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Kulturkontakte und didaktische
Relevanz
Sozial- und geisteswissenschaftlicher Austausch
zwischen der Türkei und Deutschland auf der Ebene der Universitäten und
des akademischen Lebens trägt zunächst einmal seine Berechtigung in sich
selbst und wird von beiden Seiten als sinnvoll und nützlich angesehen.
Diese relativ geringen Begründungs- und
Legitimationsbedürfnisse des akademischen Lebens und dessen Überzeugung,
dass wissenschaftliches Arbeiten und interkultureller Diskurs per se
sinnvoll und fruchtbar sind, gilt nun durchaus nicht für die darüber
hinaus gehenden gesellschaftlichen Diskurse, für die Kontexte in denen
die Universitäten stehen und von denen sie letztlich abhängig sind.
Ein stabiles Fundament kann der sozial- und
geisteswissenschaftlicher Austausch zwischen der Türkei und Deutschland
erst gewinnen, wenn intensive Kulturkontakte zwischen den Ländern und
Kulturen zu den Selbstverständlichkeiten beider Seiten gehören, wenn das
gegenseitige Wissen über Gesellschaft und Geschichte nicht nur Sache der
akademischen Spezialisten bleibt sondern im Rahmen der eigenen
Welterkenntnis zu den topoi der jeweils eigenen Politischen Kultur
gehört.
Dabei soll dieser Vortrag die Perspektive von
Deutschland aus und auf die deutsche Politische Kultur thematisieren und
speziell danach fragen, wieweit die geforderten Kulturkontakte über die
Universitäten hinaus auch in die sozialwissenschaftlichen Fächer der
Schule implantiert werden können und müssen und wie dies in den
öffentlichen Diskursen vertreten und legitimiert werden kann. Auf der
anderen Seite wären Diskussionsbeiträge sinnvoll, welche diese Frage auch
an die türkische Seite stellen und das Problem aus türkischer Sicht
thematisieren.
1. Probleme der
Themenrelevanz
Didaktische Fragestellungen setzen curriculare
Entscheidungen voraus. Diese werden in geringerem Maße in den Schulen
selbst und durch die Fach-Lehrerinnen und -Lehrer getroffen, in höherem
Maße durch die Schulverwaltungen und Kultusministerien, das heißt also
durch die Bildungspolitik. Genau diese ist daher auch der erste Adressat
curricularer Überlegungen in der Fachwissenschaft. Die curriculare Reform
in vielen Ländern der Bundesrepublik Deutschland hat seit den späten
sechziger Jahren ein Konzept des offenen Curriculums entwickelt,
das sich nicht mehr in Lehr- und Stoffplänen sondern in
Rahmenrichtlinien und dem Bezug auf Schlüsselproblemen
artikuliert.
Die größere Entscheidungsfreiheit der Schulen und der
Lehrerinnen und Lehrer setzt damit aber auch eine größere Kompetenz in
curricularer und didaktischer Hinsicht voraus. Dennoch hält der Verfasser
dieses Vortrages den Weg, die Schulen selbst an den curricularen
Entscheidungen zu beteiligen im Interesse eines offenen gesellschaftlichen
Diskurses darüber, was Schülerinnen und Schüler lernen sollen, für
sinnvoll und zeitgereicht. Alte administrativen Themenfestsetzungen durch
die Kultuspolitik sieht der Verfasser ebenso als überholt an, wie – in
einem anderen gesellschaftlichen Bereich – das Festhalten an
zentralistischen staatlichen Planungen in der Volkswirtschaft. Dezentrale
Entscheidungsfunktionen und Verbreiterung der Kompetenzbasis sind für die
Bewältigung der aktuellen gesellschaftlichen Probleme notwendig und müssen
sich daher auch in der Bildungspolitik niederschlagen, auch wenn ein
aktueller Trend eher in restaurative Richtung weist und affirmative
Unterrichtsstrategien in Fehlinterpretation der Ergebnisse der
internationalen PISA-Studien, in denen Deutschland erwartungsgemäß recht
schlecht abgeschnitten hat, wieder öffentlicher Konsens zu werden drohen.
