
H-B: 11 6 3 0 5 8 2 0 4
25 7 9 2 0 | 176 | 33 = 20,625% | 49 = 27,841% | 82 = 48,466% |
|
H10: 9 10 3 3 3 1 1 0
2 7 4 3 0 0 | 81 | 28 = 38,025% | 18 = 22,222% | 46 = 60,247% |
|
H11: 3 2 0 1 2 3 3 0
0 8 1 4 1 1 | 81 | 8 = 10,864% | 20 = 24,691% | 28 = 35,555% |
|
H-H: 12 12 3 4 5 4 4 0 2
15 5 7 1 1 | 162 | 36 = 24,444% | 38 = 23,457% | 74 = 47,901% |
|
L10:
3 4 0 1 2 3 1 0 3 5 1 4 0 0 | 56 | 13 = 25,536% | 14 =
25,000% | 27 = 50,536% |
|
L11: 0 2 0 0 3 0 0 0
0 1 2 1 0 0 | 17 | 7 = 45,294% | 2 = 11,765% | 9 = 57,059% |
|
L12: 1 3 1 0 2 1 0 0
2 4 2 7 0 0 | 65 | 10 = 16,923% | 13 = 20,000% | 23 = 36,923% |
|
L: 4 9 1 1 7 4 1 0 5
10 5 12 0 0 | 138 | 30 = 23,913% | 29 = 21,014% | 59 = 44,927% |
|
F10: 1 1 1 0 2 1 0 0
0 6 1 1 2 0 | 44 | 5 = 12,500% | 11 = 25,000% | 16 = 37,500% |
|
F12: 2 2 1 2 1 1 1 1
0 4 0 2 0 0 | 31 | 5 = 17,742% | 11 = 35,484% | 16 = 53,226% |
|
F13: 2 1 2 0 0 0 0 0
0 0 0 0 0 0 | 14 | 3 = 23,571% | 2 = 14,286% | 5 = 37,857% |
|
F: 5 4 4 2 3 2 1 1 0
10 1 3 2 0 | 89 | 13 = 16,067% | 24 = 26,966% | 37 = 43,033% |
|
A10: 10 4 0 1 3 3 0 0 2
12 0 3 3 0 | 87 | 19 = 24,023% | 22 = 25,287% | 41 = 49,310% |
|
A11: 2 1 0 0 3 1 0 0
0 3 1 2 0 0 | 19 | 7 = 40,526% | 6 = 31,579% | 13 = 72,105% |
|
A12: 7 5 0 1 2 3 1 1 2
10 1 4 1 0 | 83 | 17 = 22,530% | 20 = 24,096% | 37 = 46,626% |
|
A: 19 10 0 2 8 7 1 1 4
25 2 9 4 0 | 189 | 43 = 25,026% | 48 = 25,397% | 91 = 50,423% |
|
U10: 2 3 0 0 5 3 0 0
0 1 1 5 1 0 | 33 | 11 = 36,667% | 10 = 30,303% | 21 = 66,970% |
|
U11: 2 5 0 1 4 2 0 0
0 3 0 2 1 0 | 48 | 11 = 25,208% | 9 = 18,750% | 20 = 43,958% |
|
U: 4 8 0 1 9 5 0 0
0 4 1 7 2 0 | 81 | 22 = 29,877% | 19 = 23,457% | 41 = 53,334% |
|
Nach Klassenstufen
zusammengefasst: |
|
10: 33 24 5 5 17 15 2 0 7
46 11 20 6 0 | 374 | 92 = 27,059% | 99 = 26,471% | 191 = 53,530% |
|
11: 8 11 0 2 12 7 5 0 1
18 6 9 2 1 | 184 | 38 = 22,717% | 43 = 23,370% | 81 = 46,087% |
|
12: 11 10 2 3 6 5 2 2 6
20 3 18 1 0 | 198 | 36 = 20,000% | 51 = 25,758% | 87 = 45,758% |
|
13: 3 4 4 0 2 3 0 0
2 5 1 3 2 0 | 79 | 12 = 16,709% | 17 = 21,519% | 29 = 38,228% |
|
Insgesamt: |
|
_: 55 49 11 10 37 30 9 2 16
89 21 50 11 1 | 835 | 178 = 23,449% | 210 = 25,150% | 388 = 48,599% |
Wir stellen fest, dass die „stereotypen, antirationalen“
Einstellungsgruppen, die mehr oder weniger stark ausgeprägt sind, in dieser
Übersicht recht deutlich zu erkennen sind. Da die Größenordnung dieser Gruppen
in den Schulen und Klassenstufen im Prinzip vergleichbar ist und vergleichbaren
Tendenzen folgt, ist von der Realität dieser Einstellungsmuster auszugehen. Die
deutlichste Ausgrenzung, nämlich das völlige Fehlen von Bögen in der
Gruppierungsübersicht [Rubrik a] ist für eine Quantifizierung wegen der geringen
Anzahlen nicht brauchbar. Nur zur Abschätzung der Größenordnung dieser
„Kerngruppe“, die sich jeder Eingruppierung entzieht, sollen die Gesamtzahlen
und die Zahlen für die Klassenstufen mitgeteilt werden und die aus ihnen
errechneten Prozentanteile:
|
Klassenstufe 10: von 374 Bögen sind nicht
aufgeführt: 33 = 8,824%
|
|
Klassenstufe 11: von 184 Bögen sind nicht
aufgeführt: 8 = 4,348%
|
|
Klassenstufe 12: von 198 Bögen sind nicht
aufgeführt: 11 = 5,556%
|
|
Klassenstufe 13: von 79 Bögen sind nicht
aufgeführt: 3 = 3,797%
|
|
Gesamtbefragung: von 835 Bögen sind nicht
aufgeführt: 55 = 6,587%
|
Als Ergebnis ist wohl von einer realen Größenordnung
zwischen 6 und 8 Prozent bei Gymnasialschülern auszugehen. Erschreckend ist
jedoch, dass schon die erste methodisch brauchbare Erweiterung der
Zuordnungskriterien, die Auswahl der Fragebögen, die ausschließlich den
„Problemitemgruppen“ zuzuordnen sind, einschließlich der genannten nicht
zugeordneten Bögen Anteile an der Gesamtbefragung von deutlich über 20%
ausmachen; dabei dürfte der Durchschnittswert (ca. 23%) aussagekräftiger sein
als die z.T. bis 40% streuenden Einzelwerte, die wohl bei kleiner Datengrundlage
mangels Signifikanz nicht überbewertet werden sollten. Als Tendenz ist jedoch
mit hinreichender Sicherheit von einer Abnahme der Anteile im Laufe der erfaßten
Klassen- und Altersstufen auszugehen, was wir weniger als Erfolg der
schulischen Bemühungen (bei den entsprechenden Kontrollfragen zum
Schulunterricht finden wir keine bestätigende Tendenz) denn als Reifungsprozess
interpretieren wollen. Das bestätigt sich dadurch, dass der Gesamtanteil der
irrational-stereotypen Einstellungen [p] unter Einbeziehung der weniger
deutlich artikulierten Gruppe [q] im Klassenstufenvergleich weniger deutlich
abnimmt, was wohl auf das Erlernen gymnasial-bürgerlicher Äußerungsformen
zurückzuführen ist. Insgesamt sollte aber, auch wenn dies aus der Umfrage nicht
quantitativ zu extrapolieren ist, der jeweilige Prozentwert eher etwas nach
unter korrigiert werden, da die schuliche Lebenserfahrung sagt, dass immer eine
gewisse Tendenz bei Schülern besteht, in anonymen Befragungssituationen in
gewisser Weise unernst und übertrieben extrem zu reagieren. Doch dürfte die
deutliche Datengruppierung ausschließen, dass dadurch die Befragungsergebnisse
grundsätzlich infrage zu stellen sind.
Hier sollte nachfolgend auf die Kritik an der
„ausschließlichen Zentrierung auf erhebbare Einstellungsdaten“ (Sarcinelli 1986, S. 292) bei der
Bestimmung der Charakteristiken einer Einstellungsgruppierung hingewiesen
werden, einer methodischen Verengung, die als nicht hinreichender
„behavioristischer Reduktionismus“ (Schüssler 1979, S. 351,
Pappi
1986, S. 290) abgewiesen werden kann. Eine Kontrolle der tatsächlichen
Datenreihen der einzelnen hier subsumierten Fragebögen zeigt in Bezug auf die
Einzelfragen, dass die Eingruppierung und ihre inhaltliche Interpretation
gerechtfertigt sind. Die Korrespondenz der den Itemgruppen zugeordneten
Fragebögen zu den entsprechenden Auszählungsprofilen zu den Einzelfragen wurde
mehrfach überprüft und bestätigt; doch soll diese inhaltlich unergiebige
Kontrollrechnung hier nicht im einzelnen wiedergegeben werden. Die Konsistenz
von Antworttypen und Gruppenbildung ist, was nach dem gewählten Rechenverfahren
zu erwarten war, groß und aussagekräftig genug für die inhaltliche
Interpretation der Einstellungstypen.