Der Verfasser hat lange genug an der Erstellung
staatlicher Rahmenrichtlinien und Lehrpläne für das niedersächsische
Kultusministerium mitgewirkt, um zu wissen, dass die didaktische und
curriculare Kompetenz der Kommissionsmitglieder sich nicht wesentlich von
der durchschnittlichen Kompetenz der Fach-Kollegien in den Schulen
unterscheidet und dass die Themenfindung in den gleichen intellektuellen
Bahnen vonstatten geht, wie bei einer Sitzung der jeweiligen Fachkonferenz
in der Schule. Die Legitimation der Rahmenrichtlinien-Arbeit der
ministerialen Kommissionen liegt also nicht in erster Linie in deren
größeren fachlichen Kompetenz, auch wenn dies gegenüber der Öffentlichkeit
so vertreten wird, sondern in der Fiktion der Notwendigkeit
einer Vereinheitlichung von Unterrichtsinhalten. Die in vielen Ländern
vorhandene oder gerade jetzt eingeleitete Einführung des
Zentralabiturs und schulübergreifender Leistungstests verstärkt
diesen Trend zur Vereinheitlichung von Lerninhalten.
Vergleicht man, in Kenntnis der dahinter stehenden
Interna, die inhaltlichen Zuschnitte von Lehrplänen und Rahmenrichtlinien
mit den Arbeitsgebieten und Interessenschwerpunkten der
Kommissionsmitglieder, so wird man unschwer diese als Kompromisse in den
als verbindlich angesehenen Inhalten und Themen widergespiegelt sehen.
Ein Repräsentativität mit den herrschenden öffentlichen Diskursen und mit
den Arbeitsschwerpunkten der zuzuordnenden Fachwissenschaften ist nur
insoweit zu erwarten, wie die Zusammensetzung dieser Kommissionen
entsprechende Repräsentation beanspruchen kann. Je mehr sich die
normative Setzung auf höhere Ebenen der Kultusverwaltung und
Bildungspolitik verlagert, je kleiner also auch der Kreis der an den
Entscheidungen beteiligten Fachleute ist, desto weiter entfernen sich die
Arbeitsergebnisse von sinnvollen fachlichen und öffentlichen Diskursen
und einer einzufordernden Aktualität.
Die Ausführungen sollen verstanden werden als
engagiertes Plädoyer für offene Curricula und eine möglichst breite und
kontinuierliche Einbeziehung sowohl der universitären Wissenschaft auf der
einen Seite als auch der Schulpraxis auf der anderen Seite in die
curricularen Entscheidungen und die permanent einzufordernde
Curriculumrevision. Das verlangt aber auch eine systematische
Qualifizierung der Kollegien in fachlicher und didaktischer Hinsicht für
die letztlich die Hochschulen – und nicht die Kultusverwaltungen – die
Verantwortung übernehmen müssen.
Bei der Festlegung von Unterrichtsthemen ist damit ein
sinnvoller und diskursiv abgesicherter Entscheidungsweg zu erarbeiten, der
-
die notwendigen situativen und
lerngruppenbezogenen Spielräume der Fach-Lehrerinnen und ‑Lehrer und
ihre durchaus unterschiedlichen Kompetenzschwerpunkte,
-
die Aktualität der gesellschaftlichen
Entwicklungsprozesse und internationalen Konflikte,
-
sowie die Fortschritte der bezogenen
Fachwissenschaften zu verbinden vermag.
Es ist dabei festzuhalten, dass ein verbindlicher
Bildungskanon in einer modernen, offenen Gesellschaft nicht
existieren kann und nicht konsensuell zu erarbeiten ist.
Wenn im Folgenden über das mögliche Unterrichtsthema
„Türkei“ in deutschen Schulen nachzudenken ist, muss vorher deutlich
gemacht werden, dass damit keine Prioritätensetzungen zu Lasten anderer
Themen und Problemfelder gefordert werden sollen, sondern dass die
mögliche Bedeutung des Themas „Türkei“ im curricularen Diskurs und
nachfolgend in der didaktischen Arbeit diskutiert werden soll. Die
einleitenden Bemerkungen sollen aber deutlich gemacht haben, dass es der
Auffassung des Verfassers entspricht, dass eben diese curricularen
Diskurse nicht nur auf der Ebene der Bildungspolitik geführt werden sollen
und dürfen, sondern die Einbeziehung der Unterrichtspraktiker in den
Schulen und im konkreten Unterricht erforderlich machen.