Auf der anderen Seite der Einstellungsskala interessieren
uns nun vor allem auch die kritisch-rationalen Einstellungsgruppen, die von uns
folgendermaßen ausgegliedert wurden:
Zunächst ist davon auszugehen, dass die Zuordnung zu
Itemgruppen, die in ihrer inneren Struktur hinreichend konsistent sind, die
einen inhaltlich interpretierbaren `set‘ von Einzelfragen integrieren und die
untereinander durch Überschneidungen im Fragenset und in den zugeordneten
Fragebögen verknüpft sind, als Basis für eine Ausgliederung der genannten
kritisch-rationalen Gruppen geeignet sind. In der schon vorgestellten Tabelle
der Itemgruppen, die bei einfacher oder doppelter Zuordnung auftreten, sind das
diejenigen Itemgruppen, die überhaupt nicht oder nur vereinzelt auftreten.
Entsprechend den zugrunde liegenden Einzelfragen, die bei der Gruppenbildung
inhaltlich interpretiert wurden, sind das die
|
Itemgruppen: 06, 10, 14, 23, 27, 28z
|
Die „Zusatzgruppen“ [52, 54, 55] werden bei dieser
Zuordnung ebenso wenig mit einbezogen wie die Itemgruppe 24, die eindeutige
inhaltliche Aussagen nicht mit hinreichender Sicherheit zulässt. Wir
unterscheiden zwei Stufen des „kritisch-rationalen, den Dritte-Welt-Problemen
aufgeschlossen gegenübertretenden Einstellungstyp“, die wir folgendermaßen
bestimmen:
Gruppe A (in
hohem Maße diesem Einstellungstyp entsprechend): Zuordnung zu mindestens vier
der genannten Itemgruppen, kein Überwiegen der Zuordnung zu
„Problemitemgruppen“ (die jedoch wegen ihrer inhaltlichen inneren Heterogenität
durchaus zusätzlich auftreten dürfen) und insgesamt eine höhere Zahl von
Gruppenzuordnungen (meist mehr als 6 Zuordnungen).
Gruppe B (im
Prinzip dem Einstellungstyp entsprechend, jedoch mit geringerem
Integrationsgrad): Zuordnung zu drei der genannten Itemgruppen.
Überblick über die Anteile des kritisch-rationalen
Einstellungstyp:
|
S/K Bögen
Gruppe A
Gruppe B
Gesamtgruppe .
|
|
H-B: 176
36 = 20,455% 22 = 12,500% Summe:
58 = 32,955%
|
|
H-H:
162 25 = 15,432% 16 =
9,877% Summe: 41 = 25,309%
|
|
L:
138 26 = 18,841% 18 = 13,043% Summe:
44 = 31,884%
|
|
F:
89 18 = 20,225% 12 = 13,483% Summe:
30 = 33,708%
|
|
A:
189 29 = 15,344% 29 = 15,344% Summe:
58 = 30,688%
|
|
U: 81
10 = 12,346% 9 =
11,111% Summe:
19 = 23,457%
|
|
Kl.10: 374 55 = 14,706% 40 = 10,695%
Summe: 95 = 25,401%
|
|
Kl.11: 184 32 = 17,391% 18 =
9,783% Summe:
50 = 27,174%
|
|
Kl.12: 198 41 = 20,707% 34 = 17,172%
Summe: 75 = 37,879%
|
|
Kl.13: 79 16 = 20,253% 14 = 17,722%
Summe: 30 = 37,975%
|
|
insg.: 8351 44 = 17,246% 106 = 12,695% Summe: 250 = 29,940%
|
Das Ergebnis ist, sieht man von der durch geringe Anzahl
bedingten nicht signifikanten Schwankungen ab, recht einheitlich und besagt,
dass etwa 15 bis 17% der Schülerinnen und Schüler eindeutig diesem
Einstellungstyp zuzurechnen sind und dass insgesamt etwa ein knappes Drittel
der Schülerschaft noch im weiteren Sinne durch rationale Einstellungen zu
charakterisieren ist. Eine Zunahme in der Altersstufenfolge war hier zu erwarten
und ist prozentual eher geringer als erhofft. So ist auch hier eher von einer
soziokulturell vorgeprägten Einstellung als von einem Erfolg der schulischen
Vermittlungsbemühungen auszugehen, wenngleich die letztgenannte Schülergruppe im
Bereich der Dritte-Welt-Thematik noch am ehesten durch den traditionellen
kognitiv-rationalen Zugriff des Gymnasiums zu erreichen ist. Für unsere späteren
Schlussfolgerungen für eine erneuerte Dritte-Welt-Didaktik ist diese Gruppe
unproblematisch, aber als Gesprächsfaktor und Glied einer nach Rationalität
suchenden diskursiven Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ ein wichtiger Teil
der gesamten unterrichtlichen Situation, die in anderen Schulformen und erst
recht in der außerschulischen politischen Bildung (vgl. Treuheit/Otten 1989) weitaus problematischer sein
dürfte.
6. Fazit der empirischen
Untersuchungsergebnisse
Auf eine feinere oder auch inhaltlich zugespitztere
Gruppenbildung wurde ganz bewusst verzichtet in der Kenntnis der Kritik an
üblichen Jugendstudien, die sich oft zu sehr bemühen, plakative Formulierungen
für die resultierenden Gruppierungen zu finden, die zwar medienwirksam sind,
jedoch eine Einstellungskonstanz und längerfristige klare Abgrenzbarkeit der
gefundenen Gruppierungen suggerieren, die aus den Datensätzen in dieser
Deutlichkeit gar nicht ablesbar sind und den Prozeß- und situationsabhängigen
Kommunikationscharakter von Einstellungsmustern und auch beobachteten
Verhärtungen und Radikalisierungen suggerieren. Die methodische Einrede, es
handele sich um „idealtypische“ Zusammenfassungen können die Kritik nicht
entkräften. Gerade aber bei einer auf didaktische Auswertung zielende
Einstellungsuntersuchung muss das Hauptinteresse auf den Unschärfen, Übergängen
und Entwicklungen von Einstellungsmustern liegen. Eine Kontroverse darüber, ob
die in unserer Untersuchung gefundenen ca. 20 % antirational-stereotyp
ausgerichteten Einstellungsgruppe nicht zu groß gegriffen ist angesichts der in
anderen Untersuchungen gefundenen 10 bis 15 % Jugendlichen mit rechtsradikalen
bis neonazistischen Einstellungsoptionen ist müßig, da sie weder das
pädagogische Problem wesentlich verschiebt noch methodisch belangvoll ist.
Dennoch sollten – um den Stellenwert der erhobenen Daten
abschätzen zu können – nachfolgend die Gruppenergebnisse von Einstellungen in
der gesamten Bevölkerung der BRD im Vergleich angeboten werden, wie sie von
Gluchowski, 1987, S. 18 ff., veröffentlicht wurden:
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Aufstiegsorientierte jüngere Menschen
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10 %
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Postmateriell-links-alternativ eingestellte Jüngere
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5 %
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Linksliberal integrierte Postmaterialisten
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10 %
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Unauffällige, eher passiv eingestellte Arbeitnehmer
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13 %
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Pflichtorientierte, eher konventionsbestimmte
Arbeitnehmer
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11 %
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Aufgeschlossene, anpassungsfähige Normalbürger
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25 %
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Gehobene Konservative
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11 %
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Integrierte ältere Menschen
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11 %
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Isolierte ältere Menschen
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4 %
|
Wir sehen sofort, dass die, recht wenig vergleichbaren
Ordnungskategorien sich kaum zu einem Strukturbild fügen und, wenn auch
interessante, Einzelbeobachtungen zusammenfassen. Was ist denn unter einem
„Normalbürger“ zu verstehen? Eine Anwendung auf unsere Thematik und
Fragestellung scheint wenig ergiebig, vor allem da wir unser Hauptaugenmerk auf
die Stereotypstruktur im politischen Bewusstsein der Bevölkerung richten, die
aus den bei Gluchowski entwickelten
Kategorien nicht erkennbar wird.