2. Curriculare Kontexte des Themas „Türkei“
Es wäre sicher nicht sinnvoll, apodiktisch die stärkere
Betonung des Themas „Türkei“ im Schulunterricht zu fordern, ohne
kontextuelle Diskurse zu führen. Es liegt für Zeitgenossen, die sich für
bestimmte Themen oder bestimmte Länder, Regionen und Kulturen
überdurchschnittlich interessieren und engagieren nahe, dieses Interesse
als übergeordnete Perspektive von der Gesellschaft und von der Schule
einzufordern. Solche fruchtlosen Dispute hat der Verfasser in
unterschiedlichen Situationen zum Beispiel bei Fachseminaren oder
Lehrerfortbildungsveranstaltungen zu Genüge erlebt und erfahren. Gerade
weil der Verfasser sich zwar seit langem mit dem Thema „Türkei“ befasst,
seit Mitte der achtziger Jahre eine Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi aufgebaut hat und auch über das Thema „Türkei“ verschiedentlich
publizieren konnte, bedeutet das ja nicht unbedingt eine Blickverengung.
Zu den Aspekten des Aufbaus einer Schulpartnerschaft vgl. die
verschiedenen Berichte auf der Web-Site des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (http://www.unesco-club-hannover.de).
Nahezu mit gleichem Engagement setzte und setzt er sich für die
deutsch-polnischen Beziehungen ein, arbeitete mit Freude und Interesse am
Thema Iran, zu dem er seine Staatsexamensarbeit geschrieben hatte, an
Themen in Ungarn oder in Nordafrika. In alle diesen Gebieten hat er
Exkursionen mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Daher macht gerade
diese Lebenserfahrung deutlich, dass Engagement alleine nicht zur
Forderung nach unterrichtlichen Prioritätensetzungen ausreicht.
Natürlich drängt erarbeitetes und akkumuliertes Wissen
und Problemorientierung zur Weitergabe und Vermittlung. Doch allein die
Einsicht, dass das Thema „Türkei“ interessant und auch wissenschaftlich
bedeutungsvoll ist, recht für curriculare Festschreibungen nicht aus
sondern ist letztlich ein Element der persönlichen Kompetenz des
Fachlehrers, die im Einzelfall jedoch zu sehr sinnvollen und die
Schülerinnen und Schüler motivierenden Unterrichtseinheiten führen kann.
Curriculare Entscheidungen für das Thema „Türkei“ in
der Schule, vor allem im sozialwissenschaftlichen und geographischen
Unterricht können in folgenden Problemfeldern und Diskursebenen
erarbeitet und evaluiert werden:
Wissenschaftliche Bedeutung und Exemplarität des
Themas. Die Türkei ist für die internationale und insbesondere auch
die deutsche Sozialwissenschaft ein exemplarisches Thema, in dem die
politische und ökonomische Inkorporation einer Semiperipherie in die
Einflussbereiche der globalen sozioökonomischen Zentren studiert,
ihre Auswirkungen auf die innere Strukturen der semiperipheren
Gesellschaft, die Entwicklung regionaler und sozialer Disparitäten und
Binnenperipherien wie auch der politischen Wandlungen vom Osmanischen
Reich zur Türkischen Republik untersucht werden können.
Das Verhältnis zwischen der Türkei und Europa ist nicht nur durch die
räumliche Nachbarschaft sondern auch durch die Verflechtungen in der
Geschichte und der kulturellen Interdependenz so eng, dass dieses Thema
für die Erarbeitung von Maßstäben für die Außenwirkung der europäischen
Politik sicherlich einen besonders hohen und exemplarischen Rang
besitzt, dem schulische Erarbeitung durchaus folgen kann und soll. Das
verlangt aber auch vom Schulunterricht, über die reine Stoffvermittlung
hinaus distanzierende Mehrebenenmodelle der politischen und sozialen
Realität anzuvisieren und die Exemplarität des Themas vermitteln zu
versuchen.
Bedeutung des Themas für die Gesellschaft. Dass
der mögliche EU-Beitritt der Türkei in der Politik der Bundesrepublik
Deutschland heftig diskutiert wird und zu Polarisierungen führt, ist zwar
ein Symptom für die politische und gesellschaftliche Bedeutung des Themas
„Türkei“, sicherlich aber noch nicht eine ausreichende Begründung dafür,
eine tatsächliche, zukunftsrelevante Bedeutung darin zu erkennen.
Politische Diskussionen im öffentlichen Raum sind zu sehr taktisch
motiviert und im Machtkampf funktionalisiert, als dass man in ihnen
tatsächliche gesellschaftliche Relevanz erkennen könnte. Dass sich die
Emotionalisierung jedoch sehr leicht auf eine breitere Öffentlichkeit
überträgt und bestimmte Diskurskontexte eröffnet, die durchaus nicht im
Selbstverständnis der säkularen Türkischen Republik begründet sind, wenn
das Thema „Türkei“ in der deutschen Öffentlichkeit vor allem unter dem
Aspekt des Kulturkonfliktes und des problematischen Verhältnisses zum
Islam wahrgenommen wird, verweist auf eine Tiefenschicht des Problems, das
zu einer notwenigen Konfrontation mit der eigenen Kultur und Geschichte
führt und führen muss.
Die Bedeutung eines Themas für die Gesellschaft hat
verschiedene Dimensionen, die auch am Thema „Türkei“ verdeutlicht werden
können:
-
Die aktuelle politische Situation:
Aufgaben für die Politik. Maßstab für diese Perspektive sind die
Auseinandersetzungen in den zuständigen politischen Entscheidungsgremien
– zum Beispiel Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat in der
Bundesrepublik Deutschland oder entsprechend in den Gremien anderer
Länder – und in den gesellschaftlichen Orten der diese Entscheidungen
vorbereitenden öffentlichen Meinungsbildung – Medien, Parteien, Verbände
–. In Bezug auf die Türkei hat dies drei verschiedene relevante Aspekt:
außenpolitisch – die Türkei als möglicher Beitrittskandidat zur
EU, nachdem eine Teilintegration schon längst vollzogen ist, wie auch
die Aufnahme der Türkei in die EU-Förderprogramme „Erasmus“ und
„Sokrates“ deutlich macht –, innenpolitisch – als Reaktion auf
öffentliche (Vor-)Urteile über die Türkei – und migrationspolitisch
– in Bezug auf das übergreifende Problem aktueller Migrationsströme, die
in der Soziologie von der Migrationsforschung, zu der das
Soziologische Institut der Universität Hannover Wesentliches beigetragen
hat und beiträgt, bearbeitet werden – auch wenn die praktische Politik
diese wissenschaftlichen Ergebnisse noch kaum zur Kenntnis nimmt
geschweige denn politisch umsetzt.
-
Die inner-gesellschaftlichen
Konflikte. Diese reproduzieren in erster Linie eigene soziale
Konflikte und sind ohne Bezug auf eine Analyse der Machtprozesse nicht
hinreichend zu verstehen. Drei verschiedene Bedeutungskontexte sind hier
zu unterscheiden: Sozialkonflikte zwischen „Einheimischen“ und „Migranten“
(Zuwanderern z.B. aus der Türkei), wobei diese Konflikte kaum rational
zu begründen sind sondern auf „Konkurrenzkampf“ um Arbeitsplätze und
Sozialchancen, auf „Kulturkonflikte“ z.B. zwischen „Deutschen und
Türken“, deren Inhalt völlig undifferenziert und unklar bleibt, aber von
den konservativen Eliten zur eigenen Machlegitimierung ausgenutzt werden
(vgl. den so genannten „Kopftuchstreit“ der deutschen Kultusminister,
der „Kopftuch“ und „Türkei“ und „Islam“ zu einer Bedeutungseinheit
zusammenzubringen versucht) und auf Fragen einer sich durch Abgrenzung
gegen das „Fremde“ stützenden nationalen „Identität“ bezieht.
3. Mehrschichtige
Curriculare Konzepte
Es ist erkennbar geworden, dass keine der genannten
Bedeutungsdimensionen des Themas „Türkei“ – wie es gleichfalls für alle
anderen kognitiv-sachorientiert konzipierten Themencurricula gilt – den
Anforderungen einer konsensfähigen Begründung für eine verpflichtende
Einbeziehung in eine Curriculum der Sozialwissenschaften und der
Politischen Bildung genügt.
Dass aber andererseits die Gesamtheit der
Bedeutungsperspektiven den gesellschaftlich hohen Rang und die Wichtigkeit
einer Beschäftigung mit der Türkei in historischer, geographischer und
gesellschaftlich-politischer Hinsicht deutlich macht.
Es scheint also so zu sein, dass es grundsätzlich nicht
möglich ist, aus der Sachimmanenz heraus curriculare Normen und Lernziele
zu legitimieren und noch weniger daraus abzuleiten, noch zu einem
gesellschaftlich konsensfähigen und interpersonell kommunizierbaren
Bildungskanon zu verdichten. Die Hoffnung auf einen solchen
gesellschaftlichen Grundkonsens ist durchweg illusorisch und führt den
Bildungspolitiker wie den Schulpraktiker in die Irre.