Eine Gruppierung anhand von Einstellungen zu einem Thema,
das nicht direkt in den Tabubereich des eigenen politischen Verhaltens in der
sozialen Umwelt zielt, kann leichter latente Verhaltensoptionen aufdecken und
wird daher eher zu einer stärkeren Polarisierung der Ergebnisse führen. Außerdem
ist unsere Untersuchung genauso wenig wie andere Jugendstudien vor jugendlichem
Unernst und spielerischer Überspitzung gefeit, so dass wohl alle ausgeprägten
Radikalgruppen zahlenmäßig etwas reduziert werden müssen, was jedoch die
sichtbar werdende Einstellungstendenz nicht verändert, wie die pädagogischer
Erfahrung und im Umfeld der Untersuchung durchgeführte Einzelfalluntersuchungen
an Lerngruppen bestätigen. Gerade diese Plausibilitätskontrolle aus der
Unterrichtspraxis fehlt von sozialwissenschaftlichen Befragungsinstituten
durchgeführten Untersuchungen (vgl. die oben zitierte Kritik von
Sarcinelli 1986). Dabei kann für unsere Untersuchung abschließend
festgehalten werden, dass die Ergebnisse den Praktiker des politischen und
geographischen Unterrichts zu Dritte-Welt-Themen in ihrer Grundstruktur
keineswegs überraschen und die schon vermutete Reformbedürftigkeit der
Dritte-Welt-Didaktik bestätigen. So kommen wir zu einer kurzen Zusammenfassung
der weitgehend gesicherten Ergebnisse der Empirik, die die Grundlage für die
abschließenden Didaktikkapitel bilden sollen.
Die Ergebnisse der Empirik lassen zwar nur eine begrenzt
differenzierte und aussagekräftige Interpretation zu, die gestützt und
eingebunden werden muss mit Hilfe einer inhaltlichen Plausibilitätsprüfung und
mit Bezug auf die in anderen Abschnitten dieser Arbeit erörterten allgemeinen
Aussagen zum Thema.
Doch sind einige Charakterzüge der empirischen Ergebnisse
deutlich erkennbar und mit den gegebenen Befragungsbedingungen hinreichend
signifikant. Sie bilden eine, wenn auch kaum überraschende Grundlage für die
didaktische Reflexion zum Thema „Dritte Welt“, die im folgenden Kapitel
erfolgen soll.
-
Auf der Grundlage des gewählten
statistischen Verfahrens ist der Kontext zwischen einzelnen Itemgruppen in
Hinblick auf die innere Struktur der Befragungsergebnisse mathematisch
signifikant, so dass von verschiedenen „Itemgruppen“ ausgegangen werden kann,
die sich um ein „Stammitem“ herum gruppieren und verschiedene mögliche
Einstellungstypen kennzeichnen aber durch ihre innere Spannweite alleine noch
nicht personenbezogen festlegen.
-
Die Integrationswirkung der „Stammitems“ ist
unterschiedlich, so dass einheitliche und in ihrer inneren Struktur
konsistente „Itemgruppen“, die sich auf jeweils einen entsprechend
einheitlichen Einstellungstyp beziehen lassen, diffusen und weniger
konsistenten „Itemgruppen“ gegenüberstehen, welche eine größere Anzahl von
Einzelitems zusammenfassen und mehrere unterschiedlich strukturierte, z.T.
sogar dissonante Einstellungstypen mit gleicher struktureller Signifikanz zu
einer Gruppe vereinigen. Diese besonderen „Problemgruppen“ lassen sich aus
der inhaltlichen Struktur der einbezogenen Einzelfragen und ihrer
ambivalenten Bedeutung für die bezogenen Einstellungstypen heraus
interpretieren.