Dass dieses Streben nach einem verbindlichen
Bildungskanon – meist eher aufgefasst als Kanon des „Wissens“ und der
Wissensinhalten – heute zunehmend wieder an Bedeutung gewinnt und in der
öffentlichen Meinung mit positiver Konnotation kommuniziert wird, erweist
weniger Sinn und Bedeutung dieses Ansatzes, denn die gesellschaftliche
Verunsicherung darüber, was Lernen überhaupt ist und was gelernt
werden kann und gelernt werden soll. Dies wäre nun eigentlich ein
sinnvoller Ansatz, diskursive Bildungskonzepte zu entwickeln. Doch das
Gegenteil ist der Fall: Die gesellschaftliche Unsicherheit wird genutzt,
traditionalistische affirmative Bildungsvorstellungen zu diskutieren und
zunehmend wieder verbindlich zu machen.
Aus der – auch wissenschaftlichen – Beschäftigung mit
den Konflikten und Entwicklungsprozessen in den Transformationsländern
und den semiperipheren Regionen, mit den Transistionsgesellschaften die
„auf dem Wege nach Europa“ sind oder sich im Gegenteil dazu in der
„Ablehnungsfront“ gegen westlichen Wert- und Kulturoktroy verorten, ist
die geringe Haltbarkeit eindimensionaler Realitätskonzepte und „einfacher
Weltbilder“ zu erkennen.
Gerade diese Einsicht muss in der curricularen und
didaktischen Arbeit eingebracht und umgesetzt werden. Blicken wir noch
einmal zurück auf die eingangs entwickelten verschiedenen Dimensionen der
Bedeutung des Themas „Türkei“ für die deutsche Politische Bildung, so muss
ein Umsetzungsversuch, der von den einzelnen Perspektiven ausgeht und von
ihnen begründet wird, scheitern und pädagogisch wie gesellschaftlich in
die Irre gehen.
Es kann also nicht heißen: Wie kann ich das Thema
„Türkei“ unterrichten und welchen Stellenwert kann es in einem
sozialwissenschaftlichen Gesamtcurriculum einnehmen, sondern es muss
die Frage gestellt werden: In welchen Erfahrungs- und
Vermittlungskontexten in der Schule wie in der Öffentlichkeit tausch das
Thema „Türkei“ unabweisbar auf?
Insofern sind in einem curricularen und didaktischen
Diskurs zweifellos alle angesprochenen Bedeutungsebenen des Themas
gleichzeitig und gleichermaßen präsent und charakterisieren und umreißen
ein – im übertragenen Sinne – semantisches Bedeutungsfeld des Themas
„Türkei“.
Nicht die Türkei als solche ist somit das Thema, wenn
soziale Realitäten nicht als vorgegebene Entitäten, in die es sich gilt
einzufügen, wahrgenommen werden, sondern als hochkomplexe
Entwicklungsprozesse, deren Bedeutung und Zukunftsrelevanz nur dann
erkannt werden kann, wenn der Erkenntnisprozess selbst, die
Themenrezeption in der Gesellschaft, der Öffentlichkeit wie der Schule und
im Unterricht zum Thema gemacht wird. Da dies grundsätzlich auch für das
sozialwissenschaftliche Arbeiten in den Universitäten zu gelten hat, ist
die These aufzustellen, dass in verstärktem Maße Wissenschaft aus der
didaktischen Reflexion heraus geformt und strukturiert werden muss.
Der philosophisch zu begründenden These von der
Mehrschichtigkeit der Realität ist die These von der notwendigen
Differenzierung und Distanzierung didaktischen Arbeitens zur Seite zu
stellen. Curriculum und Didaktische Modelle sind also nicht wie meist
missverstanden als normative Setzungen und praxisbezogene
Umsetzungen zu verstehen, sondern als integrale Teile
gesamtgesellschaftlicher Diskurse, in die sie interdependent zurückwirken
(müssen).
4. Die Türkei in diskursiven schulischen Zusammenhängen
Damit sind wir zur Zusammenfassung und Schlussfolgerung
gelangt, die auf die grundsätzliche Implantierung des
Diskurs-Begriffes in die curriculare und didaktische Arbeit hinzielt.