-
Grundsätzlich lassen sich, bestätigt durch
die Zuordnung der Fragebögen zu den Itemgruppen, verschiedene Schülergruppen
mit inhaltlichen Einstellungsgruppen identifizieren:
-
ein Kernbereich von kritisch-rationalen, Dritte-Welt-Problemen zugewandten
Einstellungen, charakterisiert durch die Zuordnung zu mehreren oder allen
konsistenten Itemgruppen, zu denen noch zusätzlich die Zuordnung zu
einzelnen „Problemitemgruppen“ hinzutreten kann [ca. 15-17%]
-
ein weiterer eher rational orientierter, im weiteren Sinne eher
bürgerlich-gymnasial argumentierender Einstellungstyp, bei dem die Grenzen zu
unterschwelligen Vorurteilen und Stereotypen nicht so konzise gezogen sind
wie bei Typ 1., charakterisiert durch nur teilweise Zuordnung zu den
konsistenten Itemgruppen (Stichwert 3) und eine tendenziell gleichstarke oder
etwas überwiegende Zuordnung zu „Problemitemgruppen“ [ca. 18-20%]
-
„Restgruppe“: indifferente Einstellungen, in denen rationale und stereotype
Betrachtungsweisen unzusammenhängend konglomeriert sind; insgesamt
„unaufgeklärtes“ Gesellschaftsbild, das sich keinem der
inhaltlich-rechnerisch definierbaren Einstellungsgruppen eindeutig zuordnen
lässt, andererseits sich Eingruppierungen zu diversen Itemgruppen nicht
grundsätzlich verschließt; vermutlich durch die Schule ansprechbar und durch
DritteWelt-Didaktik formbar; vereinfachte Dritte-Welt-Bilder herrschen vor,
wie überhaupt die vorherrschenden Gesellschaftsbilder durch eine deutliche
Problemreduktion gekennzeichnet sind [ca. 15-20 %]; typisch ist hier wie in
der nächsten Gruppe ein wachsender Konsensbedarf bei zunehmender
Verständigungsschwierigkeit (Edelman 1976)
-
Erweiterter Bereich der überwiegend „antirational-stereotypen, zu
aggressiven Problemlösungen neigenden“ Einstellungen, charakterisiert durch
vorwiegende Zuordnung zu den „Problemitemgruppen“; dabei ist festzuhalten,
dass die Zuordnung zu den Itemgruppen entweder im statistisch definierten
Randbereich (hingenommene Zahl der vom Gruppenstandard abweichenden Antworten)
oder in der bei den „Problemitemgruppen“ vorhandenen Subgruppen des
stereotypen Antwortmusters liegen; hier sind noch nicht offensichtlich
gewordene radikale Potentiale zu finden und rechtskonservative
Lebensstiloptionen zu vermuten; eine Ansprechbarkeit über eine bewusste
„Dritte-Welt-Didaktik“ ist jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen [zwischen
20 und 28% schwankend,im Durchschnitt bei 25%]
-
Kernbereich der „antirational-stereotypen, aggressiven Problemlösungen
zuneigenden“ Einstellungen und Lebensstile, charakterisiert dadurch, dass sich
diese Schülergruppe überhaupt nicht oder nur vereinzelt, und dann nur in den
„Problemitemgruppen“, in den angebotenen Gruppierungszuordnungen wiederfinden
lässt; dabei ist bei eingehender Analyse der individuellen Datensätze nicht
von einer einheitlichen oder konsistenten rechtsradikalen Ideologie dieser
Gruppe auszugehen, bei der sich naiv-rassistische (fremdenfeindliche)
Stereotype [nach mathematisch nicht mehr signifikanten eigenen Schätzungen aus
dem Datengrundmaterial ca. 8-10%], ausdrücklich rechtsradikale
Gesellschaftsbilder [ca. 5-8%] und autoritär-angstbesetzte
Vorurteilshaltungen [10-15%] sowohl individuell wie vor allem auch in der
Gruppenzusammensetzung zusammenfinden; eine genauere Differenzierung dieser
Gruppe über die genannten Schätzungen hinaus, die nur Hinweischarakter
erhalten sollen, wurde mangels statistischer Signifikanz und wegen
struktureller Datenprobleme nicht durchgeführt; als methodische Problem steht
dabei auch im Vordergrund, dass bei jüngeren Schülern hier sicher noch ein
Teil „spielerischer Radikalisierung“ zu finden ist, die sich erst beim
„biographischen Erfolg“ dieser vorläufigen Einstellungsoptionen zu
konstanteren rechtsradikalen Lebensstilen verfestigen kann; diese Gefahr
ist aber offensichtlich unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen
Bedingungen groß und hat bei älteren Schülern vermutlich schon erste
Wirkungen gezeigt; gerade dies ist ein Argument für ein frühzeitiges und
didaktisch neu durchdachtes Zugehen der Schule auf den Schüler und eine
Legitimation für eine unter den belastenden gesellschaftlichen Bedingungen
revidierte Dritte-Welt-Didaktik; je stärker der Verfestigungsprozess der
rechtsradikalen Lebensstiloptionen dieser Schülergruppe vorangetrieben worden
ist, desto aussichtsloser dürften jedoch durch die geringe rationale
Ansprechbarkeit und die mangelnde Kommunikationsfähigkeit dieser Gruppe die
Möglichkeiten der Schule im Rahmen des üblichen Schulunterrichtes sein;
diese Verfestigung ist ein noch nicht schlüssig erklärtes Phänomen, das, wie
es derzeit scheint, relativ unabhängig von sozialer und schulischer
Herkunft zu beobachten ist; vielleicht hilft es weiter, die neonazistische
Gewaltoption und Ausschließlichkeit mit nicht eingelösten „religiösen
Bedürfnissen“ in Verbindung zu bringen und dadurch parallel zu setzen mit
anderen pseudoreligiösen Einstellungen in unserer Gesellschaft, die sich der
„New-Age-Bewegung“, im Matriarchats-Feminismus oder in den florierenden
Sekten bei ebenfalls zunehmender Gewaltbereitschaft bis hin zur Selbstaufgabe
definieren [ca. 25%]
-
Die Altersstufenauswertung zeigt uneinheitliche
Ergebnisse. Die kritisch-rationale Einstellung nimmt zwar mit den
Klassenstufen zu, doch Schulerfolg und persönliche Reifung lassen sich nicht
trennen; durch die geringe Zahl der Dreizehntklässler in der Befragung ist
das Ergebnis hier nur bedingt aussagefähig. Bei den stereotyp-antirationalen
Einstellungen wird die Gesamtgruppe nur geringfügig kleiner, was auf die
gesellschaftlich-biographische Fundierung der Einstellungen hinweist. Doch
ist eine deutliche Verschiebung von der „radikalen“ Äußerung zu den „latenten
Positionen“ hin feststellbar, was unsere Interpretation bestätigt, dass ein
Teil der «Radikalität» auf die reifungsbedingte Suche nach passenden
Lebensstiloptionen und Individuationsunsicherheiten zurückzuführen ist.
Andererseits zeigt sich hier ein „Erfolg“ der gymnasialen Erziehung, der sich
weniger in der Vermittlung von realen Konfliktbewältigungswegen gegenüber der
gesellschaftlichen Umwelt der Schüler ausdrückt als in der Vermittlung
geeigneter, gesellschaftlich angepasster Kommunikationsrituale und -stile und
der Konfliktverdrängung durch Tabuisierung konfliktträchtiger
Verbalisierungen.
-
Die Auswertung eines Schulvergleiches bleibt
problematisch. Die Unterschiede im Anteil des radikal-konservativen
Gesellschaftsbildes zwischen 20% (H-B) und 29% (U) ist wegen der davon
abweichenden Prozentzahl von 24% (H-H) und 25% (A) nicht als
„Stadt-Land-Gefälle“ zu interpretieren, was angesichts der übergreifenden
Verstädterung der Lebensumwelten auch in ehemals kleinstädtischen und
ländlichen Bereichen (wobei nicht so sehr der Schulstandort des Gymnasiums
selbst als der ländliche Einzugsbereich der Schülerschaft maßgeblich sein
dürfte) auch kaum zu erwarten war. Viel eher spielt dabei eine Rolle, dass die
Schule H-B einen hohen Anteil an 12./13. -Klässlern, die Schule U jedoch nur
10.- und 11.-Klässler befragt hat, so dass auch hier wieder die schon
interpretierte Altersstufenentwicklung durchschlägt. Bei den
kritisch-rationalen Einstellungsgruppen schwankt das Ergebnis zwischen 23%
(U) und 33% (H-B) bzw. 34% (F); neben der schon genannten
Altersstufenentwicklung, die hier jedoch wegen der Nennung der
Gesamteinstellungsgruppe, die konsistenter als eine Radikalgruppe sein dürfte,
eine geringere Rolle spielt als bei dem antirational-stereotypen
Einstellungsmuster, sind hier individuelle, schul- oder auch
klassenspezifische Unterschiede sichtbar, die sich in kein übergreifendes
Interpretationsmuster fügen. Ob dies Konsequenzen für den Unterricht haben
müsste, kann nur schulintern geklärt werden.