Verfolgen wir die sichtbaren gesellschaftlichen
Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland, so werden wir feststellen,
dass das Thema „Türkei“ immer wieder auftauscht. Die Analyse dieser
Diskurse zeigt dabei mehrere Charakteristiken:
-
Das Thema „Türkei“ wird allgemein als
ein brisantes und umstrittenes politisches Thema angesehen, zu dem in
den herrschenden politischen Gremien Entscheidungs- und Handlungsbedarf
gesehen wird, obwohl die Erörterung gerade dieser angenommenen
„Wichtigkeit“ eher rudimentär und argumentativ schwach bleibt.
-
Das Thema „Türkei“ provoziert in der
Öffentlichkeit emotional gefärbte und aggressive aber auch kontroverse
Reaktionen, die aus den gegebenen Anlässen heraus kaum je hinreichend zu
erklären oder abzuleiten sind.
-
Das Thema „Türkei“ ist auf der
anderen Seite im Bereich der mitteleuropäischen „Hochkultur“ in der
Geschichte eher als Kuriosum und Exotismus präsent und heute noch eher
marginal. Gerade das entspricht keineswegs den (bildungs-)politischen
„Aufgeregtheiten“, die aktuell mit dem Thema verknüpft sind.
-
Das Thema „Türkei“ ist im Gegensatz
zu Themen, die sich mit anderen Regionen der Welt beschäftigen, in den
Curricula nur relativ peripher vertreten, was der Gewichtung der eben
gemachten Beobachtung entspricht.
-
Das Thema „Türkei“ ist in der
Politischen Kultur Deutschlands nur sehr widersprüchlich verankert;
seine Thematisierung erzeugt Unsicherheit und ambivalente emotionale
Reaktionen.
Diese Beobachtungen können hier nicht empirisch
untermauert werden, dazu ist hier nicht der Rahmen gegeben. Gerade für die
historische Forschung ergeben sich hier noch fruchtbare Themen und
Desiderate: vielleicht eine Anregung an anwesende Historiker?
Sicher könnte man auf einige aktuelle Tatsachen in
Bezug auf die Türkei und ihre Beziehungen zu Europa gerade vor dem
Hintergrund der Diskussion um einen möglichen EU-Beitritt der Türkischen
Republik hinweisen, deren sachliche Ambivalenz korrespondiert mit der
Ambivalenz der Rezeption des Thema „Türkei“ in Deutschland:
-
Die Türkei ist selbst in einem
schnellen und in sich spannungsreichen und widersprüchlichen
Entwicklungsprozess begriffen, der es schwer macht, ein einheitliches
Bild des Landes zu gewinnen und zu vermitteln. Industrialisierung und
Wirtschaftskrise, Defizite der Entwicklung der Binnenperipherien,
gesellschaftliche Konflikte, die von Außen her schwer zu verstehen sind,
wenn man zum Beispiel die Wahlergebnisse zum türkischen Parlament
verfolgt. Für diejenigen in Deutschland, die sich nicht eingehender mit
der Türkei beschäftigen, liegt daher eine kulturelle
„Komplexitätsreduktion“ der Wahrnehmung des „Fremden“ nahe, die dann
entweder zur „Urlaubsparadies“, zum „Orient“ oder zum aggressiven
„Islamismus“ vereinfacht wird. Diesen Komplexitätsreduktionen entgegen
zu steuern ist daher nicht nur im Interesse eines sachgerechten
Türkei-Bildes notwendig, sondern vor allem als grundsätzliche
pädagogische Aufgabe, Schülerinnen und Schüler zu befähigen,
vielschichtige soziale und historische Realitäten als solche zu
erkennen und nicht vorschnell nach „einfachen Ergebnissen“ zu suchen.
-
Die ethnischen Konflikte, mit denen
sich die Türkische Republik immer wieder konfrontiert sieht, legen für
nicht Betroffene sehr leicht stark vereinfachende Beurteilungs- und
Bewertungsmuster nahe, deren Normkonzepte aus der eigenen Politischen
Kultur und den eigenen Sozialerfahrungen abgeleitet und distanzlos
übertragen werden. Die unmittelbare Identifikation mit „Minderheiten“,
die in Deutschland gerade bei politisch aktiven und an
Gerechtigkeitsvorstellungen orientierten jungen Menschen zu beobachten
ist, bleibt in ihrer Spontaneität auf schlichte „Schwarz-Weiß-Muster“
reduziert, bei denen Identifikationen nicht in Frage gestellt werden
(können) und Gerechtigkeit und Recht immer auf der Seite des (angeblich)
sozial Benachteiligten und Schwächeren gesehen werden. Gerade hier ist
es eine grundsätzliche pädagogische Aufgabe, die sozialen und
historischen Prozesse als historische Artefakte zu begreifen, wie sie
zum Beispiel in der Zivilisationstheorie von Norbert Elias
entwickelt worden sind. Hier ist die Einsicht zu vermitteln, dass
Ethnien, Völker und Staaten in der Geschichte entstandene und
erkämpfte „Überlebenseinheiten“ und dass es eine nachgeordnetes
ideologisches Konstrukt ist, von Ethnien als Abstammungsgemeinschaften
o.ä. zu sprechen. Der Prozess der Ethnogenese ist in den meisten
Fällen eine neuzeitliche Begleiterscheinung des Prozesses des „nation
building“ und der Entstehung der modernen Staatsgesellschaft. Die
ethnische (Selbst‑)Definition der Minderheiten ist eine Antwort auf die
Ethnifizierung der Mehrheitsgesellschaft, deren soziale Kohäsion
sich davon abhängig macht.