Die aufgezeigten Probleme werfen einige grundlegenden
Fragen auf. Der Datensatz zeigt, dass zwar in der Gesellschaft bzw. der
politischen Kultur vorgefundene, d.h. historisch herleitbare
Einstellungsoptionen übernommen wurden; doch belegen Jugendstudien, die ein
stärkeres Gewicht auf die attributiven Erscheinungsformen der Jugendgruppen und
ihre symbolischen Acessoires legen (z.B. die
Shell-Studien), dass die äußere Repräsentation der Einstellungen im
gewählten „Lebensstil“ mehr als in der Vergangenheit „originelle, originäre“
Züge aufweist.
Eine einfache „Reflexionsthese“ gegenüber der politischen
Kultur greift damit sicherlich zu kurz. Es ist sinnvoll, hier auf die Thesen
zur Individualisierung von Ziehe
[1991] zu verweisen. Unter anderem unterscheidet er zwei Prozesse der
Individualisierung, die in unserem Zusammenhang aufschlussreich sind:
-
„...Individualisierung als symbolische
Selbstzuordnung: Die Selbstdefinition, die über Geschmacks- und
Selbstinszenierungsmuster feingesteuert wird, ist der Spiegel für das Streben
nach (post-traditionalen) Zugehörigkeiten. Zwar laufen hierfür die
Gewohnheiten und Vorlieben allemal durch sozialstrukturelle Filter, gleichwohl
haben sich die Spielräume für symbolische Stilisierungen erheblich ausgeweitet
und die sozialen Wahrnehmungsmuster entsprechend verfeinert.
Individualisierung heißt nun: Mich – zusammen mit anderen – unterscheiden zu
wollen.
-
Individualisierung als intersubjektiver
Selbstanspruch: Der Selbstentwurf des einzelnen zielt auf eine
fortschreitende Individuierung, die gleichwohl erst aus intersubjektiver
Anerkennung hervorgeht. „Weil mir die anderen Zurechnungsfähigkeit
unterstellen, mache ich mich nach und nach zu dem, der ich im Zusammenleben
mit anderen geworden bin.“ (J. Habermas). Die eigene Identitätsverpflichtung
geht damit über verinnerlichte Sittlichkeit hinaus; das Ichideal selbst sinnt
mir Individuierung an Individualisierung heißt nun: Mich -unter
Anerkennungsverhältnissen- verwirklichen zu wollen.“
Eine zentrale Bedeutung dafür, dass diese
Individualisierung strukturiert verläuft, haben die erwähnten
sozialstrukturellen Filter, die die soziale Wahrnehmung bestimmen. Daher ist
anzumerken, dass auch diese soziale Wahrnehmung selbst symbolische Funktionen
übernimmt. Auf die politische Kultur bezogen sind die gruppenspezifischen
Anerkennungsprozesse ein Teil des geschichtlichen Prozesses in der Dialektik von
Infragestellung und Bestätigung des sozialen Ortes in der Gegenwart.
Ziehe
weist dem einen Individualisierungsprozess vorwiegend „sozialästhetische“
und dem anderen „sozialethische“ Dimensionen zu, hält aber eine
kontradiktorische Interpretation für verfehlt. Er fragt nach den Möglichkeiten,
Ästhetik und Ethik in eine selbstreferentielle, relativierende Beziehung zu
setzen: „Fruchtbar wäre es, auszuloten, inwieweit die ästhetische Pluralisierung
auch ethische Gehalte haben kann (etwa: präsent zu halten, dass Fremdheiten
akzeptabel sind) und inwiefern umgekehrt das ethische Anspruchsniveau auch auf
die ästhetische Dimension ausstrahlen könnte (etwa: solche symbolische
Praktiken, die eine fundamentalistische Neigung zur Ausschließlichkeit haben,
dazu anzustiften, sich aneinander zu relativieren).“
Diese Einsicht weist auf pädagogische Konsequenzen, die wir
in den folgenden Kapitel entwickeln wollen, indem wir von der Erfahrung der
„Fremdheit“ ausgehend, einen pädagogischen Ansatz zu entwickeln suchen, der die
interkulturelle Kommunikation zum Ausgangspunkt macht.
Insofern ist von
Ziehe
her eine Brücke möglich zu einem Zugang zur Dritte-Welt-Thematik (dem
„Fremden“ par exellence!), die die Individualisierung der Lebensstiloptionen
voraussetzt und in einen kommunikativen Prozeß einbezieht. Wir sehen darin eine
Möglichkeit, allgemeine Enkulturationsprobleme mit Akkulturationsfragen zu
verbinden.
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