Ich kann im Rahmen dieser kurzen Darstellung diese
Problemkreise nur kurz antippen, um deutlich zu machen, dass die fachliche
und soziale Rezeption des Themas „Türkei“ durchaus nicht ein Spiegelbild
scheinbarer „objektiver Sachverhalte“ der Geschichte, Geographie und
Gesellschaft der Türkei ist, sondern ein hochkomplexes Vexierbild aus der
Rezeption der eigenen Geschichte und Politischen Kultur, die sich
konfrontiert sieht mit widersprüchlichen durch Medien vermittelten oder
aus eigenen Urlaubserfahrung stammenden „Türkei-Bilder“.
Das gilt nun aber vor allem für die „typischen
deutschen Schülerinnen und Schüler“, die aber schon längst nicht mehr die
deutsche Schule ausmachen.
Was ist mit der großen Zahl türkischer oder aus
(teilweise) türkischen Familien stammenden Schülerinnen und Schülern? Hier
muss das Thema der Curricularen Diskurse auf eine neue Stufe gehoben
werden. So genannte „türkische Schülerinnen und Schüler“, die als Gruppe
wenigstens ebenso differenziert und heterogen sind wie die übrige
Schülerschaft, müssen sich mit dem Thema „Türkei“ aus zweifacher
(mehrfacher) Perspektive befassen, mit anderen Identifikationsmustern und
mit einer anderen Einbindung in die Enkulturationsprozesse der familialen
Sozialisation.
Ich werde hier etwas früh und kurz einfach mit einem
résumierenden Problemaufriss abschließen: Curriculare und Didaktische
Arbeit scheitert fundamental, wenn sie sich nicht den gesellschaftlichen
Diskursen öffnet, in diese eingebunden wird. Curriculare und Didaktische
Arbeit kann sich nicht mehr auf einen gesellschaftlichen Minimalkonsens
über einen Bildungskanon oder gemeinsame Bildungsziele gründen;
Bildungsinhalte und Bildungsziele sind augenblickliche Zustände
gesellschaftlich gegründeter Diskurse. Curriculare und Didaktische Arbeit
kann nicht mehr von einem einheitlichen Schülerbild ausgehen, wenn kaum je
eine Lerngruppe mit einer anderen kulturell und sozial-kontextuell
vergleichbar ist; es muss immer wieder neu erarbeitet werden, für wen
welche Bildung notwendig, sinnvoll und erzielbar ist. Damit ist die Schule
konkret gefordert, sich in die curricularen und didaktischen Diskurse der
Öffentlichkeit einzumischen.
Grundsätzlich muss davon abgegangen werden,
Schülerinnen und Schüler als Objekte der Beschulung zu sehen: sie
sind selbst Teil und Subjekt des Bildungsdiskurses und es hängt weitgehend
von ihnen und ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen ab, welchen Stellenwert
das Thema „Türkei“ in Zukunft in deutschen Schulen haben wird.
5. Die Zukunft diskursiver curricularer Konzepte
Die aktuellen Perspektiven im Jahr 2004 für offene,
schüler- und problemzentrierte und diskursive curriculare Konzepte sind in
der bundesdeutschen Schullandschaft düster. Nicht nur Länder wie
Niedersachsen – in dem der Verfasser unterrichtet –, das nach der letzten
Landtagswahl einen fundamentalen Politikwechsel durchmacht, sondern
eigentlich alle Bundesländer unabhängig von den parteipolitischen
Mehrheiten setzen auf traditionelle, von der wissenschaftlichen Pädagogik
als überholt angesehene pädagogische Konzepte, in denen kognitive und
administrativ verordnete Stoffkanons im Vordergrund stehen und als Grant
für „Vergleichbarkeit“ und „Überprüfbarkeit“ angesehen werden. Dass in
einer solchen affirmativ ausgerichteten Lernatmosphäre freiere und
aktualitätsbezogene curriculare Überlegungen, die in gewissen Fällen zu
Themenbereichen wie der Semiperipherieforschung, der Türkei und der
Migrationsproblematik führen können, keine Chancen mehr haben, ist nicht
nur eine Befürchtung, sondern schon bestätigte Erfahrung.
Die aufgezeigten Ansätze, sich einer reflektiven
didaktischen Erörterung der Möglichkeiten zum Thema „Türkei in Europa“ im
Schulunterricht zu nähern, sind durch diese aktuellen Entwicklungen in der
Schulpolitik – die damit einen Bewusstseinswandel in der politischen
Öffentlichkeit nachvollzieht – und durch die immer rigider
eingeschränkten Möglichkeiten des unmittelbaren Unterrichtsalltages noch
weniger umzusetzen als es unser ohnehin eher vorsichtiger
Diskussionsansatz nahe gelegt hat.
Im Regelfall wird eine didaktischer Kompetenz von
Politik- und Geographielehrern nicht mehr eingefordert; es bleibt
höchstens noch der Rekurs auf basale methodische Professionalität.
Ansonsten wird der gesellschaftswissenschaftliche,
raumwissenschaftliche und historische Unterricht zu einem
Transmissionselement vorgegebener und vorgeschriebener Inhalte, vo denen
ein stereotyper Problemgehalt als zu vermittelnde „Einsichten“ als
„selbstverständlich“ vorausgesetzt wird. Das in Niedersachsen in den
Rahmenrichtlinien noch verbindliche Konzept der „Schlüsselprobleme“, die
schon angesprochen wurden, wird damit unterlaufen und konterkariert.
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Anmerkungen
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Hinweise
auf Internet-Vernindungen
Die
Türkei ist ein aktuelles und kontroverses Thema
für den Politikunterricht. Es ist
daher sinnvoll, erneut in eine
didaktische Reflexion einzutreten. Hilfen
für die Arbeit mit dem Thema Türkei finden
sich u.a. auf den Web-Sites
http://www.voigt-bismarckschule.de
und
http://www.dta-uni-hannover.de
in der die
Veröffentlichungen der DTA
Deutsch-Türkische Vereinigung für Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Austausch, Hannover, zu finden sind.
Neue
Aufsätze und Ansätze aus dem "Netzwerk Interkulturelle Kommunikation"
finden sich in der Web-Site
http://www.tuerkei-didaktik.de
Inhalt
Kulturkontakte und didaktische
Relevanz
1. Probleme der
Themenrelevanz
2. Curriculare Kontexte des Themas „Türkei“
3. Mehrschichtige
Curriculare Konzepte
4. Die Türkei in diskursiven schulischen Zusammenhängen
5. Die Zukunft diskursiver curricularer Konzepte
Literatur
Anmerkungen
Impressum für diese Seite
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Vortrag für das Colloquium der
Deutsch-Türkischen Vereinigung für Sozial- und Geisteswissenschaftlichen
Austausch, Hannover, e.V. (am Soziologischen Institut der Universität
Hannover) 30.10.-6.11.2003 in der Cukurova Üniversitesi bei Adana. Wegen
dienstlicher Verhinderung konnte der Text auf der Tagung nicht vorgetragen
werden.
Redaktion: August 2004,
Überarbeitung August 2005,
durchgesehen 25.12.2008
Der Autor: Gerhard Voigt, Jg. 1944, ist OStR
für Politik und Geographie am Gymnasium
Bismarckschule Hannover.
Pensioniert im August 2009.
Vorstandsmitglied und seit 2004 Vorsitzender der
Deutsch-Türkischen
Vereinigung für Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Austausch, Hannover
(gegründet am Soziologischen Institut der Universität Hannover. Nach 2004
als eingetragener Verein aufgelöst und überführt in eine
Artbeitsgemeinschaft des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover – Vorsitzender des
Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover, und
bis zur Pensionierung im Sommer 2009 des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V. – Veröffentlichungen zur Politik- und Geographiedidaktik,
mit regionalen Schwerpunkte Polen, Südosteuropa, Türkei, Vorderasien und
Nordafrika
